Österreichischer Impfplan 2016: Weiterhin Nachholbedarf bei Masern

Am 16. Jänner ist Impftag
Am 16. Jänner ist Impftag - © dpa (Sujet)
Am Samstag wird der Österreichische Impftag begangen. An den Empfehlungen für Impfungen und den ihnen zugrunde liegenden wissenschaftlichen Daten ist nicht zu rütteln. Trotzdem gibt es in Österreich noch immer Defizite bei den Immunisierungen, wie es hieß.

Sie betreffen speziell die gefährlichen Masern, bei denen noch zu wenige Kinder geimpft sind. Das zeigt der neue Österreichische Impfplan. Er wurde am Samstag beim Österreichischen Impftag in Wien präsentiert.

Durchimpfungsrate über 90 Prozent

“Die Durchimpfungsrate bei Kindern und Jugendlichen in Österreich liegt für die erste MMR-Impfung (Masern-Mumps-Röteln; Anm.) über 90 Prozent, für die zweite MMR- Impfung allerdings niedriger, da sie meist nicht im zweiten Lebensjahr, sondern um Jahre verzögert verabreicht wird. Mit der Inzidenz (Häufigkeit; Anm.) von 13,7 Fällen pro einer Million Einwohner in Österreich im Jahr 2014 und 35,8 im Jahr 2015 sind wir damit leider noch immer vom Eliminationsziel von weniger als einem Fall pro einer Million Einwohner weit entfernt”, schreibt das Autorengremium für den Österreichischen Impfplan 2016 (http://www.bmg.gv.at). Für eine Ausrottung der Masern – 20 Prozent der Betroffenen müssen wegen Komplikationen ins Spital – wäre der Schutz von mehr als 95 Prozent der Menschen notwendig.

Der Österreichische Impfplan 2016

Die manchmal von Impfgegnern getätigte Aussage, dass eine “natürliche” Maserninfektion das Immunsystem stärkt, ist falsch. Der Österreichische Impfplan führt dazu aus: “Zudem verursachen Masern durch Schwächung des Immunsystems ein mehrere Jahre anhaltendes erhöhtes Risiko, an anderen Infektionskrankheiten zu sterben. Die Impfung hingegen schützt das Immunsystem: In Industrienationen mit hoher Masern-Durchimpfungsrate wurde gezeigt, dass speziell durch die Maßnahme der Masernimpfung die Sterblichkeit an anderen Infektionskrankheiten deutlich gesenkt werden konnte.”

Weltweit sind die Masern noch immer die Haupttodesursache von durch Impfung vermeidbaren Erkrankungen bei Kindern. Durch weltweite Impfprogramme konnte nach Schätzungen der WHO von 2000 bis 2014 der Tod von mehr als 17 Millionen Menschen verhindert und die Sterblichkeit an Masern um 79 Prozent gesenkt werden. 2014 kam es aber immer noch zu 114.900 Todesfällen durch Masern.

Masern: Ausbrüche in Österreich

In den vergangenen Jahren ist es immer wieder zu Ausbrüchen in Österreich gekommen. In den Industriestaaten stirbt eines von 1.000 betroffenen Kindern. Die letzte große Epidemie trat in Österreich zwischen 1993 und 1997 mit bis zu rund 30.000 Erkrankungen auf. 16 Kinder starben später an einer durch die Masern hervorgerufenen unbehandelbaren Gehirnentzündung.

Eine Neuerung im Impfplan für 2016 ist die Empfehlung, Frühgeborene möglichst früh – eventuell sogar noch während des Spitalsaufenthaltes – gegen Rotaviren zu impfen. Die Erreger können schwere Brechdurchfall-Attacken auslösen. Vor Verfügbarkeit der Impfung, die zu den Gratis-Kinderimpfungen gehört, mussten in Österreich pro Jahr zwischen 2.900 und 4.400 Kinder deswegen ins Spital aufgenommen werden. Die Immunisierung schützt zu mehr als 70 Prozent vor der Erkrankung, zu mehr als 90 Prozent vor schwerem Rotavirus-Brechdurchfall. Die Vakzine ist schon für Kinder ab der 6. Lebenswoche zugelassen.

Impfungen bei Kinderwunsch

Ein eigenes Kapitel beschäftigt sich im neuen Österreichischen Impfplan mit Impfungen bei Kinderwunsch. Prinzipiell sollten alle empfohlenen Immunisierungen schon vor einer Schwangerschaft durchgeführt worden sein. Das schützt dann die Schwangere und das Ungeborene bzw. später das Baby, weil die Kinder von den Antikörpern der Mutter profitieren.

