Haußmanns “Sommernachtstraum” an der Burg feierte Premiere

Wild geht es zu im "Sommernachtstraum" am Burgtheater
Wild geht es zu im "Sommernachtstraum" am Burgtheater - © APA
Leander Haußmann ist nach 20 Jahren ans Burgtheater zurückgekehrt, um Shakespeares “Ein Sommernachtstraum” zu inszenieren. Die volle Aufmerksamkeit zog er dann auch gleich auf sich, als er keine 24 Stunden vor der Premiere dieselbe um vier Tage verschob, um weitere Probentage zu gewinnen. Am Sonntagabend war es schließlich so weit: Er ließ die Inszenierung los wie einen Kampfhund von der Leine.

In Shakespeares oft gespieltem Klassiker ist es ohnehin schon schwer, die verschiedenen Handlungsstränge im Blick zu behalten. Und doch schafft es Haußmann in seiner bereits vierten Inszenierung des Stoffs, noch eins draufzulegen. Hier ist nichts, wie es scheint und selten etwas so, wie man es kennt. Hier wird geschossen, geblutet und gevögelt, ohne auf die Konsequenzen zu achten. Das halbe Personal ist zum Ende des zweiten Akts tot? Egal. Wenn eine Blume die Macht hat, Liebesraserei zu erzeugen, kann sie auch von den Toten auferwecken. “Ich hab’s verpatzt”, raunt der herrlich verschrobene, fahrige Christopher Nell als Puck vor der Pause, als der Vorhang über dem zuvor angerichteten Schlachtfeld fällt. Doch zurück zum Anfang.

Mit der Hochzeitsstimmung zu Beginn räumt Haußmann gleich einmal auf: Der Palast des Theseus ist von Stacheldraht eingezäunt, düster umrahmen Holzbaracken die Szenerie von Bühnenbildner Lothar Holler. Hippolyta, bereits im Hochzeitskleid, startet mit ihrem langen Schleier einen waghalsigen Fluchtversuch. Doch Theseus erwischt seine Braut im letzten Moment und zerrt sie zurück in seine Arme, dann landen sie doch im Bett. Daniel Jesch gebärdet sich dabei als kompromissloser Herrscher, der sich nimmt, was er will. Alexandra Henkel als Hippolyta fügt sich nur äußerlich, sie wird ihrem Verlobten bald nach dem Leben trachten. Die Stimmung für das kommende Verwirr- und Liebesspiel ist also schon mal aufgeheizt.

Dass Haußmann in den vergangenen Tagen noch einiges geändert haben dürfte, wird beim Auftritt der jungen Menschen klar. Zwar kommt Franz J. Csencsits als herrischer Egeus, Vater der Hermia, noch in brauner Militärkluft auf die Bühne, die Jugend ist nunmehr aber in 70er-Jahre-Kluft gehüllt, Lysander und Demetrius spielen in Schlaghosen und kinnlanger Knackmatte, Hermia und Helena im Glitzerkleid. Auf den im Programmheft abgedruckten Fotos trugen die Damen noch muslimische Ganzkörperschleier, die Männer allesamt Uniform. Einen inhaltlichen Bezug hierauf findet man in der nun fertigen Inszenierung nicht mehr. Vielmehr dominiert jugendlicher Leichtsinn, den Mavie Hörbiger als verzweifelten Groupie mit Hang zum Masochismus verkörpert und eine grandiose Sarah Viktoria Frick als hemdsärmelige Emanze anlegt. Martin Vischer als Lysander und Matthias Mosbach als Demetrius irrlichtern als mit den Frauen eher überforderte Junggesellen durch die Szenerie.

Bei dieser hat Bühnenbildner Holler in die Vollen gegriffen und einen waschechten Urwald auf die Drehbühne gestellt, Tümpel inklusive. Auf einer transparenten Leinwand lässt er Baumwipfel rauschen und allerlei wildes Getier – vom Wolf bis zum Elefanten – in Erscheinung treten. Im Reich des Elfenkönigs Oberon, den Johannes Krisch als in weite Tücher gehüllten, oft genervten Weisen gibt, treibt auch seine Gattin Titania (Stefanie Dvorak) ihre Spielchen, flankiert von Elisabeth Augustin als etwas ziellos agierender Feld-, Wald- und Wiesengeist. Wenn die beiden Eheleute streiten, fliegen schon mal Blitze und Feuerkugeln. Dazwischen immer wieder der etwas unbeholfene, übermütige Puck, der schon im Prolog das Stück vertauscht und aus “Hamlet” zitiert. Apropos Zitat: Martin Kusejs “Suppentopf”, den er in seiner künftigen Intendanz “ausschütten” würde, kommt im Laufe des Abends mehr als einmal – unter Gelächter des Publikums – zur Sprache.

Auch die Proben der Handwerker bergen so manche selbstreferenzielle Spitze, etwa wenn der wunderbare Martin Schwab als Peter Squenz den wilden Haufen seiner Schauspieler zur Ordnung ruft: “Wir haben nur mehr 36 Stunden Zeit! Wie können nicht nochmal verschieben!”. Überhaupt bilden die Probenszenen der Laientruppe den eigentlichen Kern des Abends. Haußmann hat mit Schwab, Johann Adam Oest, Peter Matic, Hans Dieter Knebel, Dirk Nocker und Hermann Scheidleder eine zum Schreien komische Altherrengruppe zusammengetrommelt, die mit viel Spielfreude und noch mehr Routine den Wahnsinn des Berufs zelebriert. Allen voran Martin Schwab als dünnhäutiger, ständig nervöser Spielleiter, gefolgt von Matic, der in rosaroten Strumpfhosen als Thisbe verzaubert oder dem ständig besoffenen Kesselflicker Schnauz (Knebel), der auf dem Boden angenagelt werden muss, um halbwegs standfest als “Wand” durchzugehen.

Bis zur Pause ist es eine unterhaltsame Dekonstruktion des “Sommernachtstraums”, den Haußmann teils bis aufs Gerippe entschlackt hat um mit viel Witz die Eingeweide des Stücks hervorzuzerren. Damit – nicht zuletzt durch den exzessiven Gebrauch von Schusswaffen und Theaterblut – ist jedoch nach der Pause Schluss. Dass man so, wie es geendet hat, dieses Stück unmöglich im Shakespeare’schen Sinne fertig spielen kann, liegt auf der Hand. Also kommen die Bühnenarbeiter, bauen die Kulissen ab, während das Jungvolk Hand in Hand singend um einen Baum tanzt.

Auf die nunmehr kahle Bühnenrückwand wird der Zuschauersaal des Burgtheaters projiziert, an der Rampe geben die Handwerker (mit vorgehaltener Pistole!) ihre Aufführung. Auch Oberon reicht es am Ende und er verlässt schimpfend die Bühne. Da bleibt es also dem ziemlich verzweifelten Puck überlassen, das wieder in Ordnung zu bringen. Also bittet er nicht nur textgetreu um Applaus, sondern auch um Verschonung vor etwaigen Buh-Rufen. Die gab es nach fast dreieinhalb Stunden dann wirklich nicht. Das Publikum ließ sich wohlwollend auf Haußmanns Treiben ein und spendete langen, freundlichen und von Jubelrufen durchsetzten Schlussapplaus.

(APA)

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