Jahrhundertfrauen – Trailer und Kritik zum Film

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Jahrhundertfrauen – Trailer und Kritik zum Film
In “Beginners” (2010) erzählte Regisseur Mike Mills die Geschichte seines Vaters, der sich mit 75 Jahren als schwul outet. Christopher Plummer holte damals den Oscar – eine Ehre, die auch Annette Bening für ihre Darstellung in “Die Jahrhundertfrauen” zugestanden hätte. Nun startet das bittersüße Familiendrama, mit dem Mills sich nun prägenden Frauen seines Lebens zuwendet, im Kino.

Auch in “20th Century Women”, das hierzulande als “Die Jahrhundertfrauen” läuft, dient das brüchige Band eines Elternteils mit seinem Kind als Ausgangspunkt. In Santa Barbara, einer Küstenstadt nördlich von Los Angeles, zieht die selbstbestimmte Dorothea Fields (Bening) ihren Sohn Jamie (Lucas Jade Zumann) ohne Vater groß. Ihr unkonventioneller Erziehungsstil beschert dem Buben so manch Fremdschäm-Momente, kommt ihm aber auch oft zugegen – etwa, wenn sie problemlos Entschuldigungsschreiben für schulische Abwesenheiten aufsetzt, wenn Jamie an jenem Tag etwas besseres zu tun hat.

Jahrhundertfrauen – Die Handlung

Im Sommer 1979 jedoch verschiebt sich etwas zwischen Dorothea und Jamie. Durch eine dumme Aktion landet der 15-Jährige in der Notaufnahme, jagt seiner Mutter einen Riesenschrecken ein. “Jeden Tag kenne ich ihn weniger”, muss sich die Mittfünfzigerin eingestehen, und holt weibliche Verstärkung an Bord: Fotografin Abbie (Greta Gerwig), neben Handwerker William (Billy Crudup) zweite Untermieterin in ihrem Haus, und Jamies zwei Jahre ältere, beste Freundin Julie (Elle Fanning) sollen mithelfen, Jamie zu lehren, “was es heißt, heutzutage ein Mann zu sein”. Während die rebellische, altkluge Julie dem schwer verliebten Jamie Zigaretten und Sex (zumindest in der Theorie) näherbringt, führt Abbie ihn in die Welt des gerade aufflammenden Punks und des radikalen Feminismus ein. All das scheint Jamie immer mehr von seiner Mutter zu entfernen – verleitet letztere aber auch dazu, sich mit den verändernden Zeiten auseinanderzusetzen.

Jahrhundertfrauen – Die Kritik

Es ist ein stimmiger, geistreicher und witziger Einblick, den Mike Mills mit “20th Century Women” gibt – in diesen Sommer der politischen wie kulturellen und persönlichen Umbrüche, in dieses stets in Renovierung befindliche Haus, das dennoch Zuhause ist, in diese bunt zusammengewürfelte Truppe, die in diesem Zeitraum als eine Art von Familiengefüge fungiert. Von keiner tatsächlichen Handlung getragen, lebt das Werk vor allem von seiner Empathie und Liebe für die komplexen, alles andere als perfekten, aber durchwegs liebenswert und authentisch gezeichneten Figuren über Generationen hinweg.

Mills stellt sie alle mit seiner unverkennbaren Handschrift und besonderem Fokus auf die drei Frauen als Produkte ihrer Zeit vor: Voice-over von vorrangig Jamie und Dorothea verorten die Figuren in politisch sehr unterschiedlichen Umfeldern, assoziative Fotografien und Archivbilder illustrieren, was sie umgibt, was sie lesen, was sie fürchten und sich erträumen, was sie später in Erinnerung behalten werden: von Birkenstock-Schlapfen über Schallplatten bis zu Humphrey Bogart. Mills’ Wurzeln in Grafikdesign und Musikvideoregie scheinen auch durch, wenn er Bilder mit psychedelischen Elementen und Zeitraffern verzerrt, und im Soundtrack den 40er-Jahre-Jazz aus Dorotheas Jugend mit Black Flag und den Talking Heads der 70er vermengt. Generationen-Clash auf allen Ebenen.

Jeden einzelnen der zentralen Charaktere kann man sich in seinem eigenen Film, gar in einer Serie vorstellen: Greta Gerwig als von der Energie der New-Wave-Szene beflügelte, aber vom provinziellen Leben eingeengte Abbie; Elle Fanning als geradezu ephemere Schönheit, die ihre Augen vor Jamies Gefühlen verschließt und auf dem Sprung in eine neue Lebensphase ist. Dreh- und Angelpunkt aber ist klar Annette Bening, die ihrer Figur mit vielsagenden Pausen und unerwarteten Gefühlsausbrüchen Widersprüchlichkeit verleiht: Ihre Dorothea wirkt gesellig und locker und doch überspannt, begegnet den Anwandlungen ihres Sohnes mit trockenem Humor einerseits und schlaflosen Nächten andererseits. Bis zum Ende entfaltet “20th Century Women” zwar nicht die emotionale Wucht, die mit “Beginners” einherging, ist aber von einem ähnlichen Gefühl von Nostalgie und Verlust getragen. Die einzelnen Erinnerungen, sie ergeben am Schluss das Bild eines Sommers, der seinen Protagonisten immer bleiben wird – und beim Kinobesucher ein wohliges Gefühl hinterlässt.

>> Alle Filmstartzeiten zu “Jahrhundertfrauen”

(APA)

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