Die jüdischen Friedhöfe Wiens: Shoah nur “zufällig” überlebt

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Historiker Tim Corbett hat sich in den vergangenen Jahren am Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien mit den jüdischen Friedhöfen Wiens auseinandergesetzt.

Mit dem jüdischen Friedhof in der Rossau, genauer in der Seegasse, beherbergt Wien eine der ältesten jüdischen Ruhestätten Europas. Die insgesamt fünf jüdischen Friedhöfe in der Bundeshauptstadt überlebten den Zweiten Weltkrieg und die Shoah nur “zufällig”, wie Historiker Tim Corbett der APA erklärte. Restaurationskonzepte sind zum Teil sogar heute noch ausständig.

Corbett hat sich in den vergangenen Jahren am Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI) mit den Jüdischen Friedhöfen Wiens auseinandergesetzt. Für ihn spiegeln sie vor allem die einzigartige Wiener jüdische Kultur wieder, die sich – vor den beiden Weltkriegen – durch eine hohe Säkularisierung, Modernität und vor allem große Beteiligung am Wiener Alltags- und Gesellschaftsleben auszeichnete. “Die ältere jüdische Abteilung am Zentralfriedhof, nahe des ersten Tors, ist eine der wenigen in Europa, der nicht durch eine Mauer von den christlichen Abteilungen getrennt ist. Das zeigt die progressive und moderne Haltung in Wien zu dieser Zeit.”

Corbett: Erhaltung durch den Zeit-Faktor

Während des Zweiten Weltkriegs überlebten die jüdischen Friedhöfe mehr zufällig, zeigte sich der Historiker überzeugt. “Es gab von Anthropologen und anderen Wissenschaftern der Nazis durchaus Interesse daran, die Grabsteine und die menschlichen Überreste zu bewahren, die Friedhöfe selbst waren ihnen aber egal. Ich bin mir sicher, dass es den Nazis und ihren Helfern – hätten sie mehr Zeit gehabt – gelungen wäre, diese Stätten des jüdischen Erbes aus der Stadt zu entfernen.” Vor allem der Währinger Friedhof wurde in Mitleidenschaft gezogen: Die nationalsozialistische Stadtverwaltung erlaubte die Zerstörung von Grabsteinen und die Exhumierung vieler Leichen. Die Gräber stehen teils noch heute offen.

“Nach dem Zweiten Weltkrieg lehnte es die Österreichische Regierung – im Gegensatz zu Deutschland – ab, die Verantwortung für die Verbrechen des Nationalsozialismus zu tragen und behinderte die Versuche von jüdischen Überlebenden, sich um Wiedergutmachung zu bemühen – darunter fiel auch die Wiederinstandsetzung der Friedhöfe.” Es dauerte teils Jahrzehnte bis mit der Restaurierung begonnen wurde, inzwischen gibt es für die meisten jüdischen Friedhöfe Konzepte. Der Friedhof in der Seegasse liegt seit 1670, als Leopold I die Juden aus Wien vertrieb, auf einem Grundstück der Stadt, auf dem sich heute auch ein Seniorenheim befindet. Er ist inzwischen teilweise restauriert.

“Dieser Friedhof wird ein Mahnmal bleiben”

Die beiden Abteilungen am Zentralfriedhof wurden an die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) restituiert. Der Friedhof in Währing wurde ebenfalls an die IKG zurückgegeben – allerdings fehle es auch aufgrund der groben Schäden bis heute an einem Sanierungskonzept, meinte Corbett. Es sei zweifelhaft, ob er nach 70 Jahren Vernachlässigung überhaupt noch instand zu setzen sei: “Ich glaube, dieser Friedhof wird ein Mahnmal bleiben – für die Leistungen der jüdischen Gemeinschaft in Wien, die Gräuel des Nationalsozialismus aber auch die kalkulierte Zurückhaltung der österreichischen Nachkriegsregierung, sich mit der Rolle Österreichs in den Verbrechen der Nazis auseinanderzusetzen.”

Insgesamt gibt es in Wien derzeit fünf jüdische Friedhöfe. Der älteste ist jener in der Seegasse, er datiert aus dem frühen 16. Jahrhundert und war bis 1784 in Gebrauch. Danach übernahm der Währinger Friedhof dessen Rolle, hier wurden bis 1879 Juden bestattet. Früher noch außerhalb Wiens gelegen, zählt auch der aus 1873 stammende Floridsdorfer Friedhof zu den Wiener jüdischen Ruhestätten. Zusätzlich gibt es zwei jüdische Abteilungen am Zentralfriedhof, die ältere wurde im Jahr 1879 begründet. Nach dem Ersten Weltkrieg, genauer 1916, wurde die neuere Abteilung nahe Tor 4 angelegt: Sie dient heute als Hauptfriedhof der jüdischen Gemeinde und wird von der IKG betreut und verwaltet. Nach jüdischem Glauben darf ein Friedhof nicht aufgelassen werden – selbst wenn er unrettbar zerstört ist, wie es in Osteuropa nach dem Zweiten Weltkrieg teils der Fall war, sollte er abgesperrt bleiben und als heilige Stätte respektiert werden.

(APA, Red.)

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