Influenza-Pandemie: Falsches Virus?

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Weltöffentlichkeit sorgt sich derzeit in Sachen Influenza-Pandemie womöglich vor dem falschen „Vogel“-Influenza-Virus H5N1. Alle bisherigen derartigen Epidemien wurden durch H1-, H2-, oder H3-Stämme verursacht.

Unklar ist, ob die Menschheit beim nächsten Seuchenzug besser als bei den bisherigen davon kommen würde. Dies erklärten internationale Experten am Donnerstag bei der „Retroscreen Virology“-Konferenz über die Vogelgrippe und Influenza-Pandemie-Szenarios in London (bis 20. Jänner).

„Natürlich kann es auch anders kommen. Aber wir haben bisher die Möglichkeit, sechs Influenza-Pandemien zu überblicken. Und alle sind entweder durch H1-, H2- oder H3-Stämme hervorgerufen worden, keine durch ein H5-Virus“, sagte Univ.-Prof. Dr. Chris Potter (University of Reading/UK).

Im Jahr 1989 gab es aus Russland eine H2N2-Pandemie, 1918 verursachten H1N1-Viren bis zu 50 Millionen Todesfälle („Spanische Grippe“). 1957 kam dann H2N2 („Asiatische Grippe“) mit mindestens einer Million Toten, ab 1968 dann H3N2 („Hongkong-Grippe“) mit ebenfalls einer Million Opfern. 1977 gab es eine H1N1-Influenza-Welle, welche die Welt ergriff.

Der Hintergrund dafür laut Potter: „In den Jahren nach einer Influenza-Pandemie steigt der Anteil der Personen, die Antikörper gegen das Virus aufweisen, in der Bevölkerung auf 80 bis 100 Prozent.“ Dann sind praktisch alle geschützt. Doch mit dem Sterben jener Jahrgänge, die durch eine überstandene Pandemie-Influenza „natürlich immunisiert“ worden waren, wird die nachkommende Generation wieder empfänglicher für diese Virus-Variante.

Das dürfte auch der Grund sein, warum bei Influenza-Pandemien vor allem jüngere Menschen – im Alter zwischen 15 und 44 Jahren – einen hohen Anteil der Erkrankten und der Opfer stellen. Dr. Douglas Fleming, britischer praktischer Arzt und „Erfinder“ des weltweit einzigartigen epidemiologischen Überwachungssystems in Großbritannien, bei dem regelmäßig die Krankheitsdaten der Patienten aus allen Arztpraxen gemeldet werden: „Die ’Hongkong Grippe’ ab dem Jahr 1968 traf vor allem die arbeitende Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 44 Jahren, das war auch bei der weiteren Welle im Jahr 1975/76 der Fall.“

Ärzte müssen sich umstellen

Derzeit kann niemand abschätzen, ob die Welt durch eine neue Influenza-Pandemie besser oder schlechter davon käme als bei den voran gegangenen. Eines ist klar: Sie würde sich rasant um die Welt verbreiten.

Univ.-Prof. Dr. Claude Hannoun vom Institut Pasteur in Paris bei der internationalen Pandemie-Konferenz in London: “1957 traten die ersten Fälle Ende Februar in Zentralchina auf. Binnen sechs Monaten ging sie rund um die Welt. Von 1968 an dauerte es 18 Monate, bis die damalige Pandemie die ganze Welt erreicht hatte. Das ging viel langsamer.“ Doch der moderne Flugverkehr würde wahrscheinlich zu einer viel schnelleren Verbreitung als in der Vergangenheit führen. Im Fall des Falles müssten sich das Gesundheitswesen und natürlich auch die Ärzte für die Zeit der Epidemie dramatisch umstellen. Dr. Douglas Fleming (UK): „Die Hongkong-Grippe (ab 1968) erwischte uns in Großbritannien im Jahr 1969. Da mussten sich ein Kollege und ich für einen Vormittag 40 Hausbesuche aufteilen.“

Das Gesundheitswesen wäre womöglich auch in den Industriestaaten nicht mehr auf solche Zustände vorbereitet. Der Experte: „Damals hatten wir 25 Prozent unserer Patientenkontakte im Rahmen von Hausbesuchen. Heute sind es nur noch zwei Prozent. Damals gab es noch kaum Arzttermin-Vorbestellungssysteme, heute sind sie weitest verbreitet. Damals war es üblich, dass praktische Ärzte sieben Tage in der Woche 24 Stunden ’abrufbar’ waren. Das ist jetzt längst nicht mehr so.“

Auch der Druck auf die Spitäler dürfte im Fall des Falles massiv zunehmen. Fleming: „Im Jahr 2000 geriet unser Gesundheitssystem in Großbritannien schon im Verlauf einer größeren (normalen) Influenza-Welle an den Rand des Zusammenbruchs.“

Die positivste Nachricht auf der anderen Seite: Mit den Medikamenten Oseltamivir („Tamiflu“) und Zanamivir („Relenza“) stehen seit einigen Jahren erstmals Medikamente zur Verfügung, die bei rechtzeitiger Einnahme ursächlich gegen die Influenza wirken. Sie sind wesentlicher Bestandteil der internationalen – auch der österreichischen – Pandemie-Vorsorgepläne.

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