Nick Cave eroberte mit seinen Bad Seeds die Wiener Stadthalle

Nick Cave rockte die Wiener Stadthalle.
Nick Cave rockte die Wiener Stadthalle. - © APA/HERBERT P. OCZERET
Gemeinsam mit seinen Bad Seeds gab Nick Cave am Mittwochabend, 1. November, ein Konzert in der Wiener Stadthalle. Sie gaben dabei Klassiker und Stücke ihrer jüngsten Platte “Skeleton Tree” zum Besten.

“Spürt ihr meinen Herzschlag?” Mit weit geöffnetem Hemd, das Mikrofon fest umklammert, lehnte Nick Cave seinen Oberkörper in die ihm entgegengestreckten Hände. An den Armen, an seiner Brust, fingen die Fans den australischen Musiker auf, der sich ihnen hingab. Gemeinsam mit seinen Bad Seeds eroberte Cave am Mittwochabend die Wiener Stadthalle im Sturm. Ein Konzert wie ein Rausch. Wobei sich der 60-Jährige und seine Mitstreiter nicht nur den exzessiven Höhen widmeten, sondern die ganze Palette ihres dunkelschwarzen Schaffens durchdeklinierten: Den Einstieg markierten zunächst Stücke der jüngsten Platte “Skeleton Tree”. Die im Vorjahr vorgelegte Songsammlung ist insofern besonders, als sich Cave darauf in oft sehr direkter Manier mit dem Unfalltod seines 15-jährigen Sohnes Arthur auseinandersetzt. Dementsprechend sind Stücke wie das pulsierende “Jesus Alone” von Trauer und Schmerz gekennzeichnet.

12.000 Fans bejubelten Cave in der Stadthalle

Cave zeigte sich dabei aber keineswegs in sich zurückgezogen, sondern marschierte in unruhigen Schritten auf und ab. Während seine Kompagnons um Langzeitbegleiter Warren Ellis in stoischer Manier die sehr reduzierte Bühne einnahmen, war er immer nahe am Publikum: Mit den Händen spielend, magisch die Blicke auf sich ziehend und zeitweise auch einzelne Fans direkt ansprechend, war so von Distanz keine Rede. Wobei es bis zum großartigen “Higgs Boson Blues” dauern sollte, bis (nicht nur) die eingangs erwähnte Textzeile rund 12.000 Fans endgültig in ihren Bann ziehen würde.

Cave offenbarte sich als bestens gelaunter Entertainer, der trotz aller Melancholie in seinen Songs nicht auf Humor vergaß und sich dem Moment hingab. Ein ebenso stürmisch gefeiertes, weil mitreißend dargebrachtes “From Her To Eternity” ließ die Halle erzittern, erinnerte teils schon eher an die Einstürzenden Neubauten seines Kumpels Blixa Bargeld (der auch lange Zeit Mitglied der Bad Seeds war), bevor nach der “Jubilee Street” (Caves Empfehlung: “Geht niemals dort hin!”) schlussendlich auch ruhigere, versöhnlichere Töne erklangen.

“Into My Arms” und “I Need You” als Klassiker

Wurde zuvor jedes Riff von den Musikern dankbar gedehnt und gestreckt, jede Möglichkeit zu Aufbau und Zerstörung genutzt, ging es mit “Into My Arms” oder dem sehnsüchtigen “I Need You” in ein melodisches Traumland. Auch das Publikum nahm diese Verschnaufpause dankbar an und verband sich zu einem mächtigen Chor, nur um im nächsten Moment wieder in eine dunkle, bitterböse Ecke gestoßen zu werden. “Red Right Hand” wurde zur gemeinsamen Dämonenbeschwörung, bei der sich Cave zwischendurch über den Smartphone- und Social-Media-Wahn der Leute lustig machte.

Aber selbst wenn man wollte, man konnte ihm an diesem Abend nicht böse sein. Sei es, wenn er ein ziemlich verdutzt reagierendes junges Mädchen für ein kurzes Ständchen auf die Bühne holte, oder als er sich bei der ersten Zugabe “The Weeping Song” quer durch die dicht gedrängten Menschenreihen zu einem Podest den Weg bahnte, um dort als Maestro das passende rhythmische Klatschen zu dirigieren (sein Mikro vertraute er kurzerhand den Fans an): Cave zeigte sich in Bestform, stimmlich druckvoll und facettenreich, und wurde von einer ebenso starken Band in Szene gesetzt.

Ein Konzert wie eine Messe

Und was fehlte zum perfekten Konzertgenuss? Dass immerhin eine höchst ansehnliche Menge für die finalen Großtaten “Stagger Lee” und “Push The Sky Away” auf die Bühne geholt wurde. Da ging es endgültig zu wie bei einer Messe, gab Cave den Messias inmitten seiner treu ergebenen Anhänger, die er berührte, schelmisch triezte und bis zur Ekstase brachte. Zweieinhalb Stunden dauerte seine Predigt, und man fragte sich danach: War es das schon? Jetzt heißt es also wieder warten und zuhause der Anbetung nachgehen, bis sich das nächste Aufeinandertreffen ergibt.

APA/Red.

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