Hartes Inselleben: Mitterers “Galapagos” in der Josefstadt

Der Inseltraum hält nicht, was er verspricht
Der Inseltraum hält nicht, was er verspricht - © APA
Stets rauschen die Wellen und surren die Fliegen: Betrachtet man nur die Geräuschkulisse, scheint Floreana nicht gerade das Paradies zu sein. Und auch sonst ist die Insel in Felix Mitterers “Galapagos” wenig idyllisch. Das am Donnerstag im Theater in der Josefstadt uraufgeführte Drama zeigt den Aussteigertraum von seiner unbarmherzigen Seite – und leider auch von einer schief-grinsenden.

1929 machen sich der Berliner Arzt Friedrich Ritter und seine Gefährtin Dore Strauch auf ins große Abenteuer: Fernab jeglicher Zivilisation, wollen sie auf Floreana ein neues Leben beginnen. Es ist hart und entbehrungsreich, aber scheint zu glücken. Durch seine in alle Welt verteilten Berichte lockt Ritter unwillentlich weitere Gäste an: Das deutsche Ehepaar Wittmer, von der Wirtschaftskrise getroffen und auf der Suche nach einem Ausweg, sowie die angebliche Wiener Baronin Eloise mit ihren Liebhabern. Wenige Jahre später sind einige tot, andere verschwunden.

Keine Spur also von Idylle, wenn Regisseurin Stephanie Mohr nach “Jägerstätter” und “Der Boxer” erneut ein Werk Mitterers, wieder auf einer wahren Begebenheit beruhend, in der Josefstadt erstmals zur Aufführung bringt. Das macht auch das Bühnenbild von Miriam Busch schnell klar: Auf dem sich drehenden Zentrum umschwirren die Figuren einander, stets mit einer gewissen Distanz und Abneigung im Blick, während die Inselflora gerade mal durch zerknülltes Zeitungspapier (dafür in Massen) angedeutet wird. Die Szenen- und Schauplatzwechsel müssen schon Musik (Stefan Lasko) und einige wenige, herabfallende Leinwände besorgen.

Das Geschehen wird gewissermaßen von hinten aufgerollt: Ausgehend vom Fund zweier Leichen, will Polizist Felipe (Ljubisa Lupo Grujcic) herausfinden, was auf Floreana vorgefallen ist – so sagt er zumindest. Denn im Laufe der gut zweieinhalb Stunden, in denen sich Ritter (Raphael von Bargen gibt ihn mit erbitterter Konsequenz) und seine Gefährten erklären müssen und die jeweils eigene Sicht der Dinge darlegen, schwillt der kriminalistische Eifer mal an, mal ab. Was grundsätzlich auch kein Problem ist, sind die Einzelschicksale ohnehin nachvollziehbarer und interessanter gestrickt.

Da wäre das Ehepaar Wittmer (Peter Scholz und Pauline Knof), das zwar einigermaßen naiv und unbedacht daherkommt, sich letztlich auf dem harschen Eiland aber trotz aller Widerstände durchzusetzen vermag und eine neue Existenz aufbauen kann. Da ist die überdrehte Baronin (Ruth Brauer-Kvam glänzt mit oft schriller Stimme und ansteckendem Elan), die ein Luxushotelprojekt durchziehen will, eine vorzügliche Hochstaplerin ist und ihre Liebhaber (Roman Schmelzer und Matthias Franz Stein) ebenso wie die ecuadorianischen Behörden um den Finger zu wickeln weiß. Und schließlich ist da Dore Strauch (Eva Mayer), die Ritter offenbar bis ans Ende der Welt folgen würde.

Denn genau das hat seine Gefährtin, die den Arzt in einem Berliner Krankenhaus kennenlernte, letztlich auch getan. Mayer verleiht dieser oft so zerbrechlichen, von ihrer Multiple-Sklerose-Erkrankung ebenso wie von den Misshandlungen Ritters gezeichneten Figur eine enorme Präsenz und Stärke. “Dore Strauch ist mir sehr nahe, sie ist wirklich eine Idealistin”, hatte Mitterer über sie im APA-Interview betont. Und ja: Diese zierliche Person scheint auf Floreana all das in sich zu vereinen, was noch einen Hauch von Menschlichkeit versprüht. Der Rest ist hingegen vielmehr auf sich selbst bedacht.

So konsequent diese Charakterzeichnungen in der ersten Hälfte des Abends dargelegt werden, so schnell zerfällt in weiterer Folge das Konstrukt: Der Leere des Raumes und der sich in regelmäßigen Abständen drehenden Bühne wenig hinzufügend, lässt Mohr die Handlung zusehends ins Groteske abdriften. Allen voran die Erzählungen der beiden Paare, wie nun die Baronin und ihre Liebhaber die Insel verlassen haben beziehungsweise ums Leben gekommen sind, werden in absurder Soap-Opera-Manier dargeboten – übertriebener Gestus, aufgesetztes Lächeln.

Das Dauergrinsen von Grujcic als Felipe ist es auch, das wie ein unnötiger Kommentar oder ein störender Sitcom-Lacher aus dem Off über dem ganzen Stück schwebt. Humor steckt in dem Text Mitterers schon genug, da müsste man das Publikum nicht zusätzlich darauf hinweisen. Zum Schluss gab es freundlichen, endenwollenden Applaus für eine intelligent gestrickte Aussteigergeschichte ohne falsche Hoffnungen, deren Bühnenmotor aber des Öfteren stotterte. Floreana wurde hier eher mit dem Tretboot als dem Luxusdampfer angesteuert.

(APA)

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