“Im Keller” von Ulrich Seidl: Menschliche Abgründe, dokumentarisch ausgelotet

Von Daniela Herger
Bei Ulrich Seidls Doku "Im Keller" wird kein menschlicher Abgrund ausgelassen
Bei Ulrich Seidls Doku "Im Keller" wird kein menschlicher Abgrund ausgelassen - © APA/HOANZL
Der Keller ist für viele Menschen der Ort, wo alles hinkommt, was man vor anderen verbirgt. Die Ulrich Seidl-Doku “Im Keller” lotet diese Geheimnisse sexueller, ideologischer und exzentrischer Natur eingehend aus. VIENNA.at hat sich den Film zum DVD-Verkaufsstart angesehen und für Sie rezensiert.

Am meisten Wirbel löste der Dokumentarfilm “Im Keller” von Ulrich Seidl durch seine politische Brisanz aus – wird doch der “Nazi-Keller” eines Burgenländers gezeigt, der im Kreise von Hitler-Devotionalien und Hakenkreuz-Fahnen im Souterrain seines Hauses mit Freunden Blasmusik spielt und trinkt.

Partei-Austritt und Anklage nach Nazikeller-Szene

Die Film-Szenen hatten für den Keller-Inhaber und seine Trinkbrüder ein rechtliches Nachspiel: Zwei davon waren als ÖVP-Gemeinderäte tätig und mussten daraufhin ihr Mandat zurücklegen und aus der Partei austreten, während gegen den Keller-Eigentümer Anklage wegen Verstoßes gegen das Verbotsgesetz erhoben wurde.

Die dazugehörigen Szenen gehören zu den interessantesten und zugleich Besorgnis erregendsten des Films. In dem “gemütlichen Raum” im Keller hängt das Bild des Führers, das – wie man zu sehen bekommt – auch regelmäßig liebevoll abgestaubt wird. Dazu erzählt der stolze Besitzer, wie er dieses Bildnis “von Freunden und Kameraden” zur Hochzeit geschenkt bekam und wie groß die Freude über das von ihm offenbar nicht als anstößig empfundene Hitler-Bild war. “I  hob glaubt i wer narrisch. Am liabsten wär i sofort heimgegangen und hätt’s im Keller aufgehängt,” erzählt er nostalgisch. Regelmäßig sei das “Führerhauptquartier” (um welches es sich genau handelt, bleibt offen) auch sein Urlaubsziel, woran sich seine Frau schon gewöhnt habe.

Geständnisse und Bekenntnisse im Keller

Auch sonst zeigt der ältere Protagonist Seidls sich offen. “I sauf eigentlich sehr vü”, gesteht er freimütig und erzählt vom Ablauf der Auftritte mit der Blasmusik-Truppe, der er angehört. Drei Spritzer vorher, drei beim Frühschoppen, nachher noch ein paar Stamperl tränke er da regelmäßig.

Doch dies sind nur einige der Abgründe, die der österreichische Filmemacher Seidl in “Im Keller” aufzeigt. Ein Mann, der vor einem Terrarium kauert und die Lebendfütterung seiner Riesenschlange gespannt beobachtet, ist da noch das Harmloseste. Im Keller frönt man Hobby, Lust und Politisiererei – und nicht selten ist es ein schmaler Grat, auf dem man sich hier bewegt, wenn es um gesellschaftliche Akzeptanz geht. Nicht umsonst spricht DVD-Herausgeber HOAZL von einer “Nachtmeerfahrt durch das Souterrain österreichischer Seelen.”

Exzentriker und Politisierer bei “Im Keller”

Eine Frau mittleren Alters sucht in mehreren Szenen ihren Keller auf, um dort verwahrte lebensechte Babypuppen aus ihren Schachteln zu holen, diese umherzutragen, zu herzen und küssen wie richtige Kinder. Dabei gibt sie diesen absurde Kosenamen und spricht von sich selbst in der dritten Person als deren “Mami”. Drei Männer schimpfen in einer anderen Szene in drastischen Worten über den Koran, “die Türken” und fordern ein Totalverbot der Burka in Österreich. Deren Wortwahl trifft man in dieser Extremität wohl an keinem Wirtshaustisch – es bedarf offenbar der Intimität eines Kellers, um seiner wahren fremdenfeindlichen Weltanschauung freien Lauf zu lassen.

Ulrich Seidl zeigt sexuelle Abgründe

Intimitäten anderer Art werden ebenfalls sehr explizit gezeigt – sexuelle Abgründe nehmen einen großen Teil des Films ein, und nach Seidl-Art wird bei den Protagonisten von “Im Keller” immer gerne mit der Kamera voll draufgehalten, bis sich in den Gesichtern zuweilen ein Anflug von Unbehagen zeigt.

Doch es bleibt – wie bei Seidl nicht überraschend – nicht bei Gesichtern. Körperteile werden in SM-Kellern in Großaufnahme präsentiert, während Frauen ausgepeitscht und Männer so aufgehängt werden, dass es weh tun muss. Eine Frau schildert, wie sie mit ihrem ebenfalls oftmals in kompromittierenden Positionen gezeigten “Ehesklaven” lebt, wobei das Schlafzimmer noch der “zärtliche Bereich” ist. Für die wirklich extremen sexuellen Eskapaden begäbe man sich in den Keller, in den “extrem dominanten Bereich”, der uns von Ulrich Seidl ebenfalls nicht vorenthalten wird. “Im Keller, da spürt man alles”, so der Grundtenor des Films. Auch als Zuseher – ob man will oder nicht.

“Im Keller” von Ulrich Seidl. DVD bei HOANZL, UVP 14,99 Euro.

(DHE)

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