Fünf und ein halber Kandidat

Fünf und ein halber Kandidat
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Der Präsidentschafts-Wahlkampf setzt nun mit voller Intensität ein, nachdem bisher nur der Freiheitliche Norbert Hofer allein zwei Wochen lang mit seinen Plakaten das Straßenbild „verziert“ hat (was besonders während der Ostertage nicht gerade schlau war).

Fünf Vollprofis und ein Boulevard-Kasperl gehen in ein Rennen, das für alle bis auf Richard Lugner völlig offen ist, so offen wie noch nie. Eine erste Zwischenbilanz ergibt schon etliche überraschende und überwiegend positive Erkenntnisse.

Die wichtigsten:

  1. Erstmals in der Geschichte dieses Landes sind gleich fünf Kandidaten im Rennen, wo man sich bei keinem genieren muss, wenn sein Bild künftig in allen Amtsstuben hängen wird (so unsinnig es mir auch scheint, dass da überhaupt noch immer wie in einer Monarchie Bilder des Staatsoberhaupts aufgehängt werden).
  2. Es zeichnet sich nirgends eine untergriffige Schlammschlacht ab. Wie sie vor allem die SPÖ einst gegen Kurt Waldheim zum eigenen Schaden und dem Österreichs versucht hat. Wie sie noch früher die ÖVP durch Ausstreuung zahlloser Witzchen über Franz Jonas versucht hat, die diesen als geistig minderbemittelt karikiert haben.
  3. Das Geschlecht der Kandidaten spielt weder in positiver noch in negativer Hinsicht eine Rolle, sondern ist zu Recht völlig nebensächlich. Wir lernen: Das Geschlecht ist nur dann in einigen Medien ein Thema – aber auch dann ohne jedes Echo bei den Wählern –, wenn sie eine linke Feministin pushen wollen oder wenn irgendeine Minigruppe plötzlich Vorteile beim Kampf um einen Aufsichtsratsposten haben will.
  4. Die beiden linken Kandidaten im Starterfeld tun derzeit alles, um sich nach rechts zu verschieben, weil dort die Mehrheit der Österreicher steht – und in den letzten Monaten noch viel deutlicher. Alexander Van der Bellen versucht jeden Hauch der bei den Grünen zuletzt total dominanten Willkommenskultur abzustreifen und plakatiert sogar „Heimat“ (ein Wort, das jahrzehntelang alle Grünen nur zu Gift und Galle veranlasst hat) und „An Österreich glauben“ (was so ziemlich alle Parteien außer den seit Jahren nur als EU-Fanatiker agierenden Grünen tun). Und Rudolf Hundstorfer wiederum tut so, als ob er ständig den Gewerkschaften wirtschaftliche Vernunft und Mäßigung beizubringen versucht hätte, und versucht zugleich, den Eindruck zu erwecken, als ob er immer für die Asylwerber-Obergrenze gewesen wäre, obwohl es vor der Wende kein einziges diesbezügliches Zitat von ihm gegeben hat.
  5. Die Epoche ist zu Ende, in der ein Wahlsieger nur aus dem roten oder schwarzen Lager stammen könnte. Es gibt keinen Bonus mehr für die Kandidaten der Regierungsparteien. Im Gegenteil: Eine solche Herkunft ist angesichts der Unbeliebtheit der Herrn Faymann und Mitterlehner eher ein deutlicher Malus.
  6. Der ORF handelt ausnahmsweise einmal völlig richtig, indem er dem Spaßkandidaten Lugner (der mit seinem Antreten ja vor allem Gratiswerbung für seine Unternehmungen haben will) nicht die gleichen Auftrittsmöglichkeiten wie den anderen gibt.

Die Besonderheit dieses Wahlkampfs führt für viele Österreicher aber auch zu einem subjektiven Problem: Noch nie fällt ihnen eine Wahl-Entscheidung so schwer. Das zeigen nicht nur zahllose private Gespräche in den letzten Wochen. Das zeigen auch die Meinungsumfragen, die einer Hochschaubahn gleichen. Es gibt längst keine unerschütterlich treuen “Lager” mehr, auf die sich ein Politiker verlassen könnte.

Das lässt es aber auch immer deutlicher als Fehler von ÖVP und FPÖ erkennen, dass sich die nicht-linken Wähler nun zwischen drei Kandidaten entscheiden müssen. Was zur Folge haben könnte, dass die beiden linken Kandidaten in die Stichwahl kommen – vor allem, da diese selber immer mehr nach rechts drängen.

Alles ist für alle fünf noch möglich

Das freilich führt dazu, dass sie sich alle in ihrer durchaus großen Professionalität vor allem darum bemühen, keine Fehler zu begehen. Sie wollen nur Image ausstrahlen. Sie wollen, ein Bild abgeben, das möglichst jenem Bild gleicht, welches die Österreich in ihrem Inneren von einem künftigen Bundespräsidenten haben.

Nur: Wie sieht dieses Bild aus? Das weiß niemand wirklich genau. Im Grunde ist es nämlich sehr widersprüchlich.

