Österreichischer Filmpreis mit kritischen Untertönen

DIe Gewinner beim Österreichischen Filmpreis 2016
DIe Gewinner beim Österreichischen Filmpreis 2016 - © APA/HERBERT NEUBAUER
Zünftig und mit sozialkritischen Untertönen ging die Gala im Auditorium von Grafenegg über die Bühne, wo der Filmpreis bereits das zweite Mal stattfand.

Den meisten Applaus samt stehender Ovationen erntete Jakob Brossmann, mit “Lampedusa im Winter” Gewinner in der Dokumentarfilmsparte, für eine engagierte Rede gegen die aktuellen Tendenzen in der Flüchtlingspolitik.

Kritische Töne bei der Verleihung

“Die Obergrenze tötet. Sie ist der Beginn eines Dominoeffekts”, warnte der Filmemacher eindringlich. Er sei froh, mit der österreichischen Filmszene Gleichgesinnte um sich zu wissen, die im Vorjahr einen großen Beitrag zur Menschlichkeit geleistet hätten. Er widme seinen Sieg allen engagierten Helfern, so Brossmann, der mit den Tränen kämpfen musste: “Es ist ein lang gehegter Traum, der viel früher in Erfüllung geht, als ich gerechnet habe.”

Auch Schauspielerin Hilde Dalik, die gemeinsam mit jugendlichen Flüchtlingen eine Theatergruppe initiiert hat, deren Mitglieder als Trophäen-Überreicher und mit einer Tanzeinlage in Aktion traten, stellte klar: “Die Zeit der Unschuld ist vorbei.” Man dürfe in der Flüchtlingsdiskussion nie vergessen, dass man über Menschen spreche. Wichtig sei das Engagement jedes Einzelnen, weshalb die teils ausbleibende Solidarität erschreckend sei: “Es ist erstaunlich, welche Leere eine so sehr auf Kapitalismus aufgebaute Gesellschaft hinterlässt.

Die besten Filme und Schauspieler Österreichs

Johannes Krisch, für die Titelrolle in der Unterweger-Verfilmung “Jack” geehrt, begrüßte neben den Kollegen die “verehrten Neider”. Von der Politik erwarte er, Waffenlieferungen in Krisengebiete zu unterbinden: “Bekämpfen wir die Ursache und tun uns nicht gegenseitig bauchpinseln, wer wie viele Flüchtlinge aufnimmt.”

Auch die Frage der ungenügenden Repräsentation von Frauen in der Filmindustrie wurde auf der Bühne thematisiert. “Ihr müsst schauen, dass mehr Frauen Regie machen. Und ich gebe als Tonmann nächstes Jahr gerne einen Film an eine Tonfrau ab”, brachte der für “Jack” ausgezeichnete William Edouard Franck die Genderdebatte aufs Tapet.

In die gleiche Kerbe schlug Laudator David Schalko, der die männerdominierte Sparte Beste Kamera anzusagen hatte und ironisch der vorgeblichen Dominanz der Kamerafrauen ein baldiges Ende prognostizierte: “Die Kameras werden leichter. Es kommen Zeiten, in denen Männer den drehenden Kamerafrauen nicht mehr zu Hause den Rücken freihalten müssen.” Josef Hader musste seinen Auftritt im Reigen der Laudatoren wegen Schneefalls am Ötscher hingegen absagen – benötigt er diese Szenen doch für einen erste eigenen Film “Die wilde Maus”.

“Superwelt” gewürdigt

Höchst erfreut über späte Ehren war indes Ulrike Beimpold, für ihre Hauptrolle in “Superwelt” gewürdigt: “Ich bin mit 15 in diesen Beruf eingetreten, und wenn man dann bis 50 keine Auszeichnung erhalten hat, denkt man: Gut, das ist halt nicht gemacht für mich, das mit den Preisen.” Aber, um ihre Großmutter zu zitieren: “Weile braucht das gute Ding. Und jetzt habe ich es, das gute Ding.”

