Neuer Journalband des Essayisten Karl-Markus Gauß: “Der Alltag der Welt”

Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß und sein neues Werk
Der österreichische Schriftsteller Karl-Markus Gauß und sein neues Werk - © APA / Zsolnay
Leben und lesen: “Der Alltag der Welt” ist zwar kaum überschau-, aber doch kommentierbar – und hat mit den Errungenschaften des Geistes und den Hinterlassenschaften früherer Generationen zu tun. Das neue Werk des Salzburgers Karl-Markus Gauß ist unser Buch-Tipp der Woche.

Gauß setzt nach seinen zuletzt erschienenen Kindheitserinnerungen “Das Erste, was ich sah” (2013) seinen 2002 mit “Mit mir, ohne mich” begonnenen und später mit “Von nah, von fern” (2003) oder “Zu früh, zu spät” (2007) fortgesetzten Versuch, sich schreibend die Welt zu erklären, fort. Mit seinen journalartigen, ganz persönlichen Jahr(es)büchern ist er nun in den Jahren 2011 bis 2013 angekommen, und hat allerlei zusätzliche rote Fäden in seine Gedankengespinste eingewoben.

Gauß über “Sternstunden des Scheiterns”

Hatte er sich in “Ruhm am Nachmittag” (2012) ironisierend an Kurzkrimis versucht, so berichtet Gauß diesmal zwischendurch von “Sternstunden des Scheiterns” (auch der eigenen, wie ein köstliches Telefonat, in dem ihm statt eines hoch dotierten Preises die mit einem Hundertstel entlohnte Laudatio angetragen wurde), von “Liebesgeschichten” wie die jener jungen Frau in Taipeh, die mit sich selbst den Bund der Ehe schloss, und schiebt auch vier längere “Zwischenstücke” ein. Fast möchte man sagen: “Der Alltag der Welt” ist überkomponiert.

Glossenreiches Buch: “Alltag der Welt”

Neben kurzen Glossen, in denen sich Gauß staunend, tadelnd, ironisierend mit der eigenen Zeitgenossenschaft auseinander- und den “Alltag der Welt” mit dem eigenen Arbeitsalltag in Beziehung setzt, ist es ihm wie stets ein Anliegen, auf jene Literaten verschiedener Sprach- und Kulturkreise hinzuweisen, die Großes geleistet haben und dafür zu wenig gewürdigt wurden. Bedenkenswertes über die Zukunft Europas (“Zerfällt die Union tatsächlich, wird über kurz oder lang auch der Krieg in seiner alten Form nach Europa zurückkehren.”) findet sich da neben mit Bedeutung aufgeladenen Skurrilitäten und wärmsten Literaturempfehlungen. Die Funktion dieser Gaußschen Normalverteilung ist nicht immer leicht zu entschlüsseln. Und doch kann man immer wieder seine Freude daran haben. Weil Gauß selbst nicht nur am Denken, sondern auch am Schreiben Freude hat und dies auch zu vermitteln versteht.

Gauß über das Schreiben

“Was ist das für ein Buch?”, fragt Gauß ganz am Ende und fasst seine Poetik so zusammen: “Ich schreibe, um mir etwas von der Welt ins Ich zu bergen und etwas von mir in die Welt zu retten.” Rettung versprechen auch andere Buchpläne, über die Gauß in seinem neuen Band berichtet. “Österreich, Rebellenland” etwa, “über vergessene, totgeschwiegene Autoren, über Revolten, die es gegeben hat, auch wenn sie niedergeschlagen wurden, über kühne Unternehmungen, deren Kühnheit zu rühmen bleibt, auch wenn sie ein schmähliches Ende fanden”.

Ganz und gar unglaublich klingt die Geschichte eines “Johannes W.”, der sich eines Tages an ihn gewandt und ihn mit der posthumen Verwaltung seines literarischen Schaffens beauftragt habe. Johannes W. sei keineswegs erfunden, mittlerweile 88 Jahre alt und rechne jeden Tag mit seiner “Abberufung”, versichert Gauß im Gespräch. Danach werde er den Versuch unternehmen, einem umfangreichen, erstaunlichen, bisher gänzlich unpublizierten Lebenswerk Öffentlichkeit zu verschaffen. “Der Alltag der Welt” bleibt auch künftig aufregend. In jeder Hinsicht.

“Traiskirchen ist schändlich und schmachvoll”

Die herrschende Flüchtlingskrise kommentiert der Autor so: “Es ist fatal, dass ÖVP und SPÖ sich in ihrer Flüchtlings- und Asylpolitik nur an jenen vielleicht 30 Prozent der Bevölkerung orientieren, die rabiate Ängste, Phobien oder Aversionen haben. Alle Umfragen und Erfahrungen zeigen aber, dass das Verständnis und auch der Wunsch, helfen wollen, in der Bevölkerung weitverbreitet sind. Traiskirchen ist schändlich und schmachvoll. Keine Frage. Aber wenn man gegen Österreich wettert, was man als österreichischer Patriot, der ich einer bin, tun muss, soll man trotzdem den gesamteuropäischen Zusammenhang im Auge haben. Dass sich etwa osteuropäische Staaten dabei abputzen, ist für mich, der lange als Herold der Osterweiterung gegolten hat, eine bittere Erfahrung”, geißelt Gauß die “deprimierende unsolidarische Haltung” von Staaten wie Tschechien.

1956 bei der Ungarn-Krise oder 1968 beim Prager Frühling habe Österreich viel mehr Flüchtlinge aufgenommen, obwohl es der Bevölkerung objektiv schlechter gegangen sei. Zwar solle man keineswegs die damalige Zeit glorifizieren, aber “vielleicht stimmt die deprimierende These ja doch: Geld und Wohlstand verderben den Charakter”.

Warnung von Zerfall der EU

Für die Europäische Union, die sich für Gauß notwendigerweise von einer Wirtschaftsunion zu einer Sozialunion entwickeln müsse, in der soziale Ungleichheiten abgemildert werden, seien Herausforderungen wie Flüchtlingsfrage oder Finanzkrise zentrale Zukunftsthemen, meint Gauß. In seinem Buch warnt er: “Zerfällt die Union tatsächlich, wird über kurz oder lang auch der Krieg in seiner alten Form nach Europa zurückkehren.”

Karl-Markus Gauß: “Der Alltag der Welt. Zwei Jahre, und viele mehr”, Zsolnay Verlag, 334 S., 23,60 Euro

Noch mehr Buch-Tipps finden Sie hier.

(apa/red)

 

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen