Interview mit Regisseur Ulrich Seidl: “Jeder Mensch hat seine Abgründe”

Filmemacher Ulrich Seidl im Interview
Filmemacher Ulrich Seidl im Interview - © APA
Am 24. November feiert der österreichische Filmregisseur Ulrich Seidl seinen 65. Geburtstag, passend dazu wird sein bisheriges Gesamtwerk in einer 34 (Film-)Stunden umfassende Box erhältlich sein. 

Im Interview lässt Seidl seinen Blick in die Vergangenheit wie auch in die Zukunft schweifen.

APA: Herr Seidl, haben Sie sich und Ihren Fans mit der 18-teiligen DVD-Sammlung der “Complete Works” ein Geschenk zum 65er gemacht?

Ulrich Seidl: Nein, das hat sich zufällig getroffen. Es war ein lang gehegter Wunsch von mir, das Werk einmal aufzuarbeiten, um es lückenlos sichtbar zu machen. Bei mir haben sich immer wieder junge Menschen aus verschiedensten Ländern gemeldet, die wussten, den oder den Film gibt es, aber er ist nicht zu bekommen. Es hat etliche Filme gegeben, die gar nicht auf DVD veröffentlicht waren. Jetzt ist jeder Film mit Untertiteln versehen, dazu gibt es ein Booklet mit über 200 Seiten, das auch in Englisch abgefasst ist. Wir haben das mit viel Enthusiasmus in den letzten eineinhalb Jahren hergestellt. Alles wurde mehr oder weniger neu gemacht. Darüber hinaus gibt es zwei Bonus-DVDs mit sehr ausführlichen Interviews mit mir, eines gemeinsam mit Veronika Franz, es gibt verschollene oder lange im Archiv gelegene Arbeiten, Fernsehfilme, Werbungen und Deleted Scenes, und auch das Theaterstück (“Vater Unser”, Anm.) ist drinnen.

Alles drinnen – das gilt auch für Ihren ersten Kurzfilm, “Einsvierzig”, den Sie 1980 gedreht haben, als Sie noch auf der Filmakademie waren. Da ist tatsächlich schon alles drinnen.

Im Grunde genommen, ja. Da sind schon die Tableaus drinnen, die Bildsprache…

Wie ist es Ihnen bei der Wiederbegegnung mit Filmen ergangen, die Sie schon lange nicht mehr gesehen haben?

Ich kann mit Stolz behaupten, dass es keinen Film gibt, der mir missglückt ist. Das gelingt nicht vielen Menschen. Andererseits ist es klar, dass man sagt, das und das würde ich heute anders machen. Bei mir ist es natürlich auch ein Blick zurück auf das Leben, weil bei mir ja jeder Film gleichbedeutend mit einem Lebensabschnitt ist. Meine Filme dauern ja oft Jahre, und es ist eine Zusammenarbeit mit Menschen, von denen einige schon nicht mehr leben. Man sieht, dass man viel gemacht hat, und man sieht, dass man immer noch zu wenig gemacht hat, und man sieht, dass das Leben kurz ist. Natürlich begreife ich diese Box einmal als eine Bestandsaufnahme bis daher und hoffe, dass es noch weitere Filme und irgendwann auch eine erweiterte Box geben wird. Das ist kein Abschluss, sondern eine Zwischenstation.

Viele Ihrer Filme haben polarisiert, manche wie “Im Keller” führten zu einer öffentlichen oder gar gerichtlichen Auseinandersetzung.

Das liegt aber nicht im Sinne meiner Arbeit. Ich mache ja keine Filme, um Leute anzuklagen, sondern meine Darsteller sind Beispiele für eine Gesellschaft insgesamt, sind Sittenbilder. Der Nazi-Keller ist erstens nicht der einzige in Österreich und zweitens ist das auch symbolhaft zu sehen, dass dieses Gedankengut oder die Verharmlosung weit um sich greift und noch immer da ist. Jeder Mensch hat seine Abgründe, und die Menschen, die ich zeige, haben ihre Abgründe. Da muss ich selber so ehrlich sein und in den Spiegel schauen und sagen: Wo stehe ich? Für mich ist ein Film ein Spiegel unseres selbst, ein Sittengemälde, ein Anlass dafür, dass man sich mit dieser unseren Welt, für die wir alle verantwortlich sind, beschäftigt.

Von 1980 bis heute, das sind über dreieinhalb Jahrzehnte. Hat die österreichische Seele in diesem Zeitraum eine Veränderung erfahren?

Ich glaube, die Menschheit ändert sich nicht. Es wird immer Kriege geben. Die Welt ist leider keine bessere geworden. Ich bin aufgewachsen als Nachkriegskind in dem Bewusstsein und in der Sicherheit, es wird nie wieder Krieg geben. Heute ist es eine andere Welt. Der Mensch ist in gewisser Weise nicht lernfähig. Der Mensch ist so wahnsinnig kreativ und macht irrsinnige Fortschritte im Wissen und in dem, was er herstellt und in dem, was er erkundet, doch in sozialer und emotionaler Hinsicht ist er unterentwickelt. Im Zusammenleben scheint der Mensch nur Minischritte zu machen und fällt dann immer wieder zurück. Das sieht man jetzt wieder in den Missbrauchs-Debatten. Dort wo der Mensch Macht hat über andere Menschen, findet Missbrauch statt. Das ist systemimmanent und den Menschen anverwandt. Es steht unter keiner Ideologie. Der häufigste Missbrauch findet in der Familie statt.

