Verwunderung im ÖSV-Damenteam über Rücktritts-Debatte

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Schrocksnadel überlegt, wie Österreich "die Nummer eins bleiben" kann
Schrocksnadel überlegt, wie Österreich "die Nummer eins bleiben" kann - © APA (Pfarrhofer)
Dass ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel einigen arrivierten Läuferinnen wie Michaela Kirchgasser den Rücktritt ans Herz gelegt hat, sorgt in Österreichs Damen-Skiteam für große Verwunderung. “Das hat er so nicht gesagt. Er hat sie nie wörtlich genannt, das weiß ich von ihm persönlich”, reagierte auch Rennsportleiter Jürgen Kriechbaum erstaunt.

Das Damenteam Kriechbaums ist von Rücktritten und Verletzungen stark dezimiert worden. Schröcksnadel hatte nach dem Nachtslalom in Flachau zwar vor allem die jungen ÖSV-Läuferinnen wie Katharina Truppe – die Kärntnerin schaffte mit Platz sechs den Sprung zum City Event in Stockholm – gelobt, aber Unzufriedenheit über einige “Arrivierte” geäußert.

“Wenn es nicht mehr geht, ist es eben vorbei. Dann muss man eben aufhören und einfach gehen”, wurde Schröcksnadel in der “Kleine Zeitung” zitiert. Laut der Zeitung sei damit die verletzt fehlende Kirchgasser (31) gemeint gewesen.

“Er kann sie gar nicht gemeint haben. Sie ist für uns, wenn sie fit ist, bei der WM nach wie vor eine Medaillen-Kandidatin in der Kombination”, wunderte sich Kriechbaum. “Es wäre ein Selbstfaller, wenn er sie gemeint hätte.”

Wen Schröcksnadel gemeint haben könnte, war auch für den Coach ein Rätsel. “Vielleicht jemanden bei den Herren? Das muss man ihn persönlich fragen”, sagte Kriechbaum. “Er beurteilt sehr viele Dinge und hat eine kräftige Meinung, das ist zu respektieren. Aber wenn er jemand konkret gemeint hat, sollte er es denen direkt sagen und nicht über die Presse.”

Angesprochen fühlen könnte sich auch die bald 36-jährige Elisabeth Görgl. Die Doppel-Weltmeisterin von 2011 hat in diesem Winter noch keine nennenswerte Ergebnisse gebracht, peilt aber nach wie vor einen WM-Start in St. Moritz an.

“Natürlich gehören Leistungen her. Aber ich fühle mich nicht angesprochen. Unser Chef müsste uns so gut kennen, dass er weiß, dass wir wissen, worum es geht”, erwiderte die Steirerin, bei der es zuletzt im Training wieder deutlich besser gelaufen ist.

Görgl, in der “bereinigten” Weltcup-Abfahrtsstartliste die Nummer zwei hinter Mirjam Puchner, nahm auch Kirchgasser in Schutz. “Sie hat sehr schnelle Schwünge und oft ist es nur eine Nuance, und es läuft wieder. Auch mich hatte man vor drei Jahren schon abgeschrieben und dann habe ich in Val d’Isere wieder gewonnen.”

Kirchgasser selbst ist Zweite der Kombinations-Jahreswertung und war zuletzt in Val d’Isere Kombi-Fünfte geworden. Auf den Flachau-Slalom hatte die dreifache Team-Weltmeisterin aus Salzburg verzichten müssen, weil ihr verletztes Knie wieder zu schmerzen begonnen hatte. Zudem ist die sogenannten Baker-Zyste geplatzt.

Mit einem entzündungshemmenden Medikament soll Kirchgasser wieder fit und renntauglich gemacht werden. Kriechbaum: “Wenn die Schwellung abheilt und vorher noch ein Training möglich ist, ist die Kombi am Sonntag in Zauchensee durchaus ein Thema.”

ÖSV-Präsident Schröcksnadel lässt im Lichte nachlassender Alpin-Erfolge gerade untersuchen, wie man in Zukunft die Position an der Spitze des Skirennsports sicherstellen kann. Ein Zugang laute individuellere Betreuung, verriet der Tiroler am Rande des Damen-Weltcups in Flachau. “Wir wollen die Nummer eins bleiben.”

