Nachtschichten

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Nachtschichten
Österreichs Dokumentarfilmer sind relativ lichtscheue Gestalten. Diesen Eindruck bekommt man zumindest, wenn man das Programm der heurigen Diagonale betrachtet.

Nach dem Eröffnungsfilm “Abendland” von Nikolaus Geyrhalter am Dienstag kam am gestrigen Mittwoch Judith Zdesars “Farben einer langen Nacht” zur Uraufführung, dem am Freitag die Österreich-Premiere von Ivette Löckers “Nachtschichten” folgt. Bei aller gemeinsamer Affinität zur dunklen Tageszeit offenbaren die Werke jedoch eine höchst unterschiedliche Herangehensweise an ihr jeweiliges Sujets.

Graz. Während Geyrhalter meist aus großer Distanz menschenleere Transiträume und technoide Grenzbereiche beobachtet, geht die in Berlin lebende Österreicherin Löcker nah an ihre Protagonisten heran, allesamt Menschen, die ihren Lebensunterhalt mit Nachtarbeit verdienen. Sie begleitet zwei Damen im “Kältebus”, der sich um Obdachlose kümmert, zeigt eine Nachtwächterin im Industrieareal, interviewt eine Japanerin, die als DJane arbeitet und über die fehlende Ruhe in ihrer Heimat sinniert.

Während Geyrhalters Einstellungen meist statisch bleiben, ist “Nachtschichten” seinen Protagonisten stets auf den Fersen, wenn sich die Regisseurin mit Graffitisprayern für ihre verbotenen Tätigkeit an Eisenbahnwaggons heranpirscht. Löcker zeigt die Ängste ihrer “Nachteulen” ebenso wie deren Sehnsüchte und deren Zufriedenheit mit dem schützenden Mantel der Dunkelheit.

Judith Zdesars nächtliche Feldforschung “Farben einer langen Nacht” ist hingegen primär eine Konfrontation mit dem eigenen Ich. “Ich habe ein unangenehmes Gefühl in der Dunkelheit”, gestand am Mittwochabend die junge Regisseurin, die sich inmitten des Polarwinters in den abgelegenen 1.000-Seelen-Ort Upernavik, zweitnördlichste Siedlung auf Grönland, begeben hatte. Nicht genug, dass Zdesar als ihr eigenes Versuchskaninchen bereits vor dem am Haus rüttelnden Wind graut – als ihr die Einheimischen auch noch von der Gefahr erzählen, dass Eisbären ins Dorf kommen könnten, birgt die Nacht vermeintlich zusätzliche Gefahren.

Zugleich ergibt sich in den zahlreichen Gesprächen, die Zdesar führt, ein liebevolles Porträt des kleinen Ortes im halbjährlichen Dauerdunkel und seiner Bewohner. Ein Gutteil glaubt an Geister, der Polizist grämt sich über die mangelnde Arbeit vor Ort, der Dorfarzt berichtet vom Tod seines jüngsten Sohnes. “Es bringen sich auch nicht mehr Leute im Winter um als im Sommer”, so das Resümee der Filmemacherin entgegen mancher Klischees.

Immer wieder durchbrochen wird das Bild von langen Sequenzen, in denen Zdesar mit Handkamera, deren Schwanken bis an die Grenze des im Kino Vertretbaren reicht, durch den Schnee stapft. Diese Ästhetik habe sich einfach aus den Umständen des Drehs ergeben, gestand Zdesar: “Ich habe die Kamera nicht bewusst noch schlechter geführt als sie eh schon ist.”

(APA)



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