Macht Wien hässlich!

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Macht Wien hässlich!
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Gastkommentar von Andreas Unterberger: Das einzige, was in Wien derzeit neben Behörden und Ämtern noch blüht und Arbeitsplätze sichert, ist der Tourismus. Daher ist es nicht nur eine ästhetische, sondern langfristig auch eine ökonomische Katastrophe, dass die Wiener Machthaber jetzt ausgerechnet die Basis dieses Tourismus zerstören.

Diese Basis ist eindeutig die Schönheit des historischen Wiens. Und da das Ganze aus sehr üblen Motiven passiert, kann man wohl auch von einer moralischen Katastrophe sprechen. Der Kern der Attraktivität Wiens ist zweifellos der gesamte erste Bezirk und einige angrenzende Gebiete, etwa die Biedermeier-Viertel im 3. oder 8. Bezirk. Dazu zählen auch die Heurigen-Vororte wie Grinzing und Neustift.

All das wird immer hemmungsloser der Spekulation geopfert. Diese drängt natürlich mit großer Zielgenauigkeit in die schönsten Gebiete Wiens, also in die durch Barock, Biedermeier, Gründerzeit und Jugendstil geprägten Viertel. Diese Immobilien-Spekulation nimmt keine Rücksicht darauf, dass durch ihr eigenes Wüten diese Gebiete bald nicht zu den schönsten zählen werden. Denn vorher gibt es immer noch viel Geld beim Verkauf von Luxus-Wohnungen und -Büros zu machen. Die Baumafia könnte sich zwar jenseits der Donau oder im 10. und 11. Bezirk hemmungslos mit den progressivsten Ideen austoben. Aber das interessiert weder sie noch die (aus leicht erratbaren Gründen) dienstbeflissen auf die Wünsche der Spekulanten reagierenden Stadtpolitiker.

Kulminationspunkt dieser politischen Unterstützung für die Spekulationswelle ist zweifellos die „Neue Hochhausrichtlinie“. Diese ist so „progressiv“, dass sie sogar ein Hochhaus neben dem Stephansdom zulassen würde. Es ist nur mit breitflächiger geistiger wie materieller Korruption erklärbar, dass der politische Aufschrei gegen diese Hochhaus-Pläne bei Medien und Opposition bisher sehr verhalten geblieben ist.

Zahlreiche Petitionen, die engagierte Bürger an den Petitionsausschuss des Rathauses wegen geplanter Bausünden gerichtet haben, kamen mit nichtssagenden Totalablehnungen zurück. Auch die Unesco-Verantwortlichen, die bei früheren Anschlagsplänen auf das Wiener Stadtbild noch sehr tapfer das Weltkulturerbe verteidigt haben, scheinen inzwischen auf Parteilinie gebracht zu sein. Die Grünen, die früher noch Bürgerinitiativen vehement unterstützt haben, sind am lautesten umgefallen. Und die Wiener Tourismus-Verantwortlichen glauben jetzt offenbar allen Ernstes, dass Schwulen-Tourismus statt des Kultur- und Städte-Tourismus künftig für die Auslastung von Hotels und allen anderen Betrieben sorgen wird, die von den ausländischen Gästen leben.

Der schlimmste unter all den geplanten Anschlägen auf die historische Schönheit Wiens ist zweifellos der megalomanische Hochhausturm, der direkt neben dem Wiener Konzerthaus entstehen soll. Für diesen sind die Planungen schon so weit vorangetrieben, dass man ihn nach der Wahl das Projekt sehr schnell umsetzen kann. Vor der Wahl versucht man das Thema hingegen aus leicht erklärlichen Gründen aus der öffentlichen Aufmerksamkeit wegzubekommen. Im Konzerthaus schäumen deswegen alle Verantwortlichen vor Zorn – aber sie trauen sich angesichts der würgenden Schuldenlast seit der letzten Renovierung des Jugendstil-Juwels nicht laut zu protestieren. Denn diese Schulden machen ja total von der öffentlichen Hand abhängig.

Mit diesem Hochhausprojekt (fast doppelt so hoch wie das auch schon schlimme Hotel Intercontinental direkt daneben!) setzt sich eine in den letzten Jahren begonnene Serie von schweren Anschlägen auf das Wiener Stadtbild fort. Nur einige Beispiele:

  • Das total überdimensionierte Projekt Wien-Mitte samt einem Gerichtsturm, in den der einstige Justizminister Böhmdorfer die – früher perfekt und ohne irgendein Problem in der Riemergasse untergebrachten – Gerichte hineingezwungen hat. (Der schöne historische Gerichtsbau in der Riemergasse steht seit dem Auszug nun schon über ein Jahrzehnt ungenutzt und leer – offenbar bis die nächste Stadtbildzerstörung zuschlägt).
  • Die endgültige Zerstörung der (allerdings schon länger nicht mehr besonders sehenswerten) Kärntner Straße durch ein deutsches Großkaufhaus.
  • Das Hotal Topazz beim Hohen Markt, das wie die Faust aufs Auge in die Umgebung passt.
  • Die hässlichen Dachaufbauten auf dem Hanuschhof direkt neben der Oper.
  • Ein dreistöckiges Penthouse auf einem Barockhaus beim Neuen Markt.
  • Ein völlig inkompatibler und hässlicher Dachaufbau am Beginn der Mariahilferstraße.
  • Die katastrophale Demolierung des Hauses in der Gumpendorferstraße, in dem das Cafe Sperl untergebracht ist.
  • Der entsetzliche Dachausbau in der Mahlerstraße beim Hotel Marriott.

Das sind nur ein paar aus zahllosen schlimmen Fällen willkürlich herausgegriffene Beispiele, was alles schon verwirklicht worden ist. Aber sie sind Peanuts und geradezu harmlos gegen das, was jetzt auf Wien allerorten zukommt.

Gewiss, Architekten und Spekulanten haben sich immer schon an den attraktivsten Plätzen austoben wollen. Aber jahrzehntelang hat sich die Politik diesen privaten Interessen entgegengestellt. Man denke insbesondere an die großen Verdienste der Herrn Zilk und Mauthe, die sich beide für die Verteidigung der Schönheit Wiens erworben haben. Aber auch an die tapfere Rolle, die der Bundes-Denkmalschutz dabei lange gespielt hat.

Jetzt aber ist weit und breit kein Politiker mehr, keine Behörde mit auch nur einem minimalen kulturellen Bewusstsein in Stadt oder Bund zu finden. Und die langfristig bedrohten Hotels, Tourismus & Co begreifen nicht, wie sehr an dem Ast gesägt wird, auf dem sie sitzen.

Man denke zum Vergleich an das, was sich an Spaniens Südküste abgespielt hat: Diese war einst einer der schönsten Landstriche Europas; in den letzten Jahrzehnten haben aber kurzsichtige Spekulanten und korrupte Politiker fast die ganze Küste mit Betonburgen und Plattenbauten so hässlich gemacht, dass dort nur noch Billigst-Touristen hinfahren.

Ein Menetekel für Wien.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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