Kinder mit Beeinträchtigungen: Nach Volksschule ist Integration schwieriger

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In der Sekundarstufe gestaltet sich Inklusion schwieriger.
In der Sekundarstufe gestaltet sich Inklusion schwieriger. - © APA (Sujet)
Obwohl sich die Integration von Kindern und Jugendlichen mit Beeinträchtigungen ab der 5. Schulstufe schwieriger gestaltet als in der Primarstufe sei trotzdem Inklusion möglich, so Integrationsexperte Gottfried Biewer.

“Eine besondere Schwierigkeit liegt in der Umstellung auf das Fachlehrersystem in der Sekundarstufe”, erklärte der Forscher vom Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Im Gegensatz zur Volksschule gibt es dort keine richtige Hauptbezugsperson, die den Großteil der Zeit mit den Kindern verbringt. Der Lehrerwechsel sei “ein Erschwernis für die erzieherische Situation” und auch etwaige Probleme in der Klasse könnten so oft schwerer identifiziert und angegangen werden.

Dazu komme, dass am Beginn der Sekundarstufe “eine Art Entwicklungsschere aufgeht”. Volksschulen können noch mehr auf unterschiedliche Geschwindigkeiten, etwa beim Erlernen des Lesens, eingehen. Ab der fünften Schulstufe sei der Stoff oft schon “auf einem Level, den Kinder mit deutlicher intellektueller Beeinträchtigung manchmal nicht mehr erfassen können”, sagte Biewer. Manche Strategien zur Arbeit mit heterogenen Gruppen seien dann nur noch schwer anwendbar. Damit gemeinsames Lernen trotzdem möglich wird, brauche es viel Know-how und didaktisches Fachwissen seitens der Lehrer. Das sei aber “häufig nicht gegeben”.

“Volksschullehrer sehen sich oft als Erzieher”

Auch der “berufliche Habitus” müsse sich vielerorts ändern. “Volksschullehrer verstehen sich oft als Erzieher, während sich Lehrer in der Sekundarstufe eher als Fachvermittler sehen und darum auch nicht so sensibel beim Umgang mit Erziehungsschwierigkeiten sind”, so Biewer.

Vor allem im deutschsprachigen Raum gebe es in den Zusammenhang viele Fragezeichen und wenige hochkarätige wissenschaftliche Studien. Im Rahmen einer Ringvorlesung an der Uni Wien geben daher heimische und internationale Experten Einblicke in den Forschungsstand. Biewer und Kollegen haben diese Beiträge in einem Buch mit dem Titel “Inklusive Pädagogik in der Sekundarstufe” veröffentlicht.

Klar sei, dass Lehrer mehr Unterstützung brauchen, denn potenzielle Probleme gebe es viele. In Studien zeige sich etwa, dass mit Beginn der Adoleszenz vorher integrierte Jugendliche mit Beeinträchtigung plötzlich an den Rand gedrängt werden. Hier müsse dann viel am Klassen- und Schulklima gearbeitet werden.

Art des Unterrichts zentral für Integration

Die Art des Unterrichts sollte auch Jugendlichen mit kognitiven Beeinträchtigungen Optionen zu Teilhabe bieten. Das bedeute ein “Wegrücken von einem Unterricht, bei dem der Lehrer vorne steht, einen Schüler nach dem anderen drannimmt, und versucht mit allen im Gleichschritt ein bestimmtes Lehrziel zu erreichen”. Ein Schlüssel sei etwa Projektarbeit in kleineren Gruppen. Durch den Einsatz elektronischer Medien könne man sich einem Thema auf verschiedenen Leistungsniveaus annähern und Lehrinhalte individuell auf Schüler anpassen.

An Wiener Volksschulen sowie NMS bzw. Hauptschulen gebe es momentan jeweils zwischen 300 und 400 Integrationsklassen. Obwohl es auch an Gymnasien möglich ist, Klassen einzurichten, wo zwei Lehrer unterrichten, würde das selten geschehen. In Wien gibt es momentan lediglich zehn Integrationsklassen an AHS, erklärte Biewer. In anderen Bundesländern seien es vermutlich noch weniger.

Die kürzlich auch an einigen Universitäten gestartete neue Lehrerausbildung könnte etwas verändern. In der neuen Ausbildung für Gymnasiallehrer werde auf Inklusion und Vielfalt viel Wert gelegt. Biewer: “Es wird keiner mehr sagen können: Davon habe ich noch nie etwas gehört.” Junglehrer könnten dann als Ansprechpartner für Kollegen, die in dem Bereich Schwierigkeiten haben, fungieren.

(APA)

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