Bei Kinderwunsch sollte prinzipiell die Immunität besonders hinsichtlich folgender Erkrankungen überprüft bzw. erreicht werden: Masern-Mumps-Röteln (Impfung: Mindestabstand ein Monat zu Konzeption), Varizellen (Impfung: Mindestabstand ein Monat zu Konzeption), Diphtherie-Tetanus-Pertussis(-Polio). Letztere Immunisierung ist auch noch während der Schwangerschaft möglich – genauso wie die ebenfalls empfohlene Influenza-Impfung.

Noch immer Ausbrüche in Österreich

In Österreich konnte die Situation bei den Kinderimpfungen in den vergangenen Jahren deutlich verbessert werden. Doch nach wie vor gibt es Probleme bei den Masern, hieß es Samstag beim Österreichischen Impftag in Wien. Das Impfwesen entwickelt sich in Richtung mehr Rücksichtnahme auf personalisierte Immunisierungen, um die Schutzraten zu erhöhen. “Wir hatten im Jahr 2015 ein Masernproblem in Österreich. Die WHO hat das Ziel von weniger als einem Fall pro Million Einwohner (und Jahr; Anm.) gesetzt. Bei uns waren es 38,8 Erkrankungen pro Million Einwohner. Wir hatten 309 Fälle, vor allem in Niederösterreich, der Steiermark, Oberösterreich und Wien”, sagte Maria Paulke-Korinek vom österreichischen Gesundheitsministerium. Besonders bedenklich: Sieben Prozent der Erkrankungen kamen in Spitälern und ähnlichen Einrichtungen vor. Das zeigt, dass noch immer zu wenige Beschäftigte im Gesundheitswesen immunisiert sind.

Mehr Masern-Impfungen

Auf der anderen Seite wurden in der jüngeren Vergangenheit jedenfalls bereits mehr Kinder gegen Masern geimpft als noch vor einigen Jahren. “2014 wurden im Rahmen des Kinderimpfprogramms um 19 Prozent mehr der Vakzine abgerufen als im Jahr zuvor, 2015 noch einmal 30 Prozent mehr”, sagte Maria Paulke-Korinek. Auf Bevölkerungsebene kann die Krankheit aber nur ausgerottet werden, wenn mehr als 95 Prozent der Menschen immunisiert sind.

Insgesamt dürfte sich das Impfsystem in Zukunft in Richtung mehr Individualisierung entwickeln. “Es kommt zu einem ständigen Anstieg der Zahl älterer Personen. Die Anzahl der Frühchen hat zugenommen. Die Adipositas ist im Ansteigen. Diese Menschen haben infolge der Veränderungen der Immunabwehr eine erhöhte Infektanfälligkeit. Wir müssen spezifisch auf diese Veränderungen eingehen”, sagte die Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien, Ursula Wiedermann-Schmidt. Umgekehrt weisen ältere Menschen, Frühgeborene und Adipöse auch eine schlechtere Immunantwort auf Impfungen auf. Dem kann man mit verbesserten Impfschemen und zum Beispiel verstärkten Vakzinen entgegen wirken.

Unterschiedliche Reaktionen auf Impfungen

Genau in diese Richtung gehen auch Forschungen, welche die genetischen Ursachen für das unterschiedliche Ansprechen von Menschen auf Impfungen aufdecken sollen. Andrew Pollard von der Universität Oxford zeigte am Samstag Daten, wonach kleine Unterschiede in den HLA-Genen, wie sie beim Typisieren von Transplantat-Organen bzw. der Empfänger verwendet werden, sowie Mutationen in den T-Zell-Rezeptoren von Abwehrzellen bei verschiedenen Impfungen für 30 bis mehr als 70 Prozent der Immunreaktion auf die Vakzine entscheidend sind. “Das könnte zur Entwicklung besserer Impfstoffe für bestimmte Personengruppen führen. (…) Wir haben heute eine riesige Menge an Impfstoffen. Aber diese Vakzine wurden alle entwickelt, um jeweils die gesamte Bevölkerung zu schützen”, sagte der Experte. Doch hier gibt es immer auch bestimmte Menschengruppen, die eben keine oder nur eine zu geringe Immunität nach einer Impfung entwickeln.

