Kulturstadtrat Mailath-Pokorny verabschiedet sich aus der Wiener Stadtregierung: Interview

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Das Abschiedsinterview mit Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny.
Das Abschiedsinterview mit Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny. - © APA/HERBERT NEUBAUER
Nach 17 Jahren in der Wiener Stadtregierung wird Kulturstadtradt Andreas Mailath-Pokorny dem Team der Wiener SPÖ unter Michael Ludwig nicht mehr angehören. Höchste Zeit für ein Abschiedsinterview mit dem Kulturstadtrat.

Ausgerechnet Andreas Mailath-Pokorny regt dabei die Begrenzung von politischen Funktionstätigkeiten auf zwei Amtsperioden an: “Ich hielte das einer gewissen Dynamik förderlich.”

Vor Abschied: Interview mit Wiens Kulturstadtrat Mailath-Pokorny

APA: Herr Mailath-Pokorny, lassen Sie uns mit Ihrer letzten Personalentscheidung beginnen, der Kür einer “Beethovenjahr-Koordinatorin”, von der Sie gesagt haben, dass sie organisatorisch wie fachlich hervorragend geeignet sei. Worin liegt die Beethoven-Kompetenz von Susanne Brandsteidl?

Andreas Mailath-Pokorny: Sie ist eine Musikliebhaberin…

APA: Da gibt es in Wien aber möglicherweise Hunderttausende.

Mailath-Pokorny: Vielleicht, aber nicht Hunderttausende, die auch organisatorisch und strukturell gut arbeiten können.

APA: So eine Besetzung hat den Geruch eines politischen Versorgungspostens.

Mailath-Pokorny: Sie war lange Jahre an der Schnittstelle zwischen Politik und Verwaltung als Präsidentin des Stadtschulrates, ist seither in einem Aufsichtsgremium der Musikuni tätig und kennt sich in der Musik gut aus. Ich denke, das sind wichtige Voraussetzungen.

APA: Das Beethoven-Jahr 2020 wird aber nicht so groß gespielt wie das Mozart-Jahr 2006?

Mailath-Pokorny: Nicht annähernd. Es geht eher darum, die verschiedenen Aktivitäten zusammenzufassen und die Zusammenarbeit mit Bonn und Deutschland zu suchen. Dort wird das mit sehr viel größerem Mitteleinsatz betrieben. Und wer, wenn nicht Beethoven, wäre nicht auch eine zutiefst europäische Angelegenheit? Daher ist auch die Zusammenarbeit mit Brüssel zu suchen.

APA: Nächster Name, nächste Frau: Sie haben bei Ihrem Rücktritt gesagt, sie haben dem kommenden Bürgermeister eine Liste mit Namen möglicher Nachfolger übergeben. Stand auf dieser Liste auch der Name Hannah Lessing?

Mailath-Pokorny (lacht): Netter Versuch. Ich bitte um Verständnis, dass ich weder diesen noch andere Namen bestätige oder dementiere. Aber ja, es stimmt, ich habe dem zukünftigen Bürgermeister in einem sehr freundschaftlichen und vertraulichen Gespräch gefragter Weise ein paar Namen genannt – was immer er damit macht.

APA: Für das Theater an der Wien war ein prominenter Name im Spiel, bei dem offenbar die Frage war: Traut man sich’s oder traut man sich’s nicht?

Mailath-Pokorny: Ich glaube in aller Bescheidenheit, dass die Besetzung mit Stefan Herheim eine sehr mutige ist. Das ist ein Wagnis.

APA: Wieso?

Mailath-Pokorny: Weil er eine sehr spezifische Auffassung von Musiktheater hat. Ich halte das für eine sehr spannende, keineswegs selbstverständliche Geschichte.

APA: Das wäre auch eine Entscheidung für Teodor Currentzis nicht gewesen, nur wäre das sehr viel teurer geworden. Nicht, dass man um jeden Preis Risiken eingehen muss – aber sie einzugehen ist heute wohl schwieriger als früher?

