Lampedusa-Dokumentation “Seefeuer”: Interview mit Regisseur Gianfranco Rosi

"Seefeuer"-Regisseur Rosi im Interview
"Seefeuer"-Regisseur Rosi im Interview - © Filmladen
Die Flüchtlingstragödie auf hoher See im direkten Kontrast zu den Erlebnissen und dem Alltag der Bewohner der Mittelmeer-Insel Lampedusa ist der zentrale Fokus der Dokumentation “Seefeuer”. In einem Interview erzählt Regisseur Gianfranco Rosi von den Dreharbeiten und der Metapher, die der Film darstellt.

Es ist ein “politischer Film, der kein politisches Statement besitzt”, der als bisher höchste Auszeichnung beim diesjährigen Berlinale-Filmfestival den “Goldenen Bären” gewonnen hat. Jury-Präsidentin Meryl Streep nannte das Werk das “Herz der Berlinale”. Der 1964 in Asmara, Eritrea, geboren Regisseur, Produzent, Kameramann und Drehbuchautor Gianfranco Rosi bringt in “Seefeuer” (im Original: “Fuocoammare”) nun eindrucksvoll die Tragödie der vielen Flüchtlinge auf gleichermaßen behutsame wie erschreckende Weise auf die heimischen Kinoleinwände. Im Interview gibt der Italiener unter anderem Einblick in die Drehbedingungen.

APA: “Seefeuer” wirft ein anderes Licht auf die Flüchtlingsdebatte, blickt auf Individuen statt Statistiken. Was ist die Perspektive, die Sie in “Seefeuer” einnehmen?

Gianfranco Rosi: Ich wollte eine Geschichte von einer Insel erzählen, die seit jeher mit Flüchtlingen und Tragödien assoziiert wird. Jeder spricht nur über Lampedusa, wenn eine Tragödie passiert ist oder die Zahl der Ankommenden in die Höhe schnellt. Ich wollte den Blick weg von den Zahlen und hin zu den Menschen richten, die auf hoher See sterben, weil sie vor Tragödie, Krieg, Hunger flüchten und ihren Kindern ein besseres Leben bieten wollen. Allein, wie viele Kinder ich getroffen habe, die in diesen Booten ohne Familie angekommen sind – 12- und 13-Jährige! Lampedusa stellt noch diesen Moment von Hoffnung dar, wenn die Hilfesuchenden das Land der Freiheit erreichen. Sie verbringen zwei Tage dort und dann fängt der Albtraum an, wenn sie zwei oder drei Jahre auf ihren Asylbescheid warten. Ich wollte Bewusstsein schaffen, einen Hilfeschrei abgeben. Der Film liefert natürlich keine Antwort, kein politisches Statement, auch wenn es ein politischer Film ist.

Warum haben Sie sich dazu entschlossen, für die Dreharbeiten über ein Jahr nach Lampedusa zu ziehen?

Das entspricht meiner Arbeitsweise. Wenn ich ein Projekt starte, muss ich den Alltag des Ortes leben und ihn verstehen, Menschen treffen, mit denen ich die Geschichte erzähle. Dafür brauche ich Zeit. Ich weiß, wo ich eine Geschichte beginne, aber nicht, wo der Film enden wird. Der Film erzählt zwei Geschichten, die nie aufeinandertreffen: Jene der Inselbewohner und jene der Flüchtlinge, vielleicht auch die Rettung des Bootes als dritte Geschichte. Im Mittelpunkt aber steht die Geschichte eines Kindes, das auf der Insel lebt, und an dem so viele Menschen vorüberziehen, die es nie trifft, weil es keinen Kontakt gibt.

Woran liegt das?

Seit 2013, als die Grenze von Lampedusa aufs Meer hinaus verschoben wurde, kommen die Flüchtlinge nicht mehr direkt auf Lampedusa an, sondern werden am Meer von der Küstenwache abgefangen. Davor kamen sie direkt am Strand an, hatten mehr Interaktion mit den Bewohnern, waren Teil der Insel. Das hat sich in den vergangenen Jahren geändert, alles wurde institutionalisiert. Sie bleiben zwei Tage in der Aufnahmestation, ehe sie weiter aufs italienische Festland zu einem Hot Spot gebracht werden, wo überprüft wird, ob sie Anspruch auf Asyl haben. Das hat auch verändert, wie sich die Insel gegenüber Flüchtlingen verhält. Es ist eine Art Metapher dafür, wie Europa agiert: Es sind zwei unterschiedliche Welten, die nie miteinander in Kontakt treten. Der Film repräsentiert diese Distanz, diese Unmöglichkeit der Kommunikation.

Seefeuer-Filmladen-Gianfranco-Rosi 2

 

Bei einem Arztbesuch formuliert der elfjährige Samuele eine Angst, die er verspürt. Haben Sie Ängste und Sorgen bei den Inselbewohnern festgestellt?

Ja, sie haben eine Sorge, die sie mit ganz Europa, der ganzen Welt teilen, und die in Großbritannien zum Brexit geführt hat: Eine Angst und Unsicherheit vor dem Unbekannten, eingepflanzt von der Politik. Die Menschen sagen sich lieber von der Geschichte los, ehe sich damit zu beschäftigen, was wir tun können, um etwas zu verändern.

