Nach den Wahlen kommt es dick

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Nach den Wahlen kommt es dick
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Gastkommentar von Andreas Unterberger: Jetzt nehmen sie ganz offensichtlich keine Rücksicht mehr auf die Wähler. Jetzt stehen österreichweit mehr als zwei Jahre keine Wahlen zu einer Vertretungskörperschaft an (nur die machtpolitisch weniger wichtigen Präsidentenwahlen). Jetzt passieren daher all die bösen Dinge, die man vor den Wahlen nicht einmal angedeutet hat. Vor allem im Gesundheitsbereich kommt da Schlimmes auf uns zu, vor allem in Wien.

So werden in den Pflegwohnhäusern der Gemeinde Wien künftig nur noch halb so viele Ärzte Nachtdienst haben wie bisher. Nämlich genau einer statt zwei. Und auch darüber hinaus müssen Ärzte-Überstunden drastisch eingespart werden.

Dabei geht es wohlgemerkt um Pflegeheime mit Patienten, die in Spitälern nicht mehr weiter behandelt werden, und nicht um Pensionistenwohnhäuser mit noch gesunden Bewohnern. Dabei geht es um Pflegeanstalten mit jeweils mehreren hundert betreuten Menschen. Dort werden künftig immer zu wenig Ärzte vorhanden sein, wenn auch nur zwei der Patienten gleichzeitig akute Betreuung bedürfen.

Dort konnten bisweilen auch schon zwei Ärzte unter lebensrettenden Aktions-Stress kommen. Wer dennoch meint, die bisherige Doppelbesetzung wäre überflüssig gewesen, der würde überdies dem Krankenanstaltenverbund (KAV) der Gemeinde grobe Untreue vorwerfen, indem er unnötigerweise zwei Ärzte beschäftigt hat. Das wollen wir doch nicht annehmen.

Jedenfalls wird die schlechtere ärztliche Versorgung in den Pflegeanstalten bewirken, dass manche Patienten dann doch in den besonders teuren Akutbetten in den normalen Spitälern bleiben werden, damit sie ärztlich versorgt werden. Freilich gibt es auch dort eine Verschlechterung der ärztlichen Betreuung. Durch eine Vielzahl von Entwicklungen:

  • infolge der gesetzlichen Verkürzung der Arbeitszeiten;
  • infolge der Reduktion der vom KAV beschäftigten Ärzte;
  • aber auch als Folge des großen Andrangs auf die Ambulanzen.

Dieser Andrang ist wiederum darauf zurückzuführen, dass es zu wenig private Kassenordinationen gibt, dass viele Ärzte von der Kassa nur eingeschränkte Befugnisse bekommen haben, dass sie daher Patienten weiterreichen müssen; dass man an Wochenenden, während Feiertagen oder in der Nacht schon gar keine offenen Ordinationen findet, und dass man bei vielen Kassen-Fachärzten auch sonst keinen Termin bekommt.

Dazu kommt nun auch noch der skandalöse Umstand, dass die Krankenkassen die medizinisch immer häufiger notwendigen und sinnvollen MRT- und CT-Untersuchungen gedeckelt haben, weshalb Patienten – anstelle etwa eines geringen, aber sinnvollen Selbstbehalts – hunderte Euro zahlen müssen. Aber auch bei vielen anderen Therapien und Diagnosen werden die Wartezeiten immer länger.

Noch schlimmer ist aber, dass die Spitäler wachsende Probleme haben, überhaupt genug Ärzte zu finden. Denn diese marschieren derzeit im Eilschritt ins Ausland. Österreich hat in den letzten zwölf Jahren nicht weniger als 7000 Ärzte an andere Länder verloren! Gleichzeitig ist Tatsache, dass ein Viertel der Spitalsärzte in den nächsten zehn Jahren in Pension gehen wird.

Dieser gigantische medizinische Aderlass hat eine Hauptursache: Spitäler wie Krankenkassen zahlen hierzulande den Ärzten deutlich weniger, als die Mediziner etwa in Deutschland verdienen können. Außerdem ist im Ausland die Steuer- und Abgabenbelastung (nicht nur für Ärzte) deutlich geringer.