800 Ärzte und Apotheker beim Österreichischen Impftag

Am Österreichischen Impftag nahmen am Samstag rund 800 Ärzte und Apotheker teil. Der oberösterreichische Ärztekammerpräsident und Präsident der Akademie der Ärzte betonte die Wichtigkeit der Fortbildung und wies darauf hin, dass nach dem Sommer 2016 alle österreichischen Ärzte erstmals die Absolvierung ausreichender Fortbildungsaktivitäten nachzuweisen haben. Ärzte würden dies als eine der ganz wenigen Berufsgruppen in ihrer Freizeit und auf eigene Kosten tun: “Ich habe noch nie einen Fortbildungskurs für die Politik gesehen, obwohl ihr ein Fortbildungskurs manchmal recht gut tun würde.”

Neue Impf-Initiative für Angehörige des Gesundheitswesens

Bei Influenza und bei den Masern ist belegt, dass sich zu wenige Ärzte und andere Angehörige per Impfung gegen Infektionskrankheiten schützen und ihre Patienten anstecken können. Eine beim Österreichischen Impftag am Samstag neu präsentierte Aktion soll weiterhelfen: Ein “Geimpft – Geschützt – Sicher”-Ansteckbutton, mit dem Ärzte & Co. zeigen können, dass sie ausreichend immunisiert sind.

“Sichtbarmachen ohne den Zeigefinger zu erheben und dabei bei sich selbst beginnen. Dies seien die Kernpunkte der unabhängigen Impfinitiative, hieß es beim Impftag in Wien. “Wer sichtbar macht, geimpft zu sein, strahlt Sicherheit aus und ist sicher. Für sich, aber auch für seine Mitmenschen. Es ist ganz einfach zu zeigen, dass man selbst geimpft ist”, erklärte Ursula Wiedermann-Schmidt, Leiterin des Instituts für Spezifische Prophylaxe und Tropenmedizin der MedUni Wien, eine der Hauptproponenten der Kampagne. Ärzte sollten ihre Bereitschaft für Impfungen zeigen – und auch, dass sie selbst geschützt und somit sicher für ihre Patienten seien.

Lage laut OECD-Bericht kritisch

Der OECD-Bericht “Health at a Glance 2015” hat vor kurzem ergeben, dass Österreich hinsichtlich der Impfrate gegen Diphtherie, Tetanus und Keuchhusten hinter Ländern wie Indonesien und Kolumbien rangiert. Bei der Impfrate gegen Masern platziert man sich zum Beispiel hinter Costa Rica, Chile und Mexiko.

“Betrachtet man die Impfsituation in Österreich aus internationaler Perspektive, ist die Lage laut OECD-Bericht als kritisch zu betrachten. Mangelndes Problembewusstsein führt zu Nachlässigkeit. Schon heute erkranken immer mehr Menschen an Krankheiten, für die ein sicherer und kostengünstiger Impfschutz besteht. Dies führt – unnötigerweise – zu individuellem Leid und hohen Kosten”, sagte dazu der Public Health-Experte Armin Fidler, der als gebürtiger Österreicher mehr als 20 Jahre bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), Weltbank und bei der Globalen Initiative für Vakzine als Fachmann auf diesem Gebiet gearbeitet hat. Beispielsweise acht Prozent Durchimpfungsrate bei der Influenza in Österreich seien im internationalen Vergleich ganz schlecht. Jene Menschen, die in einem Gesundheitsberuf stünden, hätten eine besondere Verantwortung.

Der Ansteckbutton zeigt neben dem Slogan einen Antikörper, durch den Schutz vermittelt wird und wurde am Samstag beim Österreichischen Impftag an alle jene Tagungsteilnehmer ausgegeben, die signalisieren wollen, dass sie sich und ihre Mitmenschen mittels Impfung schützen. Es gibt Anzeichen dafür, dass in Österreich die Impfskepsis steigt. Während eine Elternbefragung des Karl Landsteiner Institut für pädiatrische Forschung und Fortbildung aus dem Jahr 2013 einen Anteil von rund vier Prozent an Impfgegnern in Österreich auswies, ergab die Gesundheitsbefragung des Gesundheitsministeriums aus dem Jahr 2014 folgendes: Neun Prozent der österreichischen Kinder absolvierten das kostenlose Impfprogramm nicht. Der häufigste Grund (60 Prozent) der Ablehnung des Programmes durch die Eltern der betroffenen Kinder war, dass sie Impfen als schädlich bewerten.

(apa/red)

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