Länderpavillons zeigen “Freiraum” bei Architekturbiennale

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Der Österreich-Pavillon in Venedig
Der Österreich-Pavillon in Venedig - © APA
Selten hat sich ein Biennale-Motto der Generalkuratoren so unmittelbar in den nationalen Präsentationen der Architekturbiennale Venedig niedergeschlagen wie das heurige “Freespace”. In den Giardini der am Samstag eröffnenden internationalen Schau drängt sich ein Freiraum an den nächsten: Entweder in Form von echten, leeren Räumen, oder von fröhlichen Best-Of-Ausstellungen “freier” Architektur.

Der österreichische Pavillon wird am Donnerstagnachmittag offiziell eröffnet. Die Präsentation mit Arbeiten der Architekturbüros LAAC und Henke Schreieck sowie des Designbüros Sagmeister & Walsh habe das Biennale-Generalthema “Freespace” “einzigartig in dreifacher Weise verwirklicht”, lobte Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) bei einer Pressekonferenz. Das Konzept des Freespace könne man in vielfacher Hinsicht interpretieren – “als freien Raum, als Großzügigkeit des Geistes”, so Blümel. In jedem Fall berge es “den Anspruch nach räumlicher Qualität und Offenheit”, der sich nicht der Funktion unterordnen lasse. “Ich empfinde es als großes Privileg, hier sein zu dürfen”, gratulierte Blümel allen Beteiligten.

Radikale Architektur des Freiraums baut – fast nichts. Geradezu provokant wörtlich genommen hat man das Motto etwa im britischen Pavillon: er ist leer. Allerdings um eine gewaltige Sonnenterrasse mit fantastischem Ausblick reicher, wo nachmittags Tee serviert wird. Auch das Dach des ungarischen Pavillons ziert ein neues Sonnendeck, hier präsentiert man im Erdgeschoß allerdings auch ausgewählte Projekte: Was passiert, wenn sich die Zivilgesellschaft offener, unbenutzter Räume bemächtigt? Wie kann Architektur diese Prozesse befördern? Dieser Frage gehen zahlreiche nationale Präsentationen nach.

Zwischen Pressspanplatten und Gerüsten feiert Venezuela seine “Rebels” in Caracas mit südamerikanischen Rhythmen und Fußallreferenzen, Frankreichs Kuratoren haben zehn beispielhafte Projekte ausgewählt – leer stehende Fabrikshallen oder veraltete Krankenhausareale, die in offene Kulturzentren und Begegnungsstätten verwandelt wurden, liebevolle präsentiert mit einer Auswahl an Objekten. Dänemark will durch Beispiele wie das neu entstandene nationale Architekturzentrum Blox inspirieren, Spanien hat die Wände seines Pavillons bis unter die Decke dicht mit Zeichnungen und Projekteindrücken ausgewählter Bauvorhaben tapeziert.

Eine elegante, minimalistische Präsentation hält im griechischen Pavillon ein Plädoyer für Schulen als Räume mit offenen Strukturen und “Zwischenräumen” des Lernens, im finnischen Pavillon sind es die öffentlichen Bibliotheken, die als ultimative Freiräume gefeiert werden. Die irische Präsentation im Arsenale huldigt dagegen Kleinstädten und ihren Marktplätzen – von ihnen solle man lernen. Brasilien untersucht Architekturen mit fluiden Begrenzungen, die den öffentlichen Raum erweitern, statt zu begrenzen. Den rumänischen Pavillon dominiert gar ein Spielplatz: Schaukel, Fußballtor, Karussell und Tischtennistisch – freilich alles in der Architekten liebster Farbe Schwarz gehalten – symbolisieren die kindliche Idee des Freiseins an sich.

