Hickersberger sieht Spanien als "Campeon"

Hickersberger sieht Spanien als "Campeon"
Josef Hickersberger, der ab Freitag in Leoben als Teamchef von Bahrain mit seinen neuen Schützlingen ein Trainingslager aufschlägt, hat schon vor dem WM-Endspiel Niederlande – Spanien am Sonntag in Johannesburg Bilanz gezogen.

Und der 62-Jährige, der vor zwei Jahren Österreichs Auswahl in der EM-Endrunde im eigenen Land gecoacht hatte, sagte im Interview mit der  Austria Presse Agentur den Europameister als “campeon mundial” voraus.

Der Niederösterreicher zeigte sich froh darüber, dass es die Spanier ins Endspiel geschafft haben. “Gott sei Dank. Alles andere als ihr Aufstieg wäre kein Sieg für den Fußball gewesen”. Mit Ausnahme der Schlussphase hätten sie dominiert. Die Deutschen, die bis zum Semifinale beeindruckend und begeisternd gespielt hätten, haben hingegen nur auf Konter gelauert. “Die Art und Weise, wie sie in der eigenen Hälfte agiert haben, war nicht der Stil, mit dem man Weltmeister werden kann”, meinte “Hicke”.

Über den zweiten WM-Finalisten sagte der Ex-ÖFB-Teamchef: “Mit Robben, Sneijder und Van Persie sind sie im Konter bestimmt gefährlicher als es die Deutschen gegen Spanien waren.” Hickersberger sprach in seinem Resümee außerdem über Niveau, Erkenntnisse und Enttäuschungen der Endrunde. Er nahm die Referees in Schutz, kritisierte die FIFA und forderte Hilfsmittel für die Unparteiischen.

APA: Wer wird am Sonntag in Südafrika Fußball-Weltmeister 2010?
Hickersberger: “Für mich wird Europameister Spanien auch den WM-Titel holen. Ich habe schon vor dem zweiten Halbfinale gesagt, dass der Sieger dieses Begegnung auch Weltmeister wird. Spanien und auch die Deutschen sind als Mannschaft stärker als die Niederländer.”

APA: Was sagen Sie zum Halbfinal-Spiel Deutschland – Spanien?
Hickersberger: “Gott sei Dank ist es so ausgegangen! Alles andere als der Aufstieg der Spanier wäre kein Sieg für den Fußball gewesen. Mit Ausnahme der Schlussphase haben sie dominiert. Die Deutschen, die bisher beeindruckend und begeisternd spielten, waren nur auf Konter aus. Die Art und Weise, wie sie in der eigenen Hälfte agiert haben, ist nicht das Spiel, mit dem man Weltmeister werden kann.”
APA: Was trauen Sie den Niederlanden in ihrem dritten Anlauf auf den WM-Titel zu?
Hickersberger: “Im Konter sind sie mit Robben, Sneijder, die aufgrund ihrer individuellen Qualitäten Spiele alleine entscheiden können, und Van Persie bestimmt gefährlicher als es die Deutschen gegen Spanien waren. Ihr Abwehrverhalten ist aber nicht von allererster Güte – weder als Vierer-Kette noch individuell. Van Bommel ist ein echter Abräumer vor der Verteidigung, viele Referees erkennen seine taktischen Fouls zu selten.”
APA: Beeindruckt nicht auch Sie die tolle Serie der Oranjes, die 26 Spiele ungeschlagen sind?
Hickersberger: “Natürlich, das spricht für ihre Moral, Kontinuität, Stabilität und die Qualität ihres Teamchefs Bert van Marwijk, der in seiner Elf nur wenig Änderungen vornimmt. Im Semifinale gegen Uruguay (3:2) haben sie nach ihrer 1:0-Führung den Ball nicht zirkulieren lassen. Das Zuschauen holländischer Mannschaften früherer Jahrzehnte mit Van Basten, Gullit, Rijkaard usw. hat mehr Vergnügen bereitet.”
APA: Ihr Favorit war Rekord-Weltmeister Brasilien, warum kam er nicht ins Finale?
Hickersberger: “Ja, ursprünglich habe ich auf Brasilien getippt. Es hat sich im Viertelfinale beim 1:2 gegen die Niederlande gezeigt, dass man sich auf diesem höchsten Niveau eben keine Rote Karte (Felipe Melo, Anm.) leisten darf. In Unterzahl kann man dann eine Partie kaum oder nur ganz schwer noch umdrehen.”
APA: Was sagen Sie zum Niveau der Torhüter und Schiedsrichter in Südafrika?
Hickersberger: “Die Torhüter haben viele individuelle Fehler gemacht, die zu Treffern führten. Die Referees nehme ich teilweise in Schutz, weil die FIFA sie im Stich lässt. Sie verweigert ihnen technische Hilfsmittel. Es gibt keine Torrichter und keine Unterstützung von außen. Es ist traurig, dass im Jahr 2010 Schiedsrichter für Fehler büßen müssen, für die sie nichts können.”
APA: Sprechen Sie da vor allem den vermeintlichen Ausgleich zum 2:2 der Engländer im Achtelfinale gegen Deutschland an?
Hickersberger: “Ja, solange so etwas passieren kann, ist der Fußball noch mehr ein Glücksspiel als er es jetzt ohnehin schon ist. Der Assistent kann nicht gleichzeitig auf Ballhöhe und Torlinie sein. Das geht nicht. In solchen Fällen muss es möglich sein, dass ein weiterer Offizieller die Entscheidung über das Headset korrigiert. Der Ball war eindeutig hinter der Linie.”
APA: Welche allgemeinen WM-Erkenntnisse haben Sie aus den Spielen in Südafrika gewonnen?
Hickersberger: “Wir haben wirklich gute Mannschaften auf technisch höchstem Niveau und in höchstem Tempo gesehen, die den Ball laufen lassen, bei Ballverlust blitzschnell umschalten können bzw. in Ballbesitz immer gefährlich sind. In den ersten 45 Minuten im Spiel Nordkorea – Brasilien (2:1) war aber zum Beispiel auch der krasse Außenseiter imstande, gut zu verteidigen und machte es dem Favoriten schwer, durchzukommen.”
APA: Welche Negativa werden Ihnen von der Afrika-WM in Erinnerung blieben?
Hickersberger: “Die Gruppen-Spiele zu Beginn verliefen enttäuschend. Schwer enttäuscht haben die WM-Finalisten von 2006. Die Verjüngung im italienischen Team setzte zu spät und in zu geringem Maße ein. Es ist bezeichnend, dass Inter Mailand die Champions League ohne einen einzigen Italiener gewonnen hat. Es sind zu wenige, hungrige große Talente in der Serie A vorhanden.”
APA: Und was sagen sie als Ex-Teamchef zur französischen Revolution?
Hickersberger: “Das ist ein Jammer. Diese internen Probleme entstanden aus mangelndem Respekt der Spieler dem Trainer gegenüber. Dass Raymond Domenech eine Erklärung der Spieler vor der Presse vorlesen musste und diese anschließend das Training verweigerten, war ein Tiefpunkt. Da sind die Herrn Millionäre zu weit gegangen.”
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