“Initiative Allgemeinmedizin!” macht sich für Anliegen von Praktischen Ärzten stark

Eine "Außerparlamentarische Protestbewegung" von Allgemeinmedizinern startete.
Eine "Außerparlamentarische Protestbewegung" von Allgemeinmedizinern startete. - © bilderbox.com (Sujet)
Mehrere Graue Panther”-Hausärzte werden nun für die Allgemeinmedizin aktiv: Die “außerparlamentarische Protestbewegung” will etwas für die Zukunft der “allgemeinmedizinisch tätigen Ärzte, der Hausärzte und der ‘Praktischen Ärzte’tun”.

In der jüngeren Vergangenheit wurden Gesellschaft und Politik auf wachsende Hausarzt-Versorgungslücken in Österreich aufmerksam. Eine Art “außerparlamentarische Protestbewegung” von “Graue Panther”-Allgemeinmedizinern sorgt jetzt standesintern abseits der offiziellen Ärztekammern für Aufmerksamkeit. Ehemalige Standespolitiker haben die “Initiative Allgemeinmedizin!” gegründet.

“Binnen weniger Wochen habe ich mehrere hundert Unterstützungserklärungen bekommen. Uns geht es schlicht und einfach um die Anliegen und die Zukunft der allgemeinmedizinisch tätigen Ärzte, der Hausärzte und der ‘Praktischen Ärzte'”, sagte Otto Pjeta, ehemals Allgemeinmediziner mit Kassenpraxis in Steinerkirchen (OÖ), ehemals auch Präsident der oberösterreichischen und der Österreichischen Ärztekammer (ÖÄK), gegenüber der APA.

“Graue Panther”-Hausärzte werden für Allgemeinmedizin aktiv

Pjeta betonte, dass es nicht mehr um seine Person oder seine Position gehen könne. Er und seine Mitstreiter aus ganz Österreich wollten am Ende ihrer beruflichen Laufbahn bloß noch etwas für die Zukunft der Allgemeinmedizin tun. Mit dem ehemaligen Vorarlberger Ärztekammerpräsidenten Peter Wöss, dem ehemaligen steirischen Kammerpräsidenten Wolfgang Routil, dem ehemaligen NÖ-Kammerpräsidenten Gerhard Weintögel sowie den jahrzehntelang standespolitisch aktiven Allgemeinmedizinern Milan Kornfeind (Burgenland) und Jörg Pruckner (Steiermark), er war der erste Bundeskurienobmann der niedergelassenen Ärzte in der Ärztekammer, entstand eine Plattform, die sich unabhängig von den Kammern als treibende Kraft etablieren will.

Einig sind sich die Proponenten der Initiative darin, dass in Österreich weniger ein regelrechter Ärztemangel als vielmehr ein Mangel an Ärzten besteht, die in der niedergelassenen Praxis – speziell als Hausärzte – tätig werden wollen. “Es kann doch nicht sein, dass der Bund an der MedUni Salzburg Mediziner-Ausbildungsstellen zukauft. Das Problem liegt darin, dass für in Ausbildung stehende Ärzte die Allgemeinmedizin zu wenig attraktiv ist”, sagte Pjeta. Der Weg führe deshalb viel zu oft in die Facharztausbildung und dann am ehesten in die Spitalsmedizin.

“30 % der Medizinabsolventen wollen nicht in Österreich arbeiten”

Ganz ähnlich äußerte sich dazu der Rektor der MedUni Wien, Markus Müller, gegenüber der APA: “Die Schweiz hat etwa 800 Medizin-Ausbildungsplätze an den Universitäten und hat kein Ärztemangel-Problem. (…) Wir haben in Österreich rund 1.700 Studienplätze, also bei etwa gleicher Größe des Landes die doppelte Anzahl. (…) 1985 gab es in Österreich rund 20.000 Ärzte, jetzt sind es etwa 45.000.”

Das Problem liege eindeutig anderswo, sagte Müller. “Wir wissen aus Absolventenbefragungen in Graz und in Wien, dass 30 Prozent der Medizinabsolventen nicht in Österreich arbeiten wollen.” Die Abgängerrate steige mit der Zeit noch. Es müsse wohl an den Rahmenbedingungen für Ärzte in Österreich liegen, dass im Gesundheitswesen Mängel auftauchten. Das Gesundheitssystem sei gefordert. Man müsse wohl Ärzte über Anreize in Österreich halten. Das gleiche gelte für Anreize für Ärzte, dann in bestimmten Bereichen tätig zu werden.

Initiative will standesinterne Probleme in Angriff nehmen

In diese Lücke stößt die Allgemeinmedizin-Initiative. “Alle sind der Meinung, dass für die Allgemeinmedizin dringend etwas getan werden muss. Schon vor 25 Jahren stand in einer Regierungserklärung, dass die Allgemeinmedizin gestärkt werden müsse. Bis heute hat sich nicht wirklich etwas geändert”, sagte Wolfgang Weintögel, 1990 bis 2001 NÖ-Ärztekammerpräsident und Allgemeinmediziner im Ruhestand.