Severin Fiala und Veronika Franz, mit “Ich seh Ich seh” die großen Gewinner des Abends, zollten zunächst nicht zuletzt ihrem Produzenten Respekt: “Ulrich Seidl ist kein Mann von großem Lob. Das höchste, das man von ihm bekommt, ist: ‘Das wird vielleicht ein Film’.” Das sollte sich spätestens mit der Auszeichnung in der Königskategorie “Bester Film” am Ende des Abends aber ändern: Er sei stolz, “einen mittlerweile ganz großen Film produziert zu haben, der klein angefangen hat”, sagte Seidl angesichts der mittlerweile über 20 internationalen Preise für “Ich seh Ich seh”.

Oscar-nominierter Film ausgezeichnet

Der Oscar-nominierte Kurzfilmer Patrick Vollrath aus Deutschland, Absolvent der Wiener Filmakademie, freute sich über den Preis für sein Werk “Alles wird gut”: “Ich trage zu jeder WM das deutsche Trikot – das wird sich auch nicht ändern.” Das bedeute jedoch nicht, dass er sich Österreich nicht verbunden fühle: “Ich mag den österreichischen Film wahnsinnig gerne und fühle mich seit heute ein bisschen als Teil davon.”

Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP) zeigte sich zunächst unsicher, was genau er auf der Bühne zu tun habe: “Ich mache einfach das, was meine Profession ist: Ich sage Ihnen das, was Sie gerne hören möchten.” So sei die Zeit mittlerweile schnelllebig: “Wir sind gefühlloser geworden und haben den Blick für das verloren, was die jeweilige Zeit und Generation prägt.” Filmemacher zwängen da ihr Publikum zum Innehalten und würden die Augen öffnen.

Leicht verzweifelt war hingegen Spiritus Rector Markus Schleinzer angesichts mancher Auf- und Abtrittspannen im steten Reigen der Präsentatoren: “Ich möchte mich bei den Theatermenschen unter Ihnen entschuldigen. Das sind Filmleute, die glauben, man kann das alles wiederholen.”

Hoffnungen für das neue Jahr äußerte Akademie-Präsidentin Ursula Strauss: “Auf dass wir weiter Geschichten erzählen können – mutig und ehrlich. Miteinander und füreinander.” Ihr Co-Präsident und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky zeigte sich da mit Verweis auf Vollraths Kurzfilm “Alles wird gut” noch optimistischer: “Frei nach Patrick Vollrath: Alles wird besser.”

Die Liste der Gewinner

Der 6. Österreichische Filmpreis ist am Mittwoch, den 20. Jänner im Auditorium Grafenegg verliehen worden. Folgend die mehrfach ausgezeichneten Produktionen sowie die Gewinner in allen 16 Kategorien:

5 Preise: “Ich seh Ich seh” von Veronika Franz und Severin Fiala
3 Preise: “Jack” von Elisabeth Scharang
2 Preise: “Casanova Variations” von Michael Sturminger

Alle Gewinner beim Österreichischen Filmpreis 2016

Bester Spielfilm

“Ich seh Ich seh” von Veronika Franz und  Severin Fiala (Produktion: Ulrich Seidl)

Beste Regie

Veronika Franz und Severin Fiala für “Ich  seh Ich seh”

Bestes Drehbuch

Christian Frosch für “Von Jetzt an kein  Zurück”

Bester Dokumentarfilm

“Lampedusa im Winter” von Jakob Brossmann  (Produktion: Finali Film & Wortschatz Produktion, Miramontefilm)

Bester Kurzfilm

“Alles wird gut” von Patrick Vollrath

Beste Darstellerin

Ulrike Beimpold in “Superwelt”

Bester Darsteller

Johannes Krisch in “Jack”

Beste Nebendarstellerin

Gerti Drassl in “Ma Folie”

Bester Nebendarsteller

Christopher Schärf in “Einer von uns”

Beste Kamera

Martin Gschlacht für “Ich seh Ich seh”

Bestes Kostümbild

Renate Martin, Andreas Donhauser für “Casanova Variations”

Beste Maske

Roman Braunhofer, Martha Ruess für “Ich seh Ich seh”

Bestes Szenenbild

Johannes Salat, Hubert Klausner für “Ich seh Ich seh”

Beste Musik

Oliver Welter, Herwig Zamernik für “Jack”

Bester Schnitt

Evi Romen für “Casanova Variations”

Beste Tongestaltung

William Edouard Franck, Veronika Hlawatsch, Bernhard Maisch für “Jack”

> “Ich seh ich seh” räumt bei Filmpreis ab

(Red./APA)

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