Österreichisches Deutsch verdrängt: “Servus” und “Pfiati” vertschüssen sich

4Kommentare
Die jüngere Generation tendiert stärker zu sogenannten “Deutschlandismen” als zum Österreichischen
Die jüngere Generation tendiert stärker zu sogenannten “Deutschlandismen” als zum Österreichischen - © Bilderbox.com (Sujet)
Bei diesen Tatsachen wird es so manchem Österreicher die Haare aufstellen: “Tschüss” statt “Servus” oder “Pfiati”, “Junge” statt “Bub”, “die” statt “das Cola” bzw. “die” statt “das E-Mail” sind einer Studie zum Standarddeutsch bei Jugendlichen zufolge auf dem Vormarsch.

In einem vom Wissenschaftsfonds FWF geförderten Forschungsprojekt konstatieren der Linguist Rudolf de Cillia (Uni Wien) und seine Mitarbeiterinnen Jutta Ransmayr und Elisabeth Fink einen “altersspezifischen Sprachwandel”: Die jüngere Generation tendiert stärker zu sogenannten “Deutschlandismen”.

Studie zum Standarddeutsch an Schulen in Österreich

Die Ergebnisse sind eine Art “Nebenprodukt” einer nun abgeschlossenen Studie zur Rolle des österreichischen Standarddeutsch in seiner Funktion als Bildungs- und Unterrichtssprache an österreichischen Schulen. Insgesamt wurden dafür mehr als 1.250 Schüler der Sekundarstufe II sowie rund 160 Lehrer aller Schularten aus allen Bundesländern mit Fragebögen befragt und Interviews mit 21 Lehrern geführt. Außerdem nahmen die Forscher in sieben Schulklassen als Beobachter am Unterricht teil und organisierten je eine Gruppendiskussion mit Lehrern und Schülern.

Sagen Sie “Junge” oder “Bub”?

Unter anderem gaben die Sprachwissenschafter den Schülern und Lehrern 30 Beispielsätze vor, die Wahlmöglichkeiten zwischen je zwei Varianten (entweder Austriazismen oder Deutschlandismen) enthielten. So hatten die Teilnehmer etwa die Wahl zwischen “der Junge” oder “der Bub”, “in die Schule gehen” oder “zur Schule gehen”, “einem Einser” oder “eine Eins”,”Schweinsbraten” oder “Schweinebraten” bzw. “schmeckt sehr gut” oder “ist sehr lecker”. Ergebnis: 61 Prozent der Lehrer, aber nur 46 Prozent der Schüler bevorzugten dabei die Austriazismen.

91 Prozent der Schüler und 60 Prozent der Lehrer entschieden sich für “die” SMS, 79 Prozent der Schüler und 57 Prozent der Lehrer drückten einen “Pickel” statt eines “Wimmerls” aus, 82 Prozent der Schüler und 43 Prozent der Lehrer schrieben “eine” E-Mail, 69 Prozent der Schüler und 35 Prozent der Lehrer gaben dem “Jungen” den Vorzug gegenüber dem “Bub”, 53 Prozent der Schüler und 22 Prozent der Lehrer schlürften “die” Cola.

Auch dominante Austriazismen vorhanden

Es gibt aber auch durchaus dominante Austriazismen: Umgekehrt ließen 97 Prozent der Lehrer und 89 Prozent der Schüler das Jahr mit dem “Jänner” (statt Januar) beginnen, die gleichen Prozentsätze gaben “bin gestanden” den Vorzug gegenüber “habe gestanden”. “Schweinsbraten” statt “Schweinebraten” wollten 84 Prozent der Lehrer und 82 Prozent der Schüler verzehren, 96 Prozent der Lehrer und 82 Prozent der Schüler wählten den gemeindeutschen Ausdruck “schmeckt sehr gut” gegenüber “ist sehr lecker”.

Grußformeln: Servus, Pfiati oder Ciao?

In einer eigenen Frage erhoben die Forscher außerdem, mit welcher Grußformel sich die Probanden verabschieden würden (Mehrfachnennungen möglich). Zur Auswahl standen dabei “Tschüss”, “Baba”, “Pfiati”, “Ciao” und “Servus”. Ergebnis: 79 Prozent der Schüler nannten “Tschüss”, 32 Prozent “Ciao”, 22 Prozent “Servus” und je zehn Prozent “Baba” und “Pfiati”. Bei den Lehrern kam “Tschüss” auf 60 Prozent, “Servus” immerhin noch auf 50 Prozent, “Pfiati” auf 31 Prozent, “Ciao” auf 23 und “Baba” auf 22 Prozent.

Jüngere tendieren zu Deutschlandismen

Je jünger die Probanden, desto eher zeigte sich eine Tendenz zu Deutschlandismen. Das galt auch für die Gruppe der Lehrer. Konstruierte man aus den Befragungs-Daten zwei “Generationen” (bis 21 Jahre bzw. ab 41 Jahre unter Außerachtlassung der Gruppe dazwischen), wurde das Ergebnis noch deutlicher: 64 Prozent der älteren, aber nur 46 Prozent der jüngeren Generation – also weniger als die Hälfte – wählte durchschnittlich die Austriazismen.

Fernsehen spielt dabei eine große Rolle

Grund für die stärkere Verbreitung der Deutschlandismen dürfte das Medienverhalten sein, vermutete de Cillia im APA-Gespräch. Die Forscher erhoben nämlich auch den TV-Konsum. Dabei zeigte sich, dass jene Schüler, die angaben, nur deutsche Kanäle zu sehen, signifikant öfter Deutschlandismen verwendeten als jene, die nur österreichische Sender einschalteten bzw. Programme aus beiden Staaten ansahen.

(apa/red)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


4Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen

HTML-Version von diesem Artikel