Mailath-Pokorny: Nein. Das hatte in Wahrheit eine andere Dimension. Ich habe mehrere Gespräche mit Currentzis geführt. Seine Bedingung war aber, in Perm weiterzuarbeiten, die Hälfte des Jahres. Er hatte die interessante Idee eines europäischen Musiktheaters. Ich habe dann aber gemeint, es ist wichtiger, jemanden in Wien zu haben, der seine Aufmerksamkeit nicht teilt.

APA: Sie haben in der Secession vor wenigen Tagen einen gemeinsamen Termin mit Gernot Blümel wahrgenommen. War das Ihre erste direkte Begegnung mit dem neuen Kulturminister?

Mailath-Pokorny: Nein, wir hatten schon mehrere, und wir hatten auch schon ein Gespräch miteinander. Ich habe eine korrekte und funktionierende Kommunikationsbasis mit ihm. Ich halte es auch für richtig, dass es zwischen einem Kulturstadtrat der Bundeshauptstadt und dem Kulturminister eine funktionierende Beziehung gibt. Ich hätte das auch gerne seinerzeit mit dem Staatssekretär Franz Morak so gehabt – das war leider aus verschiedenen Gründen schwierig.

APA: Sie waren damals unter Morak Kunstsektionschef und sind von dort in die Stadt gewechselt. Jetzt ist mit Jürgen Meindl ein Drozda-Jugendfreund Sektionsleiter. Wie schwierig ist es, mit einem Minister einer anderen Couleur gut zusammenzuarbeiten?

Mailath-Pokorny: Ich glaube, das muss man professionell lösen. Das war damals auch mein Angebot an Morak. Wie das heute ist, weiß ich nicht, aber es muss nicht notwendigerweise zu einem permanenten Konfliktfall werden und kann auch sehr gut funktionieren.

APA: Wie sehen Sie das künftige Verhältnis der Wiener Kulturpolitik zur Bundeskulturpolitik? Muss es verstärkt in Wien die Aufgabe sein, zu zeigen, was eine liberale und weltoffene Kulturpolitik ist, weil es im Bund diesbezüglich enger wird?

Mailath-Pokorny: Ich habe zunächst einmal keine Hinweise darauf, dass es keine liberale Kulturpolitik des Bundes gibt. Aber selbstverständlich muss Wien als weltoffene Stadt seine Tradition einer der Vielfalt verpflichteten Kultur fortsetzen. Über 90 Prozent der Wienerinnen und Wiener sind zufrieden oder sehr zufrieden mit dem Angebot der Kultureinrichtungen. Was immer die Frage sein wird, ist die Frage der Mittelzurverfügungstellung. Es ist in den letzten Jahren auch in Wien eine Stagnation bei den Kulturbudgets zu verzeichnen gewesen, davor hatten wir eine 60-prozentige Steigerung. Es wäre jetzt wohl wieder an der Zeit, ein bisschen was draufzulegen.

APA: Trägt das Wiener Kulturangebot der heute in der Stadt vertretenen Vielfalt tatsächlich in ausreichendem Maß Rechnung?

Mailath-Pokorny: Ich glaube: Ja. Wo man sicher noch viel mehr tun müsste, ist wahrscheinlich in der Einbeziehung von Kulturen, die nicht dem tradierten Hochkulturbild entsprechen. Ich glaube etwa, dass entgegen aller Unkenrufe der Weg der Wiener Festwochen ein interessanter ist – auch, wenn beim Beschreiten neuer Wege verschiedene lieb gewordene Gewohnheiten verloren gehen. So wie man auch versuchen muss, möglichst viele junge Menschen dazu anzuregen, sich künstlerisch zu artikulieren. Ich halte das für ein wesentliches Thema der Integration, dass wir versuchen müssen, wie es so schön heißt, die Menschen dort abzuholen, wo sie etwas tun. Wenn wir Vielfalt ernst nehmen, müssen wir schauen, dass wir gegenseitig voneinander lernen können. Wie sich das in Förderinstrumenten niederschlägt, darüber muss man nachdenken. Wir haben etwa das Programm “Shift” neu initiiert, wo sich Leute bewerben können die nicht in eine der traditionellen Förderschienen hineinfallen. Oder wir haben mit dem Programm “Cash for Culture” jungen Menschen die Möglichkeit geboten, sich unbürokratisch etwas Geld zu holen. Einer, der sich damit etablieren konnte, war Marco Wanda, dem wir damit bei einer ersten Aufnahme geholfen haben.