Viele Österreicher träumen auf der einen Seite immer noch von einem Ersatzkaiser, der im allgemeinen Konsens agiert, der alles regelt. Man denke nur, wie viel Tausende persönliche Bittschriften und Wünsche an den Bundespräsidenten regelmäßig herangebracht werden. Da wirkt immer noch die geniale PR-Strategie eines Franz Joseph nach, der in der ganzen großen Monarchie den Eindruck verbreiten ließ, dass jeder, auch der einfachste Untertan, bei ihm eine persönliche Audienz erhalten kann, und dass dabei dessen Anliegen auch positiv erledigt wird. Immerhin residieren auch die republikanischen Staatsoberhäupter in der kaiserlichen Hofburg. Immerhin hängt dort jede Menge Habsburger an den Wänden (obwohl man im Furor der Republiksgründung die Habsburger einst außer Landes geschmissen und sie für das Amt des Bundespräsidenten per Gesetz als unwählbar erklärt hat).

Auf der anderen Seite ist das Vertrauen in die gesamte politische Klasse so gering wie noch nie. Die Menschen haben in ihrer Mehrheit zunehmend nur noch Verachtung für sie und die Regierung im besonderen. Auch die 180-Grad-Wendung in der Flüchtlingsfrage hat das Vertrauen keineswegs wiederhegestellt. Denn auch wenn die Regierung jetzt plötzlich im Konsens mit 80 Prozent der Bevölkerung agiert, sind die Österreicher nicht so dement, vergessen zu haben, dass insbesondere der Bundeskanzler im Vorjahr ständig das absolute Gegenteil seiner jetzigen Aussagen kommuniziert hat. Glaubwürdig wird man so nicht.

Spagat zwischen Widersprüchen

Wie soll da ein Bundespräsident einerseits den kaiserlich-staatstragenden Konsens mit der Regierung mimen, indem er mit dieser hinter Tapetentüren alles einvernehmlich regelt, und andererseits zum erkennbaren Gegenpol einer unpopulären Regierung werden? Das als Kandidat beides gleichzeitig zu vermitteln ist eigentlich unmöglich. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass er dabei überdies vorgaukeln muss, das Verhalten des Präsidenten wäre wichtig, obwohl er in Wahrheit niemals gegen die Parlamentsmehrheit (=Regierung) Politik machen kann. Das hat lediglich Thomas Klestil einmal versucht. Und furchtbar Schiffbruch erlitten.

Freilich: Politik muss nicht nur in der gegenwärtigen Lage, sondern auch sonst oft den Spagat machen zwischen widersprüchlichen Wünschen der Bürger und überdies den objektiven ökonomischen Gesetzmäßigkeiten. Das gelingt ihr nur, wenn sie das Vertrauen der Bürger hat. Das aber hat die Regierung im Vorjahr total verspielt.

Letztlich wird es den Fünfen in diesem Wahlkampf daher wohl nicht viel nutzen, wenn sie wie Boxer von der ersten bis zur letzten Runde die Deckung hochhalten, um nur ja keinen Treffer zu erhalten. Um nur ja nicht Kante, Identität und Inhalte zu zeigen.

Das kann sich höchstens Van der Bellen leisten. Denn er wird jedenfalls die Stimmen der wirklich Linken bekommen, auch wenn er jetzt tonnenweise rechte Kreide frisst. Er kann ja automatisch rechnen auf:

  • alle Grünen;
  • die SPÖ-Linken, die Faymann diesmal kräftig ihre Verachtung ausdrücken wollen, ohne der SPÖ aber substanziell zu schaden;
  • die Restbestände der sich im Promille-Bereich bewegenden Caritas-Katholische-Frauenbewegung-und-Zulehner-Linkskatholiken;
  • und die der völlig unpolitischen Menschen, die einfach das treuherzigste Gesicht und den nettesten Menschen wählen. Was Van der Bellen ja ist.

Das reicht für ihn, um angesichts der Aufspaltung der übrigen 70 bis 80 Prozent Wählerstimmen auf vier Kandidaten ziemlich sicher in die Stichwahl zu kommen. Eher zweifelhaft ist hingegen, ob Van der Bellen bloß mit dem linken Eck die Stichwahl auch gewinnen kann. Wer auch immer sein Gegner sein wird.

Hingegen täten die beiden bürgerlichen Kandidaten Andreas Khol und Irmgard Griss extrem gut daran, sich vor allem in Sachen Migrationsstopp endlich klar und unmissverständlich zu äußern, wenn sie noch gewinnen wollen. Das haben beide aber bisher völlig unterlassen. Norbert Hofer wiederum täte gut daran, sich in vielen anderen Fragen – etwa seiner einseitigen Russland-Unterstützung – zu bewegen, um auch für andere Wähler außer den Hardcore-Freiheitlichen wählbar zu werden.

Der Autor war 14 Jahre Chefredakteur von „Presse“ bzw. „Wiener Zeitung“. Er schreibt unter www.andreas-unterberger.at sein „nicht ganz unpolitisches Tagebuch“, das heute Österreichs meistgelesener Internet-Blog ist.

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