“Nachtsendung” von Kathrin Röggla: Unbehagen, eloquent geschildert

Eloquenz des Unbehagens: Kathrin Rögglas "Nachtsendung"
Eloquenz des Unbehagens: Kathrin Rögglas "Nachtsendung" - © S. Fischer Verlag / dpa
“Unheimliche Geschichten” so der Untertitel des neuen Buches von Kathrin Röggla. Die österreichische Autorin mit fantastischem Erzählfieber hat kleine, groteske Geschichten aus dem menschlichen Zusammensein gesammelt. “Nachtsendung” ist unser Buch-Tipp der Woche.

Es sind Geschichten, wie so oft bei Röggla, aus der Mitte einer optimierten Selbstproduktionsgesellschaft, die ganz schnell in nackte Panik kippt.

Wenn Ungeheuerliches geschieht

Die Schauplätze der gebürtigen Salzburgerin sind wie gemacht für skurrile Begegnungen, für entlarvende Beobachtungen und bitterböse Rhetorik: Klassentreffen, Kongresse, Mütteryoga, Bürgerinitiativen, Internetforen, Urlaube im Freundeskreis und stillstehende Flugzeuge auf der Rollbahn. Man ist sich irgendwie suspekt, man ergeht sich in Phrasen und Wendungen, man entwickelt, wie fremdgesteuert, eine Gruppendynamik, deren pathologische Muster allmählich niemand mehr kontrollieren kann. Ohnmächtig sehen Rögglas Protagonisten auch zu, wie Seltsames, ja Ungeheuerliches geschieht.

Menschen verschwinden, oder haben vielleicht doch nie existiert. Löcher, sogar ganze Gräben in der eigenen Erinnerung greifen um sich und der Verdacht keimt auf, dass man langsam und systematisch von einem anderen Selbst übernommen wird. Dummer Streit und dümmere Unfälle setzen Beziehungen und Leben jähe Enden. Ein Hirngespinst jagt das nächste und materialisiert sich schließlich im sozialen Vakuum. Bootsflüchtlinge stören ein gemütlich-paranoides Höflichkeitsdrama bei einer Einladung alter Freunde in die neue Strandvilla. Eine Geschichte, die Röggla behände aus der “vielleicht hätte man doch nicht sollen”-Perspektive erzählt.

Episoden aus der Lebenswelt von Kathrin Röggla

Viele Episoden spielen in Berlin – wo Röggla auch lebt -, aber auch in Frankfurt und Washington oder in der Provinz, in einer endlosen Reihe von Kongresshotels, unter anderem im Tiroler Alpbach, im Pressezentrum des Europäischen Forums. “All die Pseudogemütlichkeiten, die Milliardengeselligkeit neben einer Sesselliftanlage, all die Kaminabende, die ausgerichtet wurden von dieser oder jener Stiftung, dieser oder jener Organisation, diesem oder jenem Militär mit zivilem und kirchlichem Obersegen. Und er mittendrin mit seinen Stimmungsberichten, die doch etwas konvergieren sollten mit dem, was man Realität nennt, so Andruchowitsch, und nun konvergierten sie immer weniger.”

Die Protagonisten tauchen verschiedentlich wieder auf. Hartmut Terge zum Beispiel, zunächst der Arbeitskollege, der Zeuge wird, wie Manuela Brieses Erinnerung wöchentlich der Donnerstag abhandenkommt und sie an eben diesem Wochentag zur toughen Führungskraft mutieren lässt. Später ist er die zentrale Figur eines Klassentreffens, bei dem er sich seltsamerweise an niemanden, aber jeder sich an ihn erinnern kann. Oder Elena Tsangaris, die mit Verblüffung den aggressiven Verlauf einer Online-Diskussion über mögliche Ursachen eines nebulösen Herzrasens bei einem gewissen “MRtin” (“Er heiße MRtin, das sei ein Tippfehler, aber den bekomme er im Augenblick nicht weg”) verfolgt, und in einem späteren Kapitel nicht weniger verblüfft ihre späte Schwangerschaft zur Kenntnis nehmen muss. Ein kurzes Kapitel, aber auch das geht nicht gut aus.

Beißender Humor in den Geschichten in “Nachtsendung”

Kathrin Röggla hat es nicht darauf angelegt, ein nachsichtiges Schmunzeln zu erzeugen. Ihre Geschichten strotzen vor Komik, aber es ist wahrscheinlich der beißende Humor, der bei Röggla am meisten an Thomas Bernhard erinnert. Gemeinsam mit einem oft ins Atemlose rennenden Erzähl- und Aufzählgestus und mit dem schonungslosen Bloßstellen von leerer Eloquenz, die das Unbehagen überdecken oder wenigstens in Schach halten soll. Überflüssig zu erwähnen: das klappt nicht. Mit “Nachtsendung” bestätigt sich Röggla einmal mehr als eine der konzisesten und originellsten Chronistinnen unserer Zeit.

“…und es ist eigentlich so wie immer.” So endet das neue Buch von Kathrin Röggla. Aber das Unbehagen bleibt.

Kathrin Röggla: “Nachtsendung”, S. Fischer Verlag, 284 Seiten, 22,70 Euro

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(apa/red)

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