ÖFB-Teamchef Koller im Interview: “Fokussierung auf die WM-Qualifikation”

ÖFB-Teamchef Marcel Koller im Interview
ÖFB-Teamchef Marcel Koller im Interview - © APA
Die Enttäuschung über das Aus bei der Fußball-Europameisterschaft ist bei ÖFB-Teamchef Marcel Koller noch groß. Im Interview versucht Koller dem Scheitern auf den Grund zu gehen und wirft auch einen Blick auf die kommende Qualifikation für die Weltmeisterschaft.

Der Schweizer erläutert zudem sein Verhältnis zum ÖFB-Team und wie sowohl er als auch seine Mannschaft mit der frühen Abreise umgegangen sind.

APA: Seit der EM ist einige Zeit vergangen – fällt Ihre Analyse nun anders aus als unmittelbar nach dem 1:2 gegen Island oder fühlen Sie sich in Ihrer Ansicht bestärkt?

Marcel Koller: “Ich bin darin bestärkt worden, dass die Präzision in den Kombinationen gefehlt hat. Wir hatten viele unnötige Ballverluste, waren zu hektisch, es hat die Ruhe gefehlt. Dadurch war es schwierig, längere Ballstafetten hinzukriegen und Selbstvertrauen aufzubauen. Wenn man noch einmal analysiert, findet man natürlich das eine oder andere mehr, aber grundsätzlich hat sich nicht viel verändert. Wenn Geschichten, die man vorher im Kopf hat und verwirklichen will, nicht eintreten, bringt das eine gewisse Enttäuschung und Blockade. Dann hat man nicht die Lockerheit und das Selbstverständnis, um optimale Leistungen zu bringen.”

In Ihrer Analyse sprachen Sie unter anderem den großen Druck an, mit denen einige Teamspieler nicht umgehen konnten. Wie konnte es dazu kommen, wo doch die österreichischen Teamspieler etwa im Vergleich mit jenen aus Ungarn oder Island fast durchwegs in Top-Ligen spielen und Drucksituationen gewohnt sein müssten?

“Von den Ungarn hat keiner etwas erwartet, die waren froh, überhaupt dabei zu sein. Bei uns hat ein Journalist schon einen Tag nach dem 4:1 in Schweden (Anm.: Mit diesem Sieg wurde die EM-Teilnahme fixiert) gefragt, ob wir jetzt Europameister werden.”

Diese hohe Erwartungshaltung wurde ebenfalls als Grund für das frühe Out genannt. Waren überzogene EM-Titelträume von Teilen der Öffentlichkeit wirklich ein dermaßen großes Problem?

“Es gibt nicht nur einen Grund, warum wir nicht das auf den Platz gekriegt haben, was wir wollten. Die Spieler hatten auch eine große Erwartungshaltung an sich selbst.”

Seit Ihrem Amtsantritt im November 2011 haben Sie Ihr System mit kleinen Adaptierungen konsequent durchgezogen. Bei der EM aber wurde gegen Portugal fast zur Gänze auf Pressing verzichtet, gegen Island setzten Sie erstmals auf eine Dreierkette. Wie kam es zu diesen Entscheidungen?

“Wir haben auch schon vor dem 4:1 in Schweden gesagt, wir greifen nicht vorne an und lassen uns eher zurückfallen. Also hatten wir die Portugal-Variante schon drin. Zu den Isländern: Ich habe 16, 17 Spiele von ihnen gesehen und gemerkt, dass wir uns da festbeißen könnten. Deshalb wollten wir es mit der Dreierkette versuchen, die wir immer in unsere Überlegungen hatten. Wir wollten Überzahl im Mittelfeld schaffen, mit Kombinationen zwischen ihre Linien kommen und Nadelstiche nach vorne setzen. Es war ja dann auch so, dass es nur einen Lattentreffer und das Gegentor aus einem Einwurf gegeben hat, und das hatte nichts mit dem System zu tun. Und wir hatten eine große Chance durch Arnautovic und den vergebenen Elfmeter. Wenn wir da ein Tor machen, wäre die Dreierkette keine Diskussion gewesen.”

Trotzdem lief es gegen Island nach der Rückkehr zum gewohnten 4-2-3-1-System um einiges besser.

“Aber wissen Sie, ob es in der ersten Hälfte mit diesem System genauso gelaufen wäre? Vor dem Spiel haben wir gesagt, wir müssen gewinnen und haben dazu 95 Minuten Zeit. Dann waren wir in der Pause 0:1 hinten, hatten einen Elfer vergeben, wir mussten Alles oder Nichts spielen. Die zweiten 45 Minuten waren dann die einzige Hälfte bei der EM, in der wir so gespielt haben, wie wir es können. Das hatte aber nichts mit dem System zu tun, sondern war eine Frage der Psyche, dass die Spieler alles loslassen konnten.”

Demnach hätte man das System in der Pause nicht verändern müssen und das Spiel hätte die selbe Entwicklung genommen?

“Das wissen wir nicht.”

Sie sagten nach dem Island-Spiel, nicht das System, sondern Spieler gewinnen oder verlieren Spiele. Aber ist die Verantwortung für diese Niederlage nicht in mehreren Bereichen zu suchen?

“Ja, das ist auch so. Ich muss ja den Kopf hinhalten für das Ganze, was passiert ist. Da sind nicht nur die Spieler schuld.”

Könnte sich durch das EM-Scheitern das Verhältnis zwischen Ihnen und der Mannschaft verändert haben?

“Nein, warum? Wir haben die EM gemeinsam erreicht und haben gemeinsam verloren. Diese Enttäuschung müssen wir verarbeiten, aber im Fußballerleben ist es immer wieder so, dass man Enttäuschungen verarbeiten muss. Wir hatten keinen Streit. Jetzt gilt es wieder, die Schärfe und Fokussierung auf die WM-Qualifikation reinzubringen.”

Hat sich während der EM auch das Verhältnis innerhalb der Mannschaft nicht verändert?

“Nein. Da war nichts. Wenn ich verliere, bin ich auch sauer, da laufe ich nicht jubelnd durch die Gänge, das ist normal. Ich wünsche mir auch, dass die Spieler sauer sind, weil das die Konkurrenz schärft. Das Letzte, was ich will, ist eine Wohlfühloase, in der sich alle wohlfühlen, aber die Leistung nicht wichtig ist. Eine Wohlfühloase ist schon wichtig, aber es ist falsch, wenn nur die Oase da ist und nicht die Aggressivität reinkommt, die man braucht, um Spiele zu gewinnen. Wenn nur jeder kommt und knuddelt den anderen ab, dann ist das zu wenig. Wir wollen erfolgreich sein.”

Die nächste Chance auf einen Erfolg bietet sich am 5. September zum Auftakt der WM-Qualifikation in Georgien. Könnte es bei der Kader-Nominierung für dieses Spiel zumindest zu einem kleinen Umbruch kommen?

“Wir haben so etwas nach der Qualifikation für die WM 2014 gemacht. Überlegungen dazu gibt es, es ist jetzt aber noch zu früh, darüber etwas zu sagen.”

Unmittelbar nach der WM-Quali-Auslosung war in Österreich von einer relativ leichten Gruppe die Rede gewesen. Hat sich diese Ansicht nach den EM-Erfolgen von Wales und Irland geändert?

“Das könnte positiv sein, dass der Österreicher ein bisschen ruhiger oder bewusster geworden ist.”

(Alois Tschida/APA/Red.)

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