Kampf um Tripolis hat begonnen: Wo ist Gaddafi?

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Kampf um Tripolis hat begonnen: Wo ist Gaddafi?
Mögliche Wende im Bürgerkrieg in Libyen: Nach nächtlichen Kämpfen zwischen Aufständischen und Regierungstruppen in Tripolis soll der bedrängte Machthaber Muammar al-Gaddafi die Hauptstadt in Richtung algerische Grenze verlassen haben. Aus gut informierten Kreisen in Tripolis verlautete am Sonntag, er halte sich mit seiner Familie in einer Region unweit der Grenze auf. Die Rebellen vermuten ihn weiter in Tripolis, die Lage blieb unklar.

Die jüngste Offensive diene dazu, Gaddafi in der Hauptstadt zu isolieren, sagte der Sprecher des Nationalen Übergangsrats, Ahmed Jibril, der Nachrichtenagentur AFP. An der am Samstagabend begonnenen “Operation Sirene” seien Rebelleneinheiten innerhalb von Tripolis und im Umland der Hauptstadt beteiligt. Auch die NATO sei eingebunden, sagte Jibril. “Wir rechnen damit, dass es mehrere Tage dauern dürfte, bis Gaddafi umzingelt ist.”

Rebellen vordern Gaddafi-Rückzug

Die Rebellen rechnen laut Jibril mit zwei Szenarien: Entweder werde Gaddafi sich in den kommenden Tagen ergeben, oder er schaffe es, sich aus Tripolis in eine andere Region oder ins Ausland abzusetzen. Sollte sich Gaddafi entscheiden, Libyen zu verlassen, würden die Rebellen dies “positiv begrüßen und akzeptieren”, sagte Jibril. Augenzeugen zufolge finden in Tripolis seit Samstagabend in mehreren Stadtteilen heftige Gefechte statt. In der vergangenen Woche hatten die Rebellen mehrere strategisch wichtige Städte unter ihre Kontrolle gebracht und die Schlinge um Tripolis immer enger gezogen.

Das libysche Fernsehen hatte in der Nacht eine im Voraus aufgezeichnete Rede von Gaddafis Sohn Seif al-Islam vor einer Gruppe von Anhängern ausgestrahlt. Darin sagte dieser, es sei ausgeschlossen, dass er und sein Vater das Land verlassen würden. “Die Stunde null hat begonnen.”

Schüsse und Luftangriffe in Tripolis

Nach Angaben von Augenzeugen werden die Stadtviertel Tajoura und Suk al-Jumaa inzwischen von den Rebellen beherrscht. Die Kämpfer hätten auch die Kontrolle über den Internationalen Flughafen von Tripolis übernommen, berichtete ein Rebellensender. Bewohner hörten bis zum Morgengrauen Schüsse und Luftangriffe der NATO.

In einer während der Gefechte im staatlichen Fernsehen übertragenen Audiobotschaft nannte Gaddafi die Rebellen “Verräter” und “Ratten” und beschuldigte sie, Libyen zerstören zu wollen. Seine Anhänger rief er auf, in Massen die Rebellion zu beenden. Die europäischen Länder und namentlich Frankreich bezichtigte er, hinter dem libyschen Öl her zu sein.

Der arabische Fernsehsender Al-Arabiya berichtete, die Aufständischen hätten Dutzende Soldaten Gaddafis gefangen genommen. Doch auch die Aufständischen erlitten hohe Verluste. Allein bei den Gefechten im Stadtviertel Tajoura kamen nach Angaben eines Rebellenführers laut Al-Jazeera mindestens 123 Aufständische ums Leben.

Ein Aufständischer sagte in einem Telefonat mit einem Reuters-Reporter, Scharfschützen hätten auf den Dächern der Gebäude um Gaddafis Militärkomplex Stellung bezogen. Viele Bewohner seien verletzt worden. Während er sprach waren im Hintergrund Schüsse im Sekundentakt zu hören. Es war zunächst nicht möglich, die Angaben der Bewohner zu überprüfen. Die Kämpfe schienen sich auf einzelne Stadtviertel zu begrenzen und zunächst nicht auf die ganze Stadt auszuweiten.

Der Vorsitzende des Übergangsrates, Mustafa Abdul Jalil, sagte Al-Jazeera, dass alle Aktionen vorbereitet und koordiniert seien. Die NATO hatte ihre Kampfeinsätze am Samstag stark auf Libyens Hauptstadt konzentriert. Die Kampfjets der internationalen Truppen hätten allein in Tripolis 22 Ziele angegriffen, berichtete die NATO am Sonntag in Brüssel. Neben Tripolis griff das Bündnis auch Ziele in Sirte, Brega und Zlitan an.

Die Rebellen nahmen unterdessen einen 24 Kilometer westlich von Tripolis gelegenen Wald ein, wie ein Aufständischer der Nachrichtenagentur AFP sagte. Es handle sich um eine strategisch wichtige Zone auf dem Weg in die Hauptstadt. Mit Hilfe von Panzern und Waffen zur Flugabwehr gingen die Rebellen am Sonntag gegen Gaddafi-Kämpfer vor, um ihren Vormarsch in Richtung der Hauptstadt fortzusetzen. Ein weiterer Rebell sagte AFP, die Aufständischen hofften, Tripolis noch am Sonntag zu erreichen.

Der Übergangsrat der Rebellen hatte in den vergangenen Monaten mehrfach erklärt, für die Eroberung von Tripolis setzte man auf den “Kollaps des Regimes” und die Unterstützung durch “geheime Zellen” von Sympathisanten in Tripolis. In den vergangenen Tagen hatten die Rebellen auf ihrem Vormarsch nach Tripolis große Geländegewinne erzielt.

Gaddafi-Ehre bewahren

Die frühere Nummer zwei der Regierung Gaddafi, Abdessalem Jallud, forderte den Stamm Gaddafis zum Abfall von dem Machthaber auf. “Ihr seid ein ehrenhafter Stamm, ihr müsst eure Geschichte und eure Ehre bewahren”, sagte Jallud, der am Freitag zu den Rebellen übergelaufen war, in einer am Sonntag vom Fernsehsender Al-Jazeera ausgestrahlten Erklärung. “Fallt von diesem Tyrannen ab.” Die Bewohner von Tripolis forderte Jallud auf, sich der Rebellion anzuschließen.

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