Michael Bublé live in Wien: Vom idealen Schwiegersohn zur Konzert-Rampensau

Michael Bublé versuchte es mit ein bisschen mehr Bad Boy - irgendwie. Michael Bublé versuchte es mit ein bisschen mehr Bad Boy - irgendwie. - © APA
Michael Bublé ist nicht Robbie Williams – oder? Man wurde beim Konzert des kanadischen Jazz-Stars in der Wiener Stadthalle am Mittwoch das Gefühl nicht los, er wäre gerne ein bisschen mehr Rampensau. Trotz Witzchen, eingestreuten “Fuck”s, Mittelfinger und Pyrotechnik wollte dem Sänger im Smoking das Bad Boy-Image bei der gar zu glatten Show nicht so ganz gelingen – im Gegenteil.

Weniger als zehn Monate sind seit Michael Bublés ausverkaufter Show in Wien vergangen – dementsprechend demütig zeigt sich der 39-Jährige am Mittwoch, erneut in der “Stadt der Musik” geladen zu sein, auch wenn er mit der Begrüßung von “wieder 12.000” Fans um knapp 4.000 daneben liegt. “Ihr wisst gar nicht, was mir das bedeutet, meine Lieben.”

Diese Lieben begeistert der mehrfache Grammy-Preisträger mit Neuinterpretationen von Jazz- und Swing-Klassikern ebenso wie mit Pop-Anleihen versehenen, eigenen Songs seit mehr als zehn Jahren, zuletzt erschien im März 2013 “To Be Loved”. Die Weihnachtsklassiker aus seiner kommerziell erfolgreichsten Veröffentlichung, dem 2011 veröffentlichten Multi-Platin-Album “Christmas”, ließ Bublé sieben Wochen vor dem heiligen Abend zwar aus. Dafür stimmte er mitunter fremde Vorjahres-Hits wie Daft Punks “Get Lucky” oder Pharrell Williams’ “Happy” an.

Mit Big Band in der Wiener Stadthalle

Mit einer großartigen Big Band auf drei fahrbaren Podesten sowie einer riesigen Leinwand im Hintergrund, die sich auf eine fächerartige Schräge in der Bühnenmitte spiegelte, zieht der Entertainer also aus, das Publikum mit der gewohnten Mischung an Stimmungsmachern mitzureißen. Neben Hits wie “It’s A Beautiful Day” und “Haven’t Met You Yet” sind es vor allem Klassiker vom theatralischen “Feeling Good” über “Come Dance With Me” und Sinatras “You Make Me Feel So Young” bis zu Elvis Presleys “Burning Love”, die Bublé in seinem Element zeigen:

Da gleitet er fast schwebend über die Bühne, tänzelt mit dem Mikrofonständer, sonnt sich mit leuchtenden Augen im Scheinwerferlicht. Im Balladen-Block samt Streichern, die kurzzeitig die Bläser ersetzen, schmettert er dann überzeugend seine Schmachtnummer “Home” und Van Morrisons “Crazy Love” – und fordert “all die Pärchen im Publikum” prompt zum Fummeln auf.

Michael Bublé animierte das Publikum – manchmal

“Ihr habt von mir die Erlaubnis, heute zu tun, was immer ihr wollt”, hat Bublé schon zuvor gesagt, und damit zum Tanzen und Mitsingen aufgefordert. Die rund 8.000 Besucher wissen das an diesem Abend nicht immer auszureizen – was Bublés Hinweis, schimpfende Zuseher hinter sich mit “Go fuck yourself” und ausgestrecktem Mittelfinger zum Schweigen zu bringen, unnötig machte. Allein das Medley aus “To Love Somebody” und “All You Need Is Love”, für das Bublé die sympathische A-Capella-Gruppe Naturally 7 auf die kleine Bühne in der Publikumsmitte holte, wusste seine Mission, “mehr Romantik und mehr Liebe in die Welt zu bringen” samt obligatorischem Herzchen-Konfettiregen gänzlich zu erfüllen.

Am Ende bleibt der Eindruck, mehr eine Aneinanderreihung von Stimmungsmachern und eingestreuten Höhepunkten denn ein stimmiges 100-Minuten-Set erlebt zu haben. Die Spannung vom theatralischen Opener “Fever” samt Feuer auf der Bühne weiß Bublé nicht zu halten – was seinen anfänglichen Scherz, mit dem Effekt all sein Geld verbraten zu haben und den Rest der Show damit “shitty” zu machen, fast glaubhaft macht.

Konzert ein wenig unter der Gürtellinie

Wenig bemüht wirken die Übergänge, eher beliebig die mitunter wie Bildschirmschirmschoner anmutenden Visuals zwischen Sternenregen und quietschbuntem Himmel mit Heißluftballonen und Wolken. Auffällig auch, wie undeutlich und scheinbar wenig bemüht Bublé vor allem am Anfang singt, wenn etwa aus “new dawn” ein “naaaawn” wird.

Kaum abnehmen will man ihm auch das Bad Boy-Getue samt nicht zündender Showman-Avancen, die Bublés guter Freund Robbie Williams geradezu perfektioniert hat. Da wird der weibliche Fan, der laut selbstgemaltem Schild schon bei der ersten Wien-Show und in Budapest war, als “crazy bitch” bezeichnet, und ein lautstarker Fan aus den oberen Rängen als möglicher Psychopath bloßgestellt. Unter der Gürtellinie sind dann die Sprüche, mit denen der Sänger seine Musiker im Sportübertragungs-Stil einzeln vorstellt. Zweideutige Witze, Flüche und der Griff in den Schritt – das funktioniert bei perfekt sitzender Frisur und schwarzem Smoking eben nicht. Umso versöhnlicher dann das Ende, wenn Bublé ehrlich ergriffen wirkt, seinen Fans den “Song For You” widmet – und das, in dieser großen Halle durchaus beeindruckend, ohne Mikrofon. Es geht doch auch ohne Mittelfinger, Herr Bublé.

(APA/Red.)

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