Ghostpoet im Wiener Flex: Unterhaltend und dennoch anspruchsvoll

Obaro Ejimiwe aka Ghostpoet beehrte das Wiener Flex am Mittwoch
Obaro Ejimiwe aka Ghostpoet beehrte das Wiener Flex am Mittwoch - © AP (Archivbild)
Der britische Sänger Ghostpoet trat am Mittwochabend im Wiener Flex auf und gab die gesamte Bandbreite seiner ungewöhnlichen musikalischen Mischung aus Hip- und Trip-Hop, Indie, Alternative und Postrock zum Besten.

Auf den schnellen Erfolg ist der 35-Jährige nicht aus, was ob seiner mitunter sperrigen Songs auch auf der Hand liegt. Aber: “Ich kämpfe den richtigen Kampf, egal was dabei heraus kommt.”

Britischer Musiker Ghostpoet trat im Wien Flex auf

Dabei sind die Stücke von Ghostpoet alles andere als auf fröhlich getrimmt. Das bewiesen etwa das dunkel schimmernde “Woe Is Meee”, eine tief in den Trip-Hop reichende Glanztat mit wummerndem Bass, oder der melancholische Einstieg “Many Moods At Midnight” – beides übrigens Vertreter des aktuellen, im Vorjahr erschienen Albums “Dark Days + Canapes”. “Ich wollte nicht zwingend eine dunkle Platte machen”, erklärte der Musiker, der eigentlich Obaro Ejimiwe heißt, vor dem Auftritt im APA-Interview. “Vielmehr wollte ich das Gefühl, das mich damals umgab, einfangen.”

Ghostpoet versteht sich in dieser Hinsicht als genauer Beobachter, der weniger als dezidiert politischer Act in Erscheinung tritt, sondern einen “sozialen Kommentar” formulieren möchte. “Natürlich könnte ich über Migration reden, aber das wäre dann meine Meinung”, erläuterte Ejimiwe. “Wird Musik politisch, dann teilt das sofort die Leute. Entweder bist du dafür oder dagegen. Meine Songs sollen aber niemanden ausschließen. Klarerweise will ich nicht, dass ein verdammter Nazi meine Musik hört, aber trotzdem sollen sich so viele Menschen wie möglich angesprochen fühlen.”

Diesen bietet Ghostpoet alles andere als Wohlfühlthemen: Die von ihm selbst angesprochene Migrationsfrage verhandelt er etwa im sehr direkten, durchaus aufwühlenden “Immigrant Boogie”. In dem vom auf der Bühne charismatisch, aber grundsätzlich zurückhaltend agierenden Sänger und seinen vier Bandkollegen dargebotenen Stück vermengte sich ein harter Groove mit dem Schicksal von Bootsflüchtlingen. Stellt sich die Frage: Darf man zu so einem Stück tanzen? Oder erreicht Ghostpoet auf diese Art vielleicht sogar jene, die sich mit dieser Thematik nicht (mehr) auseinandersetzen wollen?

“Ich rede nicht viel, da kommt meist nur Mist raus. Lieber konzentrieren wir uns auf die Musik.”

“Klar, das ist eine Möglichkeit”, nickte der Sänger. “Da mag ein Stück vielleicht wie ein Wiegenlied klingen, aber dann fährst du ihnen mit dem Inhalt ins Gesicht. Die Wahrheit schmerzt. In meiner Musik gibt es wohl Elemente, denen sich viele nicht stellen wollen. Das verstehe ich. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mich damit beschäftigen muss.” Auch sein Label habe die Grundstimmung der aktuellen Songs als eher düster empfunden. “Für mich war das eigentlich ziemlich fröhlich”, lachte der Brite. “Aber gut, es liegt vielleicht am realistischen Ansatz. Vielleicht ist die Welt ein dunkler Ort. Meine Songs sind einfach eine Interpretation davon.”

Davon abgesehen schließen sich gute Unterhaltung und Anspruch keineswegs aus, wie Ghostpoet eindrucksvoll untermauerte: Auch wenn es einige Zeit dauerte, bis beim Konzerte alle – Musiker wie Publikum – auf Betriebstemperatur kamen, wurde danach höchst kurzweilig zwischen druckvollen Songs, die das Tempo anzogen (“Karoshi”), und potenziellen Indie-Hits (“Trouble + Me”) changiert. Die in Blau- und Violetttönen gehaltene Lichtshow trug ihr übriges zum gelungenen Gesamteindruck bei. Und Ejimiwe? Der freute sich in erster Linie über die Zuneigungsbekundungen der Fans und ließ sie gleichzeitig wissen: “Ich rede nicht viel, da kommt meist nur Mist raus. Lieber konzentrieren wir uns auf die Musik.”

Understatement also an allen Ecken, zeigte sich der Musiker zuvor doch als aufmerksamer Gesprächspartner, der seine Kunst ziemlich ernst nimmt. Wichtig ist ihm vor allem, sich des bereits Dagewesenen bewusst zu sein. “Man muss sich mit der Geschichte seines Genres beschäftigen”, kritisierte er etwa Popacts wie Ed Sheeran. “Ganz ehrlich: Ich kann ihn nicht mehr hören. Seine Fans durchschauen das vielleicht nicht, aber ich schon.” Hier stehe der Erfolg völlig im Vordergrund. “Musik ist aber so wertvoll, sie ist ein Geschenk. Solche Typen verschwenden das, weil sie nur an Chartplatzierungen denken.” Für Ghostpoet gilt stattdessen: Weiter für das Gute kämpfen. “Immerhin bekomme ich Gratis-Wein”, schmunzelte er Backstage.

(APA/Red.)

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