Österreich sieht sich bekanntlich als Skination Nummer eins und unterstreicht das seit einem Vierteljahrhundert im Weltcup durch den ununterbrochenen Gewinn des Nationencups. Multierfolge wie der von Hermann Maier angeführte Neunfachsieg 1998 beim Herren-Super-G auf dem Innsbrucker Patscherkofel sind heute aber unmöglich. Zuletzt hielten vor allem Einzelathleten wie Marcel Hirscher oder bis zu ihrer schweren Verletzung Anna Veith (Fenninger) im Weltcup und bei Titelkämpfen die Fahnen hoch.

Veith hatte vor ihrer Verletzung um (noch) mehr Individualität im ÖSV gekämpft und hat nun ähnlich wie Hirscher ein spezielles Betreuerteam um sich geschart, das auch einen eigenen (selbst bezahlten) Physiotherapeuten sowie eine Pressesprecherin umfasst. Viele Erfolgsgeschichten im Alpinrennsport seien von Läufern mit Individualbetreuung bzw. Privatteams geschrieben worden, betonte Schröcksnadel, dessen Strukturen jahrzehntelang auf Teamgeist und gemeinsames Training ausgerichtet waren.

Es gibt auch nach wie vor höchst erfolgreiche Gegenentwürfe wie Norwegen, wo das Team über allem steht. Sonst aber würden eher Individualisten vorne sein. “Selbst die Italiener überzeugen vor allem durch Masse. Aber einen Seriensieger wie Hirscher haben sie nicht”, machte Schröcksnadel deutlich.

Deshalb wird jetzt der Hebel angesetzt. Man müsse “aus dem Kastl denken”, also im Kopf neue Wege gehen, wenn es mit dem gewohnten Mannschaftsgefüge nicht mehr funktioniere, empfahl der Boss.

Kleine Einheiten oder Privatteams sind nichts Neues. Marc Girardelli oder Günther Mader haben das schon vor Jahrzehnten getan. Eine Lara Gut oder eine Tina Maze kämpften sich mit Privatteams an die Spitze. Lindsey Vonn hat über das Team hinaus eine eigene professionelle Struktur, die von ihrem Privatsponsor organisiert wird.

“Fast alle Guten sind heute Einzelkämpfer”, betonte Schröcksnadel. “Auch die Slowaken, die Slowenen, die Amerikaner. Aber auch ein Marcel Hirscher. Was er macht, unterstützen wir sinnvoll.”

Eine entsprechende Spezialbehandlung müsse man sich aber verdienen, unterstrich der Tiroler. “Es geht ja nicht um den Mittelbau sondern um jene, die gewinnen können.”

“Also müssen wir überlegen was es braucht, um zu gewinnen. Und ein System entwickeln, dass die, die eine Chance haben ganz vorne zu landen, unterstützt.” Wie dieses Modell aussehen könnte, werde gerade untersucht. Eines sei klar: “Anderswo müssen sie am Bauernhof arbeiten, um den Trainer bezahlen zu können. Auch unsere Leute müssen lernen, zu kämpfen, wenn sie ganz vorne mitfahren wollen. Da musst du wirklich ans Limit gehen, sonst gewinnst nichts.”

Vom Verband her gelte es also, Spitzenläufern auch verstärkt im Training entsprechende Möglichkeiten zu schaffen, individuell zu trainieren. “Wir müssen genau überlegen, ob unser System noch zeitgemäß ist und welche Leute man besser individuell betreut.”

Eventuell sogar schon im Nachwuchs, also bei den 15- oder 16-Jährigen. Hier würde Ex-Rennfahrer Christian Greber aber bereits erfolgreich an einem neuen System arbeiten, berichtete Schröcksnadel.

Das bestehende System sei sicherlich erfolgreich und weiterhin gut, um Nachwuchs heranzubilden. “Aber um zu gewinnen, ist es überholt.” Für einen künftigen Sonderstatus müsse man wie Hirscher oder Veith die richtige Einstellung mitbringen. “Wenn sich wer aufregt, warum er das nicht bekommt, kann er ja eine oder zwei Sekunden schneller fahren. Anna Veith hat das ja auch geschafft.”

Dass es speziell bei den ÖSV-Damen zahlreiche Verletzungen gegeben hat, ist natürlich auch an Schröcksnadel nicht vorbeigegangen. Der Chef stellte sich trotz der aktuellen Negativ-Spirale hinter das Team und lässt die allesamt im Training passierten Unfälle gerade von Anton Giger untersuchen. “Keine Nation kann es sich leisten, eine ganze Mannschaft auf einen Schlag zu verlieren.”

(APA)

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