Damit zeigt sich immer stärker, wie hirnrissig das vor allem von der SPÖ verschuldete österreichische System ist: In Österreich als einem von ganz wenigen Ländern ist das sehr teure Medizinstudium noch immer vollkommen gratis. Dafür fehlt jedoch dann das Geld, um junge Ärzte attraktiv bezahlen und damit im Land halten zu können.

Das unentgeltliche und noch immer sehr gute österreichische Medizinstudium wird von ausländischen Studenten gestürmt. Deren Anteil an der Studentenmenge ist zwar derzeit noch mit 30 Prozent gedeckelt, aber die EU-Kommission wird immer skeptischer, ob denn diese Deckelung durch Österreich dauerhaft EU-kompatibel ist.

Überdies geht auch eine große Zahl österreichischer Medizinabsolventen ins Ausland. Universitätsprofessoren sagen, dass das gerade die talentiertesten Jungärzte tun. Aber auch von den im Land Verbleibenden arbeiten nicht alle lebenslänglich als Arzt. Insbesondere Frauen entscheiden sich dann später oft für die Familie oder für eine bloße Teilzeitbeschäftigung etwa als Betriebsarzt anstelle des Vollzeit-Stressberufs.

Österreichweit sind jetzt schon 300 Arztstellen in Spitälern unbesetzt. Und die Zahl steigt ständig weiter. Zur Abschreckung durch die schlechte Bezahlung kommt auch noch der Umstand, dass Spitalsärzte administrativ zugemüllt werden. Sie müssen nach Erhebungen der Ärztekammer 40 Prozent ihrer Arbeitszeit für Administration und Dokumentation aufwenden. Das sind Tätigkeiten, die eigentlich zu einem Gutteil Sekretariate und Dokumentationsassistenten übernehmen könnten. Wenn es sie denn gäbe. Aber auch die hält der Wiener KAV für überflüssig.

Für die Zukunft noch schlimmer ist, dass durch die neue Arbeitszeit-Limitierung für Ärzte die Fach-Ausbildung der Jungmediziner nach dem Universitätsstudium besonders unter die Räder kommen wird. Für sie haben die ausbildenden Oberärzten und Primarii viel weniger Zeit. Was sowohl Qualität wie Quantität der künftigen Ärzte-Generationen zwangsläufig weiter reduziert.

Manche werden nun meinen, die Gemeinde, in deren Verantwortung die medizinische Versorgung in Wien fällt, habe halt kein Geld. Dass müsse man bei aller Kritik schon berücksichtigen.

Wenn das Rathaus wirklich kein Geld hat, dann ist es freilich umso unverständlicher und provozierender, dass Wien gerade jetzt (eben nach der Wahl) eine ganz neue Förderung für Parteiakademien einführt. Diese Förderung wird zusätzlich zur weiterlaufenden Parteiförderung durch die Stadt Wien bezahlt. Diese ist ohnedies schon die weitaus höchste aller Bundesländer. Laut Berechnung der Neos sind es jährlich 27 Millionen. Daneben gibt es natürlich auch noch die Parteien- und Parteiakademienförderung durch den Bund (die im internationalen Vergleich ebenfalls sehr großzügig ist).

Für die neue Wiener Akademienförderung werden jetzt jährlich zusätzliche 2,3 Millionen ausgegeben. Geld, das man offenbar problemlos hat. Geld, mit dem man bei den Ärztegehältern wenigstens einen wichtigen Anfang setzen könnte.

Natürlich ist es absolut Zufall, dass diese Förderung genau zu jenem Zeitpunkt beschlossen wird, da die SPÖ viel Geld aus der bisherigen Parteienförderung verliert, weil sie bei der Wahl so schlecht abgeschnitten hat . . .

PS: Ehre, wem Ehre gebührt: Die Neos verzichten als offenbar einzige Partei auf das zusätzliche Akademien-Geld. Womit sie sich freilich leichter tun als die anderen Parteien: Haben sie doch schon durch den Einzug in den Gemeinderat ein dickes, eben auch finanzielles Plus erzielt, und nicht wie Rot, Schwarz, Grün ein Minus.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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