Historisches Urteil gegen Roten Khmer

In Kambodscha hat die Urteilsverkündung gegen einen der Verantwortlichen für die grauenvollen Massaker während der Herrschaft der Roten Khmer vor über drei Jahrzehnten stattgefunden. Für viele Menschen des südostasiatische Landes war der jahrelange Prozess Teil der Aufarbeitung eines kollektiven Traumas.

Kaing Guek Eav, besser bekannt als “Duch”, ist der einzige ranghohe Rote Khmer, der sich bisher zu seiner Verantwortung bekannt hat. Weil er vor dem Tribunal Reue bekundet und bereits elf Jahre Gefängnis hinter sich hat, ist er mit einer milderen Strafe davongekommen. Vielleicht könnte der 67-jährige ehemalige Mathematiklehrer sogar noch lebend die Gefängnistore hinter sich lassen.

Viele von Duchs Opfern leiden noch heute. Hav Sopheas Vater wurde von den Roten Khmer umgebracht. Sie hat Zeit ihres Lebens versucht, ihn für sich zum Leben zu erwecken. Das einzige Schwarz-Weiß-Foto, das ihr von ihm geblieben ist, wurde in einem der berüchtigtsten Gefängnisse des Regimes aufgenommen. Hav scannte es ein und ließ den ermordeten Vater in ein Familienfoto einfügen. Doch nichts hat der 34-Jährigen so sehr geholfen, wie ihre Aussage vor dem Tribunal, dessen Konstituierung mit Unterstützung der Vereinten Nationen sich als extrem hindernisreich erwiesen hatte. “In der Nacht habe ich das erste Mal von ihm geträumt. Er hielt meine Hand, und wir rannten aus dem Tuol-Sleng-Gefängnis”, erinnert sich Hav.

Duch war der Chef von Tuol Sleng, auch bekannt als S-21. Die Roten Khmer funktionierten die ehemalige Volksschule in ein Hochsicherheitsgefängnis um. Hier wurden alle interniert, die das von China unterstützte Regime des steinzeitkommunistischen Diktators Pol Pot für seine schlimmsten Gegner hielt: Spione, Verräter and Saboteure. Die meisten der 16.000 Gefangenen wurden gefoltert, um Geständnisse zu erzwingen. Sie wurden mit Stromschlägen drangsaliert, ihnen wurden Fußnägel ausgerissen, oder sie wurden fast ertränkt. Heute ist das Gefängnis ein Museum, mit Bildern an den Wänden, von Männern, Frauen und Kinder, aufgenommen kurz bevor sie getötet wurden.

Mehr als 1,7 Millionen Kambodschaner – etwa ein Viertel der Bevölkerung – kamen während der Herrschaft der Roten Khmer von 1975 bis 1979 ums Leben. Sie wurden exekutiert oder kamen durch Zwangsarbeit, Hunger oder fehlende medizinische Versorgung ums Leben. Vier weiteren Führern der Roten Khmer soll im kommenden Jahr der Prozess gemacht werden. Die kambodschanische Regierung unter Ministerpräsident Hun Sen, einem einst zu den Vietnamesischen übergelaufenen Roten Khmer, treibt dies aber nicht allzu ehrgeizig voran – möglicherweise aus Angst davor, der Aufarbeitungsprozess könnte die eigenen Ränge erreichen.

Das Sondertribunal stützte sich auf die Archive des durch eine vietnamesische Militärintervention entmachteten Regimes mit Fotos, schriftlichen “Geständnissen” und ausführlichen Registern über die Gefangenen. Duch war geständig. Er habe den Auftrag gehabt, alle Inhaftierten physisch zu beseitigen, um “Verschwiegenheit und Sicherheit” zu gewährleisten, sagte er. Das aus 17 kambodschanischen und 13 von den Vereinten Nationen gestellten ausländischen Juristen bestehende Tribunal war erst 2006 nach fast zehnjährigen Verhandlungen errichtet worden. Ihm sind enge Grenzen gesteckt, andernfalls wäre seine Einsetzung am Veto Chinas im Weltsicherheitsrat gescheitert.

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