Leonard Cohen begeistert sein Publikum in Salzburg

Leonard Cohen begeistert sein Publikum in Salzburg
Salzburg-Stadt – Ausdauer hat er: Es war fast Mitternacht, als sich der kanadische Liedermacher Leonard Cohen nach einem intensiven Konzert und gut einem halben Dutzend mitreißender und berührender Zugaben am Dienstagabend in der Salzburgarena von seinem Publikum verabschiedete. “

Here’s a man still working for your smile” hatte er doppeldeutig in einem seiner letzten Lieder gesungen und dafür Standing Ovations von seinen begeisterten Zuhörern erhalten, die von “Closing Time” nichts hören wollten.

Festspiele nur zweitrangig

Auch wenn es wohl ein Zufall war, dass dieses zur World-Tour 2010 gehörende Konzert des fast 76-jährigen Rock-Poeten mit der unverkennbar rauchig-sanften Stimme just zu Beginn der Salzburger Festspiele stattfand: Fast hätte man den Eindruck haben können, dass der Auftritt als kleiner Kontrapunkt im Programm des Festivals geplant gewesen sein könnte. Das haben sich wohl auch einige Festspielstars wie Buhlschaft Birgit Minichmayr, “Jedermann”-Regisseur Christian Stückl oder Konzertchef Markus Hinterhäuser gedacht. Sie haben das Konzert, für das sie auf die “Dionysos”- und “Innenschau”-Festspielpremieren verzichtet hatten, sichtlich genossen.

Es gab gar nicht so wenige Parallelen zwischen dem Cohen-Auftritt und der “Ödipus”-Premiere auf der Pernerinsel am Vorabend. Hier wie dort ein in die Jahre gekommener Mann, der den Abend durch seine Präsenz und seine künstlerische Erfahrung trug, der vor seinen Zuhörern Bilanz legte – der alternde Ödipus über sein von Mord und Inzest geprägtes Leben, der erstaunlich jung und kraftvoll wirkende Cohen über Liebe, Sehnsucht, Weltschmerz und Enttäuschungen. Hier wie dort ein Auftritt, der völlig ohne Schnickschnack und Effekte auskommt. Beides Klassiker in ihrem jeweiligen Genre. Auf der Pernerinsel eine große, graue Bühne mit einem lauschigen Hain in der Mitte, in der Salzburgarena ein traditioneller Vorhang mit Scheinwerfern, die die Bühne für jedes Lied in eine andere Grundfarbe tauchen. Keine Lichtorgeln, keine Videowalls mit Computeranimationen, keine künstlichen Nebel und keine Spezialeffekte.

Die Bühnenshow Cohens reduziert sich auf drei Background-Sängerinnen, die ihre Hüften schwingen und sich ab und zu ihre Jacken an- und wieder ausziehen. Das gibt dem kanadischen Liedermacher breiten Raum, lenkt nicht ab vom Wesentlichen: seiner Musik – große Klassiker wie “Suzanne”, “So Long, Marianne”, “Chelsea Hotel” oder “First We Take Manhattan” ebenso wie neuere Werke wie “Boogie Street”. Cohen macht vor, wie man als großer Mann der Rockgeschichte in Würde altern kann.

Es war einmal und es war einmal schön
Trotzdem machte sich im zweiten Teil des Auftritts ein Hauch von Langeweile im Publikum breit. Erst seine großen Hits wie der Gospelsong “Hallelujah” rissen die Zuhörer wieder aus einer gewissen Müdigkeit. Die Zugaben entschädigten für kleinere Längen im vorangegangenen Teil. Viele Besucher standen auf und strömten in Richtung Bühne, um den Meister der romantischen Tristesse zu feiern. Auch Cohen lief angesichts der Begeisterung erneut zu Hochform auf und hatte sichtlich Spaß an seinem Auftritt. Er hüpfte winkend von der Bühne – so mancher im Publikum tat sich beim Aufstehen nach Stunden des Sitzens schwerer. Die Alterswertung des Publikums dürfte am Dienstag nämlich nicht an die Festspiele, sondern an Cohen gegangen sein. Die Generation 50 plus war eindeutig in der Überzahl – ganz nach dem Motto: Es war einmal und es war einmal schön.
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