Konzernchef Diess will VW umbauen, aber “keine Revolution”

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Elektromobilität, IT im Auto, Markengruppen: Der neue Vorstandschef, der Österreicher Herbert Diess, will VW im Wettrennen mit anderen Herstellern und Technologiekonzernen schlagkräftiger machen. Sein Ziel sei es, beim größten Autohersteller der Welt das Tempo für Innovationen zu erhöhen und neue Akzente zu setzen, sagte Diess am Freitag in Wolfsburg. Eine “Revolution” sei aber nicht geplant.

“Es geht darum, den Konzern fit zu machen für eine Zeit, in der wir sehr viel schneller sein müssen.” Bei seiner Strategie setzt der ehemalige BMW-Manager auf bereits vorhandene Ansätze seiner Vorgänger, die aber nicht umgesetzt wurden. “Es geht um eine Weiterentwicklung und keine Revolution”, machte Diess deutlich.

Diess löst Matthias Müller ab, der im Konzern als Berater bleiben soll, aber noch keine klar umrissene Rolle hat. Der neue Mann an der VW-Spitze – bisher Leiter der Kernmarke und früher bei BMW – kann seine Aufgaben mit einer großen Machtfülle angehen. Diess behält in der Hauptsparte VW Pkw ebenfalls die Zügel in der Hand, was auch auf Kritik stößt.

Fünf-Jahres-Vertrag

Am Donnerstagabend hatte der VW-Aufsichtsrat bekanntgegeben, dass der 59-jährige Ingenieur die Führung des gesamten Konzerns übernehmen soll. Vom mächtigen Betriebsratschef Bernd Osterloh bekam Diess Rückendeckung. Der neue Chef erhält einen Fünf-Jahres-Vertrag bis 2023.

Diess verantwortet zusätzlich die Konzernentwicklung und -forschung. Außerdem lenkt er die Fahrzeug-IT – also alles rund um die Vernetzung des Autos. Zugleich führt Volkswagen neue Markengruppen ein. Laut Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch soll die Neuordnung die Prozesse in dem riesigen Konzern beschleunigen und Strukturen verschlanken.

Osterloh, der im Rahmen des Sparprogramms “Zukunftspakt” noch Bedenken an Diess’ Führungsstil geäußert hatte, kündigte nun die volle Unterstützung der Arbeitnehmer an. Er begrüße es ausdrücklich, dass der Konzern und die Marke VW Pkw wieder in Personalunion geführt werden sollen, schrieb Osterloh in einem Brief an die Belegschaft.

Würdigung für Müller

Er würdigte die Arbeit von Ex-Chef Müller. Dieser habe VW in der Abgas-Affäre erfolgreich durch die schwerste Krise seiner Geschichte gesteuert. Müller wandte sich ebenfalls an die Mitarbeiter: Er sei froh, dass es bei der Neuausrichtung Erfolge gebe – mit weniger Hierarchie und der “Strategie 2025” unter anderem zur E-Mobilität. “Es war fordernd, nicht selten nervenaufreibend, aber letztlich war es eine gute Zeit”, schrieb er. Müller hatte nach dem Bekanntwerden der Dieselmanipulationen im Herbst 2015 die Konzernspitze übernommen.

Eingeführt werden nun die einzelnen Markengruppen “Volumen” (VW, Skoda, Seat, leichte Nutzfahrzeuge), “Premium” (Audi) und “Super Premium” (Porsche, Bentley, Bugatti und Lamborghini). Dazu kommen die Einheiten Beschaffung/Komponente sowie Finanzdienstleistungen. An den genauen Details wird in den nächsten Wochen noch getüftelt. “Die Last ist auf viele Schultern verteilt”, sagte Diess.

Für die Nutzfahrzeug-Einheit Truck & Bus sollen die Voraussetzungen eines Börsengangs im nächsten Jahr geschaffen werden. Auch diesen Schritt unterstützten die Betriebsräte. Pötsch betonte, dass der Konzern bei einem möglichen Börsengang aber das Sagen über die Sparte behalten wolle. Laut einem “Spiegel”-Bericht sollen dabei bis zu sieben Milliarden Euro erlöst werden. Dafür plane VW den Verkauf von bis zu einem Viertel der Anteile, schrieb das Magazin ohne Nennung von Quellen.

Diess “prädestiniert” für Amt

Über den neuen Konzernchef sagte Pötsch: “Dr. Diess hat bei der Marke Volkswagen erfolgreich bewiesen, mit welchem Tempo und welcher Konsequenz er tiefgreifende Transformationsprozesse umsetzen kann.” Daher sei er für das Amt des Konzernchefs “prädestiniert” gewesen.

Diess will den Wert von Randbeteiligungen ausloten und sie eventuell verkaufen. Man werde Optionen für nicht zum Kerngeschäft gehörende Teile prüfen, sagte er. Dazu gehöre die Motorradmarke Ducati, deren Verkauf bisher am Widerstand im Aufsichtsrat gescheitert war.

Die Autobranche ist mitten in einem umfassenden Wandel hin zu alternativen Antrieben, mehr Vernetzung und autonomem Fahren. Diess löst Müller mit sofortiger Wirkung ab. Die Dieselkrise betrachtet der Konzern noch nicht als ausgestanden. “Das wird eine lange Aufgabe und ein langer Weg sein”, sagte Diess zum Ziel, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Die “Automobilwoche” zitierte zudem aus einem Brief von Diess an die Belegschaft, in dem der neue Konzernchef schreibt, dass die Dieselkrise “noch für lange Zeit mit Volkswagen verbunden” bleiben werde. “Nur wenn wir die Aufarbeitung ernsthaft und tiefgreifend vorantreiben, können wir daraus lernen, ähnliche Fehler in Zukunft zu vermeiden.”

Diesel-Skandal

Volkswagen hatte im Herbst 2015 zugegeben, weltweit in rund elf Millionen Dieselfahrzeugen unterschiedlicher Marken eine Software zur Manipulation von Abgaswerten eingebaut zu haben. Die Fahrzeuge seien “in Ordnung gebracht” und durch Software-Updates seien die Stickoxid-Emissionen merklich gesenkt worden, sagte Diess. Zugleich sprach sich der Konzernchef erneut gegen Hardware-Nachrüstungen aus, wie sie gefordert werden. Diese seien “aufwendig” und machten “wenig Sinn”. Es gebe effizientere und schnellere Maßnahmen, um die Luft in belasteten Städten zu verbessern.

Diess löst Müller an der Spitze des Wolfsburger Konzerns nach gerade zweieinhalb Jahren ab. Dieser hatte den Autobauer nach dem Sturz von Martin Winterkorn über den Dieselskandal im September 2015 aus der Krise geführt. Müller habe die Grundlage für die Neuausrichtung gelegt, erklärte Diess. Müller bleibt bis zum Ablauf seines Vertrags bis 2020 beratend für VW tätig.

(APA/dpa/ag.)

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