Anders als etwa in Österreich, dessen Grenzpolitik Sie scharf kritisiert haben, werden auf Lampedusa keine Barrieren geschaffen, reagieren die Menschen nicht mit Hass und Abwehr. Was unterscheidet sie von so vielen anderen?

Das habe ich den Insel-Arzt Pietro Bartolo gefragt, als ich ihn das erste Mal getroffen habe. Immerhin sind auf Lampedusa in den letzten 15 Jahren 250.000 Menschen angekommen und die Insel wurde damit immer allein gelassen. Er sagte: “Wir sind Fischer, Leute des Meeres, und die akzeptieren alles, was das Meer bringt.” Wir sollten alle lernen, wie Fischer zu sein.

“Seefeuer” lässt uns individuelle Bewohner, nicht aber Flüchtlinge näher kennenlernen. Wie schwierig war es, in der Aufnahmestation zu drehen?

Rosi: Es hat Monate gedauert, bis ich die Genehmigung bekam. Dann aber hatte ich uneingeschränkten Zutritt, niemand hat mich gefragt, warum und was ich drehe. Dennoch war es sehr schwierig, Interaktionen einzugehen, weil die Menschen nach Tagen der Angst auf der Überfahrt komplett desorientiert ankommen. Es war unmöglich, eine Beziehung aufzubauen, wegen der Sprache aber auch der zu kurzen Zeitspanne. Aber es gibt einen Moment im Film mit der Gruppe nigerianischer Jugendliche, die ihre Tragödie eindrücklich über einen Song transportiert. Nach dem Lied war es mir unangenehm, weiter zu filmen. Das Letzte, was diese frisch angekommenen Menschen wollen, ist eine Kamera vor dem Gesicht.

Schwierig muss auch der Dreh auf dem Marineschiff gewesen sein. Sie kommen dem Tod hier fast unerträglich nahe. Hatten Sie je Zweifel, ob sie das zeigen wollen?

Natürlich! Ich habe 40 Tage auf diesem Schiff verbracht und sehr viele Rettungsaktionen gefilmt. Manchmal konnte ich nicht filmen, weil der Wellengang zu stark war, andere Male war alles ganz gewöhnlich: Da war ein Boot, die Menschen wurden vom Boot geholt und auf die Insel gebracht, das ist Routine. Doch eines Tages kam der Tod zu mir. Ich habe es gedreht, als wäre es eine von Tausenden Rettungsaktionen, aber plötzlich sehe ich das Sterben und muss entscheiden, ob ich weiterdrehe. Ich habe mich dafür entschieden, bin sogar tiefer gegangen, habe die Toten im Laderaum des Bootes gefilmt. Damit war der Film für mich abgeschlossen, ich hatte keine Energie mehr, zu drehen. Im Schnitt habe ich dann sehr viele Rettungsszenen entfernt. Der Film sollte auf diesen einen Punkt hinauslaufen. Ich wollte diesen Moment nicht missbrauchen, wollte nicht, dass er morbide oder pornografisch wirkt. Das Bild ist einfach notwendig, damit Menschen verstehen, dass es eine Tatsache ist, dass das Menschen passiert, die vor Elend flüchten. Das ist es, was der Film sagen will: Das ist keine Art und Weise, wie Menschen sterben sollten.

Seefeuer-Filmladen-Gianfranco-Rosi 1

Ihr Film ist der erste Dokumentarfilm, der bei der Berlinale den Hauptpreis gewann, wurde in mehr als 60 Länder verkauft. Was hebt ihn von den vielen anderen Filmen zu dem Thema ab?

Es gibt wohl Tausende, Millionen Filme über dieses Thema. Das Besondere an diesem Film ist, dass er mehrere Lesarten zulässt, Interpretationsspielraum, diverse Sichtweisen gibt. Aber vorrangig ist “Seefeuer” ein Coming-of-Age-Drama, eine Geschichte über einen Buben, der auf einer Insel lebt. In seiner tiefsitzenden Angst vor dem Unbekannten des Erwachsenwerdens erkennen wir unsere eigene Furcht vor dem Unbekannten. Vielleicht hat er deshalb so eine große emotionale Wirkung, weil es nicht nur um Flüchtlinge, sondern auch um diesen Buben geht.

Nun, da das Thema die “Leave”-Kampagne in Großbritannien beherrscht hat und der Brexit kommt, wie schätzen Sie den Zustand der EU und die Wahrscheinlichkeit einer gemeinsamen Lösung ein?

Rosi: Leider sehen wir momentan nichts, das darauf hindeutet. Europa verliert gerade seine Identität. Der Einsatz ist hoch, und die Desintegration birgt großes Risiko, weil Europa nicht als Kraft agieren kann, wenn man jede Entscheidung einzelnen Staaten überlässt. Es ist eine große Niederlage, wenn sich Großbritannien wie die Schweiz absondert. Sobald man Schengen infrage stellt, oder auch die Idee, dass bestimmte Dinge von ganz Europa oder der ganzen Welt gelöst werden soll, dann ist das ein verlorener Kampf um unsere Zukunft, um diese Union.

(Angelika Prawda/APA/Red.)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen
Werbung