Den Proponenten der Initiative geht es um gesundheitspolitische und standesinterne Probleme, wie sie konstatieren. Was standespolitisch brisant ist: Den Niedergang der Stellung der Allgemeinmedizin im österreichischen Gesundheitswesen führen sie auch auf die abnehmende Bedeutung der Hausärzte in ihrer gesetzlichen Standesvertretung, den Ärztekammern mit Zwangsmitgliedschaft, zurück.

In jeder Ärztekammer existiert eine Kurie der angestellten Ärzte und eine der niedergelassenen Ärzte. Innerhalb der Kurie der niedergelassenen Ärzte gibt es jeweils eine Sektion der Fachärzte und eine Sektion der Allgemeinmediziner. Doch das Gewicht der Allgemeinmediziner hat offenbar ständig abgenommen.

Mehr Geld – Mehr Wertschätzung

Ex-NÖ-Ärztekammerpräsident Wolfgang Weintögel sagte zu der schwindenden Bedeutung der “Praktischen Ärzte” in ihrer Standesvertretung: “Natürlich sind die Allgemeinmediziner in den Kurien der niedergelassenen Ärzte vertreten. Aber sie werden (im Vergleich zu den Fachärzten; Anm.) immer weniger.” Otto Pjeta, Gründer der “Initiative Allgemeinmedizin!”, fügte hinzu: “Für die Anliegen der Hausärzte in Österreich bekommen die Allgemeinmediziner in den Gremien ihrer eigenen Standesvertretungen keine Mehrheiten mehr.”

Im Präsidium der Österreichischen Ärztekammer ist seit den Kammerwahlen 2017 kein einziger Allgemeinmediziner mehr vertreten. Das gilt zum Beispiel auch für das Präsidium der Wiener Ärztekammer. Von den neun Präsidenten der Bundesländer-Ärztekammern ist derzeit nur der Tiroler Artur Wechselberger aus der Reihe der Allgemeinmediziner. Klassische Fragen der Allgemeinmediziner würden in der ÖÄK mittlerweile zu einem Gutteil von angestellten Ärzten wahrgenommen, merkte Pjeta an. Das gelte zum Beispiel für das Thema der ärztlichen Hausapotheken. Das entsprechende ÖÄK-Referat leite jetzt ein Pathologe.

Offene Kassenstellen in ganz Österreich als Problem

Für die Proponenten der quasi “außerparlamentarischen” Bewegung ist die geschwundene Bedeutung der Hausärzte in ihrer Standesvertretung Symptom und (Mit-)Ursache der Probleme mit offenen Kassenstellen in ganz Österreich, mit immer weniger Bereitschaft von Jungärzten, als Hausärzte in die niedergelassene Praxis zu gehen. Mangelndes Gewicht in den Kammern führe automatisch zu weniger Berücksichtigung der Interessen der plötzlich von Gesellschaft und Gesundheitspolitik wieder begehrten Allgemeinmediziner. Doch daneben würden die generellen Rahmenbedingungen zuschlagen, meinte Pjeta: “Die Leute würden schon in die Praxis als Hausärzte gehen. Aber aufgrund der Rahmenbedingungen trauen sie sich das nicht – und es fehlt die Wertschätzung.”

Abseits der Diskussionen um Primärversorgungszentren hat die Initiative mehrere Forderungen aufgestellt, welche generell bessere Voraussetzungen für junge Ärzte schaffen sollen, doch wieder eine Berufslaufbahn als Hausarzt anzustreben. “Wertschätzung wird in unserer Gesellschaft im Berufsleben vor allem über Geld ‘ausgedrückt’. Die Allgemeinmediziner brauchen deshalb eine Anhebung ihrer Honorare auf das Niveau von Fachärzten, das sind plus 50 Prozent, den Wegfall von Limitierungen für medizinische Leistungen etc.”, sagte Pjeta. Eine ärztliche Visite zu Hause müsse einfach 120 Euro an Honorar bringen, um im Vergleich zu anderen freien Berufen adäquat zu sein.

Anstellung von Ärzten bei Ärzten müsse möglich werden

Darüber hinaus müssten die Zusammenarbeitsmöglichkeiten von Ärzten breiter als bisher gefasst werden. Auch die Anstellung von Ärzten bei Ärzten müsse möglich werden. Der Gesetzgeber müsse auch dafür Sorge tragen, dass die nachkommende Ärztegeneration ihre Berufsausübung in der Allgemeinmedizin längerfristig gesichert erhält.

“Wir brauchen für jedes Bundesland eine verbindliche Planung, wo Primärversorgungszentren hinkommen sollen, wo es Gruppen- und wo es in Zukunft Einzelpraxen geben wird. Sonst traut sich niemand, als Hausarzt in die niedergelassene Praxis”, sagte Pjeta. Er konstatiert mittlerweile, dass die Forderungen der Initiative schon in mehreren Landesärztekammern diskutiert werden. “Einzelne Forderungen von uns werden bereits von der offiziellen Standespolitik übernommen.” Genau darauf ziele man ab.

(APA/Red)

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