Gnade – Trailer und Kritik zum Film

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Gnade – Trailer und Kritik zum Film
Funkelnder Schnee, blaues Eis, klirrende Kälte und kaum Licht: Polarnacht in Hammerfest. Niels und Maria sind mit ihrem Sohn Markus von Hamburg nach Nordnorwegen übersiedelt, weil Niels hier eine Stelle auf einer Gasplattform auf einer Insel vor der Stadt angenommen hat.

Das ist die Ausgangsposition von “Gnade” von Matthias Glasner, der am heutigen Donnerstag als dritter deutscher Beitrag im Wettbewerb der 62. Berlinale läuft. In der Rolle von Maria wirkt Birgit Minichmayr mit, die bei den Filmfestspielen schon mal einen Silbernen Bären gewann.

Inoffiziell hat die Familie den Ortswechsel in der Hoffnung vollzogen, die Ehe dadurch retten zu können. Was auch geschieht, aber anders als es sich die Eheleute vorgestellt haben: Maria (Birgit Minichmayr), die in einer Klinik für Sterbende arbeitet, hat bei der Heimfahrt in der Dunkelheit mit dem Auto einen Zusammenprall. Sie hält kurz an, fährt aber dann in Panik nach Hause. Niels (Jürgen Vogel), ihr Mann, macht sich mit seinem Wagen auf die Suche, kann aber nichts entdecken. Tags darauf steht es in der Zeitung: Ein 16-jähriges Mädchen war auf ihrem Heimweg von einem Auto erfasst und getötet worden.

“Gnade”: Birgit Minichmayr und die Last der Schuld

In vielen anderen solchen Fällen gehen an so etwas Ehen kaputt, in diesem wird eine gerettet. Paradoxerweise zerbricht das Verhältnis von Niels mit einer Arbeitskollegin. Niels und Maria finden in ihrem Schmerz wieder zusammen, wenngleich auch nicht zu ihrem Sohn, dem im ganzen Film nur wenig elterliche Aufmerksamkeit zuteilwird.

“Gnade” ist ein Film mit unspektakulärer Handlung und gerade deshalb fesselnd. Er behandelt ein Thema, das überall passieren kann, auch in jedem Provinzkaff bei uns, wo jeder jeden kennt – ähnlich in Hammerfest. Im Gegensatz etwa zu den überlangen chinesischen Historiengemälden dieses Wettbewerbs, wo fast im Minutentakt Blut über die Leinwand spritzt und Menschen in Kompaniestärke aus dem Bild ins Jenseits gesprengt werden, zeigt dieser Film ein Problem von nebenan. Nicht nur ein Problem, ein Geschehen, das einen nagenden Schmerz hinterlässt, der nicht vergeht, eine Tragödie, die zeigt, wie schlimm es ist, wenn auch nur ein einziges Menschenleben ausgelöscht wird.

Es mag zynisch wirken, über dem Tod eines Mädchens das Wiedererstehen einer Beziehung zu feiern, wäre an diesem Punkt auch schon Schluss. Doch der Streifen bleibt dem Schmerz treu. Unveränderlich wie die weiße Landschaft, bohrend, auch wenn nach dem Polarlicht sich wieder die Sonne zeigt, Licht ins Leben kommt. Es ist ein Schmerz, mit dem man leben lernen muss, das weiß Maria schon unmittelbar nach dem Geschehen.

Damit reiht sich “Gnade” in eine Art Grundthema des diesjährigen Wettbewerbs ein, der “Gefängnis” lauten könnte. Ob es das reale ist, das den Hintergrund von “Cäsar muss sterben” abgibt, ein aufgezwungenes wie in der Kampusch-Variation “A moi seule” oder im Geiseldrama “Captive” – oder eben ein inneres Gefängnis aus Seele und Gewissen. Ein Film, der ein quälendes Gefühl vermittelt, wie Zahnschmerz, Seelenschmerz.

Viele Fragen werden aufgeworfen, allerdings auch offen gelassen: Gibt es ein Ende von Schuld durch Gnade, was kann Vergebung bewirken? “Die Natur außen und innen zu spiegeln”, nannte Regisseur Matthias Glasner bei der Pressekonferenz zum Film die Entscheidung für den Drehort Norwegen. “Es ist eine Reise ins Licht.” Deshalb sei auch chronologisch gedreht worden. Das habe sich sogar auf die Gemütsstimmung der Crew ausgewirkt.

Kalt und dunkel war es beim Dreh, gibt Jürgen Vogel zu: “Es war schon extrem”, sagte er. “Wir hatten Mühe den Mund aufzukriegen.” Die Dunkelheit habe sich sehr auf ihr Gemüt geschlagen, ergänzt Birgit MInichmayr. “Das hat mich sehr runtergezogen.” Norwegisch habe sie in sieben Wochen gelernt. Man spiele anders in einer Fremdsprache. Die Sprache sei schön und nicht schwer zu erlernen. Im Bezug auf “Gnade” mag es wohl das leichteste gewesen sein.

Am Samstagabend werden in Berlin die Goldenen und Silbernen Bären vergeben.

(APA)

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