Statt mit heimischer Architektur den Raum selbst auszustellen – wie es auch der Österreich-Pavillon mit seinen Interventionen tut – war für einige der im dichten Ausstellungstrubel wohltuend reduzierten Pavillons das klare Ziel. Neben den radikalen Briten, setzt etwa auch die Schweiz auf weitgehend leeres Interieur – ein Tribut an die an Markt-Prinzipien gemessen erfolgreichste Leistung von Architektur: Anonymisierte, weiße Innenarchitektur, eine Folge von Gängen, Türen, Fenstern, wie sie in geradezu jeder zum Verkauf angebotenen Wohnung zu finden ist. Ein labyrinthisches, anregendes Spiel mit Groß und Klein. Fast in allen Pavillons – etwa im japanischen, der sich der Architekturzeichnung als eigenständige Kommunikationsform widmet – sind auch “Freespaces” als Begegnungs- und Workshopstationen eingerichtet. Die Türkei, angesiedelt im Arsenale, begnügt sich gar damit: 122 Architekturstudenten wird man während der Biennale nach Venedig bringen, der Pavillon ist dann ihr Arbeitsplatz.

Dass “Freiraum” ein hochpolitisches Motto sein kann, wird in überraschend wenigen Präsentationen dieser Feelgood-Biennale deutlich. Doch es gibt Ausnahmen und sie gehören zu den stärksten Beiträgen der Schau: Deutschland thematisiert 28 Jahre nach dem Fall der 28 Jahre stehenden Mauer eine Auseinandersetzung mit der “Heilung” als schwierigem, umkämpftem, räumlichem Prozess und ergänzt die weitgehend konventionelle Präsentation um eine Interviewinstallation mit parallel gezeigten Zeugen, die an den jeweiligen Mauern in Zypern, Israel/Palästina, Mexiko/USA, Spanien/Marokko, Nord- und Südkorea sowie Nordirland leben, als vielstimmige Anklage gegen das Phänomen der Mauer.

Die US-Regierung will die Mauer zu Mexiko freilich deutlich ausbauen – der US-Pavillon hat sich vorgenommen, angesichts der tiefen Gräben, die aufgrund der politischen Situation durch die Landschaft gehen, zu untersuchen, welche Rollen und Aufgaben die Zivilgesellschaft übernehmen kann und soll. Von den Monumenten, die man in einer solchen Zeit errichten könnte, bis zu gemeinsamen Projekten über die US-mexikanische Grenze hinweg. Israel setzt sich in “In Statu Quo” mit dem fein austarierten, ständig in Neuverhandlung befindlichen Regelwerk für die gemeinsame Benutzung heiliger Stätten für verschiedene Religionen und Konfessionen auseinander und befragt die Rolle, die Architektur in diesem fragilen Geflecht spielen kann.

Uruguay nimmt die Tatsache, dass das größte Bauvorhaben, das in jüngerer Zeit realisiert wurde, ein Gefängnis ist, zum Ausgangspunkt für Überlegungen zum “Freespace” der anderen Art und vergleicht Gefängnisarchitektur, die einem restriktiven versus einem liberaleren, auf Wiedereingliederung in die Gesellschaft fokussierten Zugang zum Leben innerhalb der Gefängnisstrukturen zugrunde liegt.

Augenzwinkernd gibt man sich dagegen im Pavillon von Tschechien und der Slowakei: Hier werden in einem fiktiven UNESCO-Jobinserat Familien gesucht, die in Welterbestätten wie dem vom Tourismus überbordend heimgesuchten Cesky Krumlov, als Akteure eines sonst bereits von der Bildfläche verschwundenen “normalen Lebens” auftreten. Solche Schauspieler, die inmitten von Touristengruppen Ballspielen und Autoputzen nachstellen, möchte man sich auch hier im heillos überfüllen Venedig gerne vorstellen.

Die beste Länderpräsentation, ebenso wie der beste Beitrag in der Generalausstellung, wird zur Eröffnung am kommenden Wochenende mit dem Goldenen Löwen prämiert. Danach bleibt die Architekturausstellung bis zum 25. November für das Publikum geöffnet.

(APA)

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