Marillenmarmelademonster: “Kartonage” im Burgtheater-Kasino

Marillenmarmelade ist dicker als Blut
Marillenmarmelade ist dicker als Blut - © APA (Werner)
Blut ist dicker als Wasser. Aber noch dicker als Blut ist Marillenmarmelade. Für seine Inszenierung des Stückes “Kartonage” der jungen Deutsch-Türkin Yade Yasemine Önder verwendet Franz-Xaver Mayr beides in rauen Mengen. Das Gespür für die richtige Portionierung beim Mitteleinsatz fehlt dieser Produktion, die im Juni in Berlin Premiere hatte und seit gestern im Burgtheater-Kasino gezeigt wird.

Önders Stück war als eines von drei aus 125 Einsendungen zur Realisierung ausgewählt worden. Das Deutsche Theater, das Schauspielhaus Zürich und das Burgtheater realisierten als Koproduzenten der Autorentheatertage je einen der Siegertexte. Während “Your Very Own Double Crisis Club” der israelischen Autorin Sivan Ben Yishai und “Welches Jahr haben wir gerade?” der in Berlin lebenden Iranerin Afsane Ehsandar Fluchtgeschichten sind, erzählt “Kartonage” von einer Rückkehr: Rosalie, die vor 16 Jahren aus dem elterlichen Haushalt verschwand, kehrt überraschend zurück. Statt Wiedersehensfreude gibt es Schuldzuweisungen, Morddrohungen und Handgreiflichkeiten.

Wer sich abschottet, wird sonderlich. Wer seine Nase nie nach draußen steckt, erstickt an der eigenen Dumpfheit. Auf diese Aussage lässt sich das mit den Mitteln des absurden Theaters spielende Familiendrama bringen. Der 1986 in Hallein geborene Regisseur, der im Vorjahr gemeinsam mit Korbinian Schmidt den Nachwuchswettbewerb des Theaters Drachengasse gewann und heuer bereits am Schauspielhaus Wien inszenierte, realisiert “Kartonage” als völlig überdrehte Groteske voller ermüdender wiederkehrender Abläufe und Rituale. Den titelgebenden Wohnkarton realisierte Michela Flück als querliegenden, engen Bunkerbau aus Holzimitat.

Zwischen Staubsauger, Esstisch, Eckbank und Küchenzeile spielt sich das Alltags-Leben zweier Zombies ab, das von Bernd Birkhahn und Petra Morzé mit Todesverachtung und viel Liebe zum absurden Detail exekutiert wird: “Werner 1” und “Werner 2”, wie das schrullige Paar sich gegenseitig nennt, haben das traute Heim seit dem Verschwinden der Tochter nie mehr verlassen. Der allmorgendliche Andachtsjodler sowie eine nicht endende Abfolge von Marillenmarmeladebroten halten die beiden noch am Leben. Da schlittert die Tochter (Irina Sulaver) aus der halb kaputten Videospur (Sophie Lux hat diesen mit dem Rest des Abends zwar nicht korrelierenden, dennoch am meisten interessierenden Part gestaltet) zurück in die Familienbox. Plötzlich ist alles anders. Aber nichts wird besser.

Die bei der gestrigen Österreichischen Erstaufführung freundlich akklamierte 75-minütige Aufführung hat keine Entwicklung, einige Längen und eine unerwartete Wirkung: Marillenmarmelade wird in nächster Zeit vom Speiseplan gestrichen.

(APA)

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