Gossip: Schönheitsideale sind für Schwächlinge

Gossip: Schönheitsideale sind für Schwächlinge
Beth Ditto hat schon was. In einem so grellgelben wie knackengen Kleid und mit knallroten Haaren ist die Frontfrau von Gossip am Freitagabend auf die Bühne des ausverkauften Wiener Gasometers stolziert.

Die schräge Powerfrau mit dem hohen Bodymassindex steht für Selbstbewusstsein statt Selbstkasteiung, Körpergefühl statt Kohlenhydrate-Hysterie. Doch nicht unbedingt für spannende Musik, wie das umjubelte Konzert zeigte.

Auch Hungerhaken-Fan Karl Lagerfeld liebt Ditto, die mit ihrem offensiven Selbstbewusstsein Ikone für all jene geworden ist, die problematisches Körpergewicht, unentschlossene sexuelle Orientierung oder einen ganz eigenen Modegeschmack haben. Oder sich einfach latent anders fühlen. Also potenziell wohl für alle Teenager dieser Welt. Ditto ist so etwas wie die Venus der Selbstfindung: Du darfst so bleiben wie du bist. Egal wie das ist. Schönheitsideale sind etwas für Schwächlinge. Und wir vergessen alle jetzt mal kurz gemeinsam, dass Ditto kürzlich Diät-Willen signalisierte.

Die Musik gerät bei diesem Gesamtpaket deutlich ins Hintertreffen: Ditto verkauft gut Abgehangenes aus den Schubladen der Motown-Sounds, das sich mit Discobass und Soul-Gesang ein wenig im Jahrhundert verirrt hat. Da war irgendwann mal was mit Postpunk, mit Protest und auch musikalischer Queerness. Damit ist es vorbei: Gossip spielen Wohlfühlsongs der Selbstbestärkung, und das hat in ähnlichen Zielgruppen mit “Stayin’ Alive” und “I Am What I Am” schon seit Jahrzehnten gut funktioniert. Auch das aktuelle Album “Music for Men” schlägt mit Elektropop und einer Prise Punk in diese Kerbe.

Im Gasometer absolvierte Ditto mit den unauffälligen Gossip-Musikern ein heiteres und allgemeines Tanzen induzierendes Konzert, das aber auch vor Bühnenklischees nicht zurückschreckte. “Ich liebe euch! Danke, Wien! Prost! Tschüss!” – eigenartigerweise drangen diese Standards der Publikumsanimation schon vor dem Auftritt Dittos aus den Lautsprechern. Die vorwiegend jungen Menschen vor der Bühne jedenfalls waren sichtlich hingerissen, jubelten, als sich Ditto das gelbe Kleid rasch über den Kopf zog und dann in so etwas wie einem schwarzen, noch engeren Aerobic-Dress (erinnert sich noch wer daran?) über die Bühne hüpfte. Und von dort herab wie in der Schweinegrippen-Impfstraße den Sorgenvollen Selbstbewusstsein injizierte.

“Habt Sex! Und wenn ihr schwanger werdet, sage ich es nicht euren Eltern!”, rief Ditto, und dass der österreichische Akzent anders ist als der deutsche. Gute Laune allüberall. Doch angesichts der dünnen musikalischen Suppe und der fröhlichen Selbst-Zurschaustellung war es schwer, eine Assoziation aus dem Kopf zu schütteln: Beth Ditto hat viel Potenzial, zur Jazz Gitti der FM4-Hörer zu werden.

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