“Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig!” Was sich Eltern alles anhören müssen

Von Daniela Herger
Mirjam Oertli hat über Freud und vor allem Leid junger Eltern ein Buch geschrieben
Mirjam Oertli hat über Freud und vor allem Leid junger Eltern ein Buch geschrieben - © Claudia Mamone / Goldegg Verlag
Es ist ein alter Hut: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Und wer kann davon wohl besser ein Lied singen als frischgebackene Eltern, die von allen Seiten vor allem mit einem versorgt werden: mit guten Ratschlägen, die ja bekanntlich auch Schläge sind. VIENNA.at hat “Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig!” für Sie gelesen.

Liegt das lang erwartete Baby endlich gesund und munter im elterlichen Arm, geht sie schon los: die Unsicherheit, ob man wohl auch in jeder Hinsicht alles erdenklich Gute und Richtige tue, dass das noch so klein und hilflos auf Einen angewiesene Wesen nur bestmöglich wachse und gedeihe. Eine nicht unanstrengende Zeit beginnt – die nicht eben dadurch erleichtert wird, dass es kaum jemanden im persönlichen Umfeld zu geben scheint, der keinen Kommentar zum aktuellen Geschehen und zur bestmöglichen Handhabe jeder erdenklichen Situation rund ums Baby abzugeben weiß.

Unerwünschte Expertise für frischgebackene Eltern

Die Schweizer Journalistin und Autorin Mirjam Oertli weiß, wovon sie spricht: Selbst dreifache Mutter, ist ihr keines der Themen fremd, bei denen sich im Alltag wohlmeinende Freunde, Familienmitglieder, Bekannte, aber auch völlig Fremde berufen fühlen, den vermeintlich überforderten Eltern mit ihrer “Expertise” zur Seite zu stehen.

Im aktuell von ihr erschienenen Buch “Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig! Ein Baby. Tausend Kommentare” findet sich ein Konglomerat an Situationen von der Geburt bis in die ersten Lebensjahre des Nachwuchses, für die man sich als Mutter und Vater neben der Erstausstattung für den neuen Erdenbürger hoffentlich auch zeitgerecht eine dicke Haut zugelegt hat. Und zwar nicht, weil die Herausforderungen an sich so unschaffbar wären, sondern weil man sich, ist man mit ihnen geschlagen, so dermaßen viele Tipps anhören muss, wie damit auf die einzig mögliche Weise zu verfahren sei. Freilich widersprechen sich diese, wo es nur geht.

Keine Schwangerschaft ohne nervige Sprüche

Eigentlich beginnt es ja – hier aus Erfahrung gesprochen – bereits in der Schwangerschaft, dass man sich als werdende Mutter wie Smalltalk-Freiwild vorkommt. Ganz egal, wie nah oder fern Einem das Gegenüber emotional steht, zur aktuellen Größe des Babybauches hat man sich ebenso unaufgeforderte Meinungen anzuhören, wie dazu, was und wieviel man isst bzw. welche Nahrungsmittel nun streng verboten und ob Mädchen oder Buben leichter zu erziehen seien.

Das ist, wie Oertli unterhaltsam ausführt, jedoch erst die Spitze des Eisbergs bzw. der Auftakt zu einer schier endlosen Abfolge an Themen, bei denen aber auch wirklich jeder, ob selbst Elternteil oder nicht, mitzureden weiß. Notfalls bemühen die, die es ja nur gut meinen, Anekdoten von Freunden und Bekannten, um die frischgebackenen Erzeuger des Nachwuchses nur ja nicht in ihrer vermeintlichen Not ohne “Trost” und Rat – alias nervige Sprüche – zu lassen.

Mirjam Oertli über Ratschläge für Rabeneltern in spe

Bei der Fütterung geht es los, endet aber längst nicht dabei: Ist “breast” wirklich “best”? Und sind “Stillhütchen” der Weisheit letzter Schluss oder eher Auslöser einer schier irreparablen Saugverwirrung? Apropos Saugen: Sind Schnuller tatsächlich ein legitimes Mittel zur Beruhigung von Kindern und vor allem gestressten Eltern – oder ist man damit ad hoc zur Rabenmutter mutiert, der die garantiert folgenden Zahnfehlstellungen des bemitleidenswerten Sprösslings vollkommen einerlei sind? Warum weint es denn schon wieder – und warum haben die offensichtlich fehlbesetzten Eltern im überfüllten Bus, in dem sie es wagen, zur Stoßzeit mit einem Kinderwagen zu fahren, ihre Leibesfrucht akustisch nicht im Griff? Ist das Kleine auch sicher altersgerecht entwickelt – oder teilt Einem unentwegt elterliche Konkurrenz mit, dass “wir” (nämlich man selbst und das Wunderkind, das man da in die Welt gesetzt hat) das aber alles schon lange und viel besser können? Und was ist das überhaupt für ein “sehr spezieller Name”, den das arme Ding da seiner Rabeneltern wegen sein ganzes Leben lang tragen und sicher ständig buchstabieren muss?

Sinkt man mit dem Baby ob so vieler Stolpersteine, die man offenbar alle nicht ohne “Hilfe” zu nehmen weiß, völlig entkräftet ins Bett, lauern schon die nächsten Fallen im Richtig-und-Falsch-Leben-mit-Baby-Land: Ja weiß man denn nicht, dass man keinen größeren Fehler bzw. keinen richtigeren Schachzug tätigen kann, als ein Baby mit bei sich im Elternbett schlafen zu lassen? Oder dass ein Beistellbett das einzig Heilbringende in Sachen korrekte Schlafumgebung ist? Ganz zu schweigen davon, was man rund um Wickeln, Tragen, Haushalt, Frühförderung, Urlaub, Paarbeziehung, Medikamentengabe, Karenz, weitere Familienplanung etc. pp. alles falsch machen und seinem Baby dadurch nie wiedergutzumachenden Schaden zufügen könnte.

“Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig!”

Beim Lesen von “Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig!” schwirrt einem rasch der Kopf über die schiere Masse an widersprüchlichen Weisheiten, die Einen als Jungeltern Tag und Nacht umschwirren – der Wiedererkennungswert ist jedoch definitiv hoch. Was es für das eigene Leben daraus zu lernen gilt? Dass man sich am besten auf das eigene Bauchgefühl verlassen und angesichts der zahllosen Meinungen, Kommentare und Inputs milde lächeln, “Jaja” sagen und dann schnurstracks alles genau so machen sollte, wie man selbst es für richtig hält.

Mirjam Oertli: “Jetzt stellen Sie doch das Kind mal ruhig! Ein Baby. Tausend Kommentare”. Goldegg Verlag, Hardcover bunt illustriert, ca. 120 Seiten. 16,95 Euro

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