Ken Follett: Fortschritte der Menschheit – “aber noch viel zu tun”

Ken Follett hat mit “Das Fundament der Ewigkeit” einen weiteren historischen Roman herausgebracht, der in der von ihm erfundenen Stadt Kingsbridge spielt.

Der Autor weilte am Freitag in Wien und sprach über seine Arbeit. Von der sich der Waliser übrigens mit Musizieren entspannt: “Ich stehe jeden Montag mit meiner Band im Proberaum. In einem schalldichten, weil der Gitarrist immer voll aufdreht.”

APA: Herr Follett, worüber freuen Sie sich mehr? Wenn Leser sagen, dass sie das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnten, weil es so spannend ist? Oder wenn Ihnen Historiker eine akkurate Beschreibung der Vergangenheit bescheinigen?

Ken Follett: Wenn Leser mein Buch lieben! Dafür lebe ich. Natürlich ist es mir ein Anliegen, den historischen Konnex richtig darzustellen. Aber das ist der leichte Teil. Jeder kann das. Ich beauftrage Historiker, die meine Darstellung der jeweiligen Zeit auf ihre Richtigkeit überprüfen. Der schwierigere Teil ist, eine Geschichte zu verfassen, die meine Leser wirklich lieben.

APA: “Die Säulen der Erde” erschien 1989, 2007 sind sie mit “Die Tore der Welt” an die Schauplätze zurückgekehrt, nun erschien mit “Das Fundament der Ewigkeit” der dritte Teil der Kingsbridge-Reihe. Was war die Initialzündung für das neue Buch?

Follett: Die Idee dazu hatte ich, als ich erfuhr, dass Königin Elisabeth I. im 16. Jahrhundert den ersten englischen Gemeindienst gegründet hat. Spione und Geheimagenten faszinieren mich. Und wenn ich einen historischen Roman schreibe, dann ist es eine natürlich Sache für mich, dass ein Teil der Handlung in Kingsbridge spielt. Die Leser mögen diese Stadt genauso wie ich. Spannend war es, die Auswirkungen der religiösen Konflikte dieser Zeit auf eine kleine Stadt und die Menschen darin zu zeigen.

APA: Religiöse Konflikte sind leider immer noch ein aktuelles Thema. Aber auch die Spaltung Europas. Sie sind ja kein großer Brexit-Fan…

Follett: Das stimmt.

APA: … ist es nicht traurig, dass die Themen aus dem 16. Jahrhundert immer noch aktuell sind?

Follett: Ja. Das war auch ein Grund, dass ich mich zu der Geschichte in “Das Fundament der Ewigkeit” hingezogen gefühlt habe, weil sie Resonanzen bis in die Gegenwart hat. Aber es sind nicht genau die gleichen Konflikte. Es wäre auch falsch zu sagen, die Menschheit habe keine Fortschritte gemacht. Das haben wir. Im 16. Jahrhundert hat kaum jemand an Toleranz geglaubt. Man dachte, dass jeder, der eine andere Meinung hat, getötet werden sollte. So intolerant sind wir ja nicht mehr. Aber es muss noch viel getan werden, es töten immer noch Menschen aus religiöser Überzeugung.

APA: Hatten sie bereits beim Schreiben von “Die Säulen der Erde” eine Weiterführung der Geschichte im Kopf?

Follett: Nein. Das Buch war so schwer zu schreiben, ich habe dafür sehr lange gebraucht. Ich war erschöpft, als es fertig war. Wenn mir damals jemand gesagt hätte, dass ich einen weiteren Kingsbridge-Roman schreiben soll, wäre ich in den Fluss gesprungen und ertrunken (lacht). Außerdem hätte ich der Stadt einen aufregenderen Namen gegeben. Kingsbridge ist eigentlich ein langweiliger Name. Aber ich gehe mittlerweile gerne nach Kingsbridge zurück.

APA: Die explizite Darstellung von Gewalt in ihren Büchern kommt nicht bei allen Lesern gut an…

Follett: Das stimmt. In erster Linie sind es Frauen, die sich darüber beschweren. Sie sagen mir, dass sie die Stellen mit Gewalt überspringen. Das ärgert mich, weil ich nicht will, dass Leser etwas überspringen. Aber ich schreibe nun mal über eine Zeit, in der sich die Leute aus religiösen Gründen abgeschlachtet und gefoltert haben. Es würde nicht der Historie gerecht werden, diese Gewalt nicht zu beschreiben. Ich versuche, Wege zu finden, den Horror ein wenig abzuschwächen. Zum Beispiel wird an einer Stelle im Buch jemand auf der Streckbank gefoltert. Die Szene spielt aber in einem Nebenraum der Handlung, man sieht die Folter nicht, aber man hört sie. Ich weiß nicht, ob das hilft.

APA: Sie schreiben sehr umfangreiche Schmöker. In einer Zeit, in der Kurznachrichten dominieren und alles schnell gehen muss, verkaufen sich diese Bücher trotzdem sensationell gut.

Follett: Wenn die Geschichte aufregend und leicht zu lesen ist, wenn man unbedingt wissen will, wie es weitergeht, dann mögen die Leute durchaus seitenstarke Romane. Ich liebe Twitter. Kurznachrichten sind ein Spaß, aber es hält Leute nicht davon ab, zu einem dicken Buch zu greifen und es zu genießen, sich darin zu verlieren. Das wird sich nie ändern.

APA: Sie sind ein großer James Bond Fan. Würden sie gerne einen 007-Roman schreiben?

Follett: Diese Romane waren ein großer Einfluss, ich habe sie als Teenager geliebt. Eine neues Buch von Ian Flemming zu lesen, war das beste, was mir passieren konnte – bevor ich Sex entdeckt habe, natürlich. Mein Anspruch ist es, dass meine Leser genauso aufgeregt sind, wenn ein neuer Ken Follett erscheint. Selber ein Bond-Abenteuer zu schreiben? Das wäre eine schwierige Aufgabe. Ich weiß nicht, ob ich die Fähigkeit dazu habe. Vermutlich würde ein Ken Follett-Buch herauskommen. Das wäre der Tradition von Flemming nicht gerecht.

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