APA: Manchmal bekommt man aber auch Angst vor der eigenen Courage: Bei der Vorstellung des Festwochen-Leitungsteams Hinterhäuser/Langhoff wurde laut verkündet: Künftig nur noch Drei-Jahres-Verträge, und die ohne Verlängerungsmöglichkeit. Damit sich immer etwas bewegt. Tomas Zierhofer-Kin hat wieder einen Fünf-Jahres-Vertrag.

Mailath-Pokorny: Wir haben das probiert und sind dann aber zum Schluss gekommen, es ist doch zu kurz. Es war damals natürlich auch eine Reaktion auf die erfolgreiche, aber sehr langjährige Tätigkeit von Luc Bondy. Im übrigen bin ich auch allgemeinpolitisch im Grunde für eine Form der Begrenzung der politischen Funktionstätigkeit.

APA: Das sagt ein Stadtrat, der nach 17 Jahren Amtszeit geht?

Mailath-Pokorny: Wahrscheinlich braucht man diese Erfahrung, um zu einer solchen Einsicht zu kommen. Ich könnte mir gut vorstellen, eine politische Tätigkeit auf zwei Amtsperioden zu begrenzen. Ich hielte das einer gewissen Dynamik förderlich.

APA: Bürgermeister Michael Häupl hat bei seiner letzten Rede zum 1. Mai laute “Zugabe, Zugabe”-Rufe entgegengenommen. Wie viele Zugabe-Rufe haben denn Sie aus der Kulturszene gehört?

Mailath-Pokorny: Ich habe ungeheuer viel Zuspruch und ehrliches Bedauern, dass ich gehe, erlebt – von Mails und SMS bis zu Leuten, die mich auf der Straße angesprochen haben. Das freut einen, weil es einem das Gefühl gibt, es ist vielleicht nicht alles fasch gewesen, was man gemacht hat.

APA: Eine typische Politiker-Erfahrung ist: Am Tage nach dem Funktionsverlust ist man niemand mehr. Haben Sie ein bisschen Angst davor?

Mailath-Pokorny: Ich hatte schon einmal so eine Situation, als ich als Büroleiter von Bundeskanzler Vranitzky in die Verwaltung gewechselt bin. Das war für einige schon ein Bedeutungsverlust, und das habe ich mir auch gemerkt, wer dann nicht mehr der beste Freund ist, der er vorher war. Das wird mit Sicherheit auch wieder eintreten. Ich mache mir da überhaupt keine Illusionen. Politik ist geliehene Macht. Ich habe auch oft in meinen Reden darauf hingewiesen, dass es nicht “mein” Kulturbudget ist, sondern die Steuerzahler das alles finanzieren. Ich habe es auch nie so gesehen, dass es darum geht, meinen persönlichen Geschmack zu verwirklichen. Deshalb gab es auch hin und wieder den Vorwurf, dass ich da zu wenig emotional gewesen wäre, oder mich für manches zu wenig eingesetzt hätte. Ich habe es so verstanden, dass es auch darum geht, Dinge zu verwirklichen, die einem vielleicht nicht notwendigerweise selbst gefallen – um die größtmögliche Vielfalt für die Stadt zu gewährleisten.

APA: Wie sind Sie mit der persönlichen Nähe zu jenen umgegangen, die von Ihnen aufgrund der Förderungen letztlich abhängig waren?

Mailath-Pokorny: Da habe ich über die Jahre einen Wandel vorgenommen: Vielleicht habe ich früher Künstlerinnen und Künstler näher an meine Privatsphäre herangelassen. Das habe ich vielleicht in den letzten 5 bis 7 Jahren nicht mehr gemacht, aus guten Gründen. Am Anfang einer politischen Karriere fällt man vielleicht mehr auf die Illusion rein, dass das Wohlwollen einem als Person entgegengebracht wird, und sieht nicht, dass dieses Wohlwollen der Funktion allein gilt. Das gut getrennt zu halten, ist ratsam.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

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