“Ich in Gelb”: Wienerin Olga Flor versucht sich als Mode-Bloggerin

Olga Flor versucht sich als junge Mode-Bloggerin
Olga Flor versucht sich als junge Mode-Bloggerin - © APA/ERWIN SCHERIAU
Die 47-jährige Autorin Olga Flor liebt die Camouflage. In ihrem famosen letzten Roman “Die Königin ist tot” machte sie aus der Gattin eines Medienzaren eine Lady Macbeth des 21. Jahrhunderts.

Auch in “Ich in Gelb” treibt sie ein Verstellungsspiel: In einem Web-Dialog führen eine erst 13-jährige Mode-Bloggerin und ein von einem Bandwurm geplagtes Model das Wort. Mehr gezwungen als bezwingend.

Olga Flor schreibt “Ich in Gelb”

“Gelb ist einfach so schon schwierig, zumindest in der Ganzkörpervariante. Zitronengelb ist frisch, das schmeckt man richtig, man kränkelt halt schnell drin, doch wenn schon, dann richtig grell, meine Meinung. Currygelb ist gallig, geht gar nicht, Strohgelb unentschlossen, kann aber im richtigen Kontext auch interessant sein.” So tönt es im Blog von “NextGirl”, das angeblich als der letzte Schrei der Modebranche gilt. Es sind flapsige Bemerkungen und Behauptungen, oberschlau und oberflächlich – und dadurch bezeichnend für unsere Zeit.

Doch Bloggerin Alice, die im Wunderland der Mode hinter die Spiegel blicken möchte, erhält von Flor keinerlei Gestalt, sondern nur Hülle. Was man über sie erfährt, steht in ihrem Blog. Der Kaiserin neue Kleider kaschieren wortreich eine Leerstelle, die nur durch Persönlichkeit gefüllt sein könnte. Dem Zuwenig an Inhalt entspricht ein Zuviel an Konstruktion. Der Blog läuft zeitlich rückwärts, vom 12.12. bis zum 11.11. des Vorjahres. Man ist also ständig gezwungen, sich zunächst etwas zusammenzureimen, ehe die Zusammenhänge nachgeliefert werden. Dazu gibt es eingestreute Bilder und zwischengeschaltete Kommentare, von Usern wie “Weisenrat” oder “ExterneExpertin”, vor allem aber von “Bianca”.

“Was im Spiegel wirklich passiert”

Von Bianca erfährt man nach und nach einiges. Am Anfang (also im Zeitablauf am Ende) soll sie als “Menschtierhybrid” im Zentrum einer von Modedesigner Josef im Naturhistorischen Museum geplanten Performance stehen, im weiteren Verlauf (also in der eigentlichen Vorgeschichte) enthüllt sich, was dieses sonst durchschnittliche Model so interessant macht: Ein rasch wachsender Wurm verändert ihren Körper auf unheimliche Weise und deformiert ihn mit sichtbaren Ausbuchtungen. Da wirkt das Geheimnis von Alice vergleichsweise banal: Ihr Vater, der ausgerechnet im NHM als Museumsaufseher arbeitet, hat spät seine Homosexualität entdeckt und lebt nun glücklich mit einem Partner zusammen.

So what? Schwer zu sagen. Die Lektüre ist mühsam, und man wird für seine Mühe lediglich durch ein paar gelungene Wendungen und originelle Haltungen belohnt. Die Attitüde der jungen Netz-Werkerin, für die ihre Mitmenschen “Real-Life-Avatare” sind, eröffnet keine neuen Erkenntnisse, weder über die Gesellschaft noch über die Mode.

“Was im Spiegel wirklich passiert:”, heißt es am Ende (also am Anfang des Blogs), “Er greift in die Wirklichkeit hinein, packt sie am äußersten Ende (dem Fluchtpunkt) und zieht den dann aus dem Bild heraus: eine Umstülpung des Raums, eine genaue Verkehrung der Bildebenen dass das Hinterste zuvorderst ist.” Doch das Bild des Spiegels ist diffus. Um Klarheit zu schaffen, muss wohl das Putztuch her.

  • Olga Flor: “Ich in Gelb”, Jung und Jung, 216 S., 42 Abb., 22 Euro, Nächste Lesungen: 28.4., 19.30 Uhr, im Kunstquartier Salzburg, 29.4., 19 Uhr, in der Österreichische Gesellschaft für Literatur Wien

(APA)

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