Lady Gaga live in Wien: Konzert als schriller Kreuzzug für Kunst und Liebe

Von Amina Beganovic
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Schrill-verrückt, aber auch nachdenklich präsentierte sich Lady Gaga live.
Schrill-verrückt, aber auch nachdenklich präsentierte sich Lady Gaga live. - © AP
Der Artpop-Ball machte Station in der Bundeshauptstadt: Am Sonntag ließ Lady Gaga in der Wiener Stadthalle die Fetzen fliegen und die Menge tanzen. Und hatte neben aller Schrägheit, Schweiß und nackter Haut auch einige wichtige Dinge zu sagen.

Der Altersschnitt am Sonntagabend ist überraschend bunt gemischt: Da gehen die ganz jungen Fans brav an der Hand von Mama und Papa in die Wiener Stadthalle, während sich ebenso zahlreiche ältere Semester vor dem Merchandising-Verkaufsstand drängen, bei dem man T-Shirts mit klingenden Aufschriften wie „Lady Fucking Gaga“, „Aaaass“ oder Haarreifen mit Häschenohren und bunt blinkende Medusa-Perücken erstehen kann.

Alle erwarten sich an dem Abend eine Mega-Show. Und mega ist in jedem Fall schon einmal die riesige Bühnenkonstruktion, die pinkt leuchtet und mit mehreren Armen bis in die Mitte der Halle verläuft. Doch bevor der große Star dort erscheint, müssen sich die wartenden Fans noch von den Voracts Breedlove und Lady Starlight und deren schwindelerregend-lauten Beats die Trommelfelle weichklopfen lassen (Ohrenstöpsel sei Dank!). Von den Sitzrängen aus erhebt sich schließlich lautes Gepfeife entnervter Wartender – hört man aber kaum, der Beat ist zu laut.

Viel Gaga, aber kein Playback

Um 21.15 Uhr fällt inmitten des monotonen Gehämmeres plötzlich der Vorhang, der #artRAVE geht offiziell an den Start. Der Jubel ist ohrenbetäubend, sicher aber auch, weil alle froh sind, dass es endlich losgeht. Die leichtbekleideten Tänzer wirbeln mit riesigen Luftballons und Leuchstäben über die Riesenbühne, die Konfetti-Kanonen werden aktiviert und Stefani Germanotta alias Lady Gaga erscheint in einem silbrig-glitzernden Body mit einer blauen Kugel vorne auf der Brust.

„It’s been too long, I missed you so much – I’m a rich bitch and I’m in Vienna, put your fucking hands up in the air!”, begrüßt der Popstar die tobende Menge und stimmt “ARTPOP” aus ihrem gleichnamigen aktuellen Album an. Zwar wird ihr offensichtlich sehr schnell sehr heiß in ihrem Outfit, doch das ist auch kein Wunder: Keine Sekunde steht Lady Gaga still, mit ihrer schrägen, aber hervorragenden Tänzer-Meute und Band flitzt sie von einem Bühnen-Arm zum nächsten, schüttelt die Hände der Fans sammelt Stofftiere ein – und singt live! Bei #artRAVE gibt es vieles zu sehen und zu hören, aber keinen Playback-Gesang.

Die Lady Gaga-Fashion Show

Zwischendurch verschwindet die 28-Jährige mal kurz im Bühnenboden, um ein paar Minuten später mit einer neuen modischen Kreation wieder alle Blicke auf sich zu ziehen. Outfit Nummer Zwei ist sehr spärlich (und das will bei Lady Gaga etwas heißen): Glitzermuschel-BH mitsamt knappem Höschen bei „Venus“ (bei dem kurzerhand mal riesige Blumen aus dem Boden wachsen), für „Just Dance“ wechselt die Sängerin in ein weißes, Raumanzug-artiges Kleid.

Indes erwacht die Wiener Stadthalle bei dem bekannten Titel langsam so richtig zum Leben, auch auf den Sitzrängen wird endlich getanzt. Es folgt eine Gaga-Hitwelle, an „Pokerface“ reihen sich „Telephone“ und der Dauerbrenner „Paparazzi“, für den der Popstar in einen krakenartigen Tentakel-Anzug im Dalmatinermuster schlüpft.

„Born This Way“: Leben und lieben lassen

Als sich Lady Gaga nach gut einer Stunde ans Klavier setzt, wird es auf einmal sehr still in der Stadthalle. Nach einem (eher passiv-aggressiven) Cover von „What‘s Up von 4 Non Blondes fliegen ihre Finger beeindruckend gekonnt übers Klavier, während sie mit Balladen wie „Dope“ oder „Yoü and I“ den gesamten Umfang ihrer Stimme zeigt. Die Menge ist dermaßen gebannt, dass man sich allen Ernstes fragt, wieso die Gaga nicht gleich den ganzen Abend am Piano sitzen bleibt.

Dann zückt sie einen Fanbrief, der ihr aus dem Publikum zugeworfen wurde, und verliest laut die rührenden Zeilen, bei dem der junge Verfasser ihr schildert, wie sehr er nicht Tag für Tag mit der Welt da draußen zu kämpfen habe, durch ihre Songs aber lernte, dass es die größte Stärke bedeutet, wenn man es schafft, man selbst zu sein. Prompt wird besagter Fan mitsamt seinem Kumpel aus der Menge gefischt und mit ans Klavier gesetzt, es folgen innige Umarmungen mit dem Popstar, die Menge jubelt und der Briefschreiber schüttelt sich vor Tränen, während zusammen „Born This Way“ angestimmt wird.

Lady Gaga ruft alle schwulen oder lesbischen Zuschauer daraufhin auf, die Hände zu heben. „Be proud! And everyone who feels uncomfortable with that should better leave the room, because there are a lot of gay people here tonight!,” stellt der Popstar nüchtern fest. Pikierte Blicke folgen den wenigen, die tatsächlich die Halle verlassen.

Artpop: Kunst als Lebensgefühl

Es geht schließlich flotter und deutlich weniger jugendfrei weiter, Outift Nummer Fünf ist ein Latex-Bondage-Body mit Lederjacke und grüner Perücke. Dazu gibt es eindeutig-zweideutige Moves mit den Tänzern bei „Judas“, „Sexxx Dreams“ oder „Alejandro“, bevor Lady Gaga etwas gesitteter den Song „Bang Bang (My Baby Shot Me Down)“ Musiker-Kollegen und Jazz-Legende Tony Bennett widmet, mit dem sie das Album „Cheek to Cheek“ aufgenommen hat.

Während die letzten Kraftreserven noch für „Bad Romance“, „Applause“ und „Gypsy“ mobilisiert werden, erinnert Lady Gaga noch daran, dass Kunst die „größte Ausdrucksform an Freiheit“ sei – und dass es kein großes Geld oder Plattenvertrag bräuchte, um Kunst zu machen: „You just need a fucking brush and paint!“, ruft die Sängerin dazu auf, die künstlerische Ader in uns allen zu wecken.

Fazit: Lady Gaga nur als schrägen Pop mit reizüberflutenden Live-Shows zu bezeichnen wäre zu wenig. Naja, das auch, aber nicht nur. Ihr ist es gelungen, als Sängerin zu einer eigenen Kunstform zu werden, die es schafft, trotz (oder gerade wegen) ihres überpointierten Camp-Stils Menschen weltweit zu erreichen. Ob in positiver oder negativer Form bleibt wohl jedem selbst überlassen – aber schließlich liegt Kunst ja auch im Auge des Betrachters.

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