Was sich geändert hat in den vergangenen Jahren: Eine positive Zukunftssicht ist der Angst vor Veränderung gewichen. Es gibt Menschen, die etwa einen kulturellen wie sozialen Backlash durch die neue Regierung befürchten. Teilen Sie diese Angst?

Ich verstehe diese Angst, aber ich teile sie nicht. Ich habe mit meinen Filmen immer ein Risiko genommen, weil ich nie wusste, was der Film auslösen wird und immer in der Gefahr gestanden bin, den nächsten Film nicht mehr machen zu können, weil ich Dinge schonungslos gezeigt habe und an Tabus gerüttelt habe. Insofern habe ich keine Angst, aber Bedenken. Bedenken, dass man versuchen wird, die Freiheit der Kunst und der Kultur zu beschränken, und das ist für eine Gesellschaft ein ganz schlechtes Zeichen. Das ist der Anfang vom Ende der demokratischen Freiheit. Wenn die Redefreiheit, die Kunst beschnitten wird, dann geht es sehr schnell – wie wir ja in bestimmten europäischen Ländern sehen.

In der DVD-Box blicken Sie auf Ihre realisierten Projekte zurück. Wie viele Projekte sind gescheitert?

Ich habe genug Projekte, die noch in der Schublade liegen. Bei einem einzigen tut es mir weh, dass es bis dato nicht realisierbar war: Der historische Film mit dem Titel “Der Grasel”, den ich seit über 25 Jahren verfolge und den zu machen mir bis jetzt nicht gelungen ist. Das wäre noch einmal etwas ganz anderes. Das wäre eine große Herausforderung für mich.

Ist es bisher vor allem an Finanzierungsfragen gescheitert?

Nur an Finanzierungsfragen. So ein Historienfilm kostet vielleicht etwa zehn Millionen Euro. Ich kann in Österreich für dieses Projekt alles ausschöpfen und komme dennoch nur auf drei Millionen. Von den anderen sieben, die ich bräuchte, weiß ich nicht, wo ich die herbekomme, weil ich etwa aus Frankreich kein Geld bekommen kann. Ich drehe nicht in Frankreich, nicht auf Französisch, ich habe keine französischen Schauspieler. Ich drehe wahrscheinlich in Rumänien oder sonst wo im Osten. Dort gibt es kein Geld. Das europaweite Fördersystem ist ja ein Fleckerlteppich der Finanzierung. Daran bin ich bis jetzt gescheitert. Da müsste jetzt zum Beispiel Netflix herkommen und sagen: “Hier ist das Geld! Machen Sie!”

Ihren neuen Film “Böse Spiele” drehen Sie in Österreich, aber auch in Rumänien und Italien. Wie kommt es zu den Schauplätzen? Wie sind die Geschichten entstanden?

Die Drehbücher, die ich gemeinsam mit Veronika Franz schreibe, entstehen aus verschiedenen Elementen. Ich trage Materialien zusammen. Eine Geschichte haben wir schon vor zehn, 15 Jahren entworfen, die ist irgendwo liegen geblieben, und dann ist eine andere Geschichte dazugekommen, die aus einer Zeitungsnotiz entstanden ist. So wachsen die Dinge zusammen. An Rimini habe ich eine Kindheitserinnerung. Der Film spielt aber in der Winterzeit, in der Off-Saison, und das ist natürlich ein ganz anderes Rimini, als wir alle kennen, aber das ist für meinen Film genau die richtige Atmosphäre. Und Rumänien fasziniert mich, seit wir vor 21 Jahren auf Schauplatz-Suche für den “Grasel” erstmals nach Rumänien gefahren sind. Es war kurz nach der Grenzöffnung, nach dem Ceausescu-Regime. Das Land war in einem fürchterlichen Zustand, aber ich habe es sehr schnell geliebt.

Es geht um zwei Brüder, deren dementer Vater eine Nazi-Vergangenheit hat. Es wird der letzte Film von Hans-Michael Rehberg sein, der kürzlich gestorben ist.

Er war, als ich ihn kennengelernt habe, schon schwer krank. Ich glaube, wir haben uns gegenseitig beschenkt. Ich ihm, dass er aus seinem letzten Film auch eine Arbeit machen konnte, mit der er glücklich war. Und er hat mir seine Darstellung für den Film geschenkt. Das werden Szenen sein, die wird man nicht vergessen. Ich habe gewusst, dass er sterbenskrank ist, und ich habe unüblich meiner Arbeitsmethode nicht chronologisch gedreht, sondern seinen ganzen Part abgedreht. Ich habe das Ende vorweg gedreht, weil ich das wusste.

Einer der Brüder wird von Georg Friedrich gespielt, der bereits in “Hundstage” mit dabei war. Sehen Sie sich ein wenig als Vater seiner Karriere?

Ja, und das sieht er selber auch so. Immer wieder, wenn einen Preis kriegt, bedankt er sich bei mir. Ich freue mich sehr für ihn, und er ist wirklich unter Schauspielern etwas Besonderes. Schauspieler, die für mich gut sind, sind ja oft für andere Regisseure gar nichts. Die funktionieren oft anders und sind vor allem auch Menschen und nicht Leute, die nur professionell funktionieren.

Ist da so etwas wie eine Ulrich-Seidl-Filmfamilie entstanden, oder gibt es welche, die nach einer Arbeit mit Ihnen alles hingeschmissen und gesagt haben: Nie wieder!

Nein, die gibt’s nicht. Ganz im Gegenteil: Alle wollen immer wieder dabei sein, auch die Laien. Es gibt wirklich so etwas wie eine Seidl-Familie. Das ehrt mich. Darauf bin ich stolz.

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang / APA / Red.)

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