Frisch verfilmte lesbische Lovestory: Patricia Highsmiths Roman “Carol”

Patricia Highsmiths "Carol": Derzeit als Film im Kino, auch zum Lesen ein Genuss
Patricia Highsmiths "Carol": Derzeit als Film im Kino, auch zum Lesen ein Genuss - © Diogenes Verlag / KEYSTONE/Picture-Alliance/Photoshot
Bereits 1952 ein Bestseller und nun durch die aktuelle Verfilmung wieder in aller Munde ist Patricia Highsmiths Liebesgeschichte zwischen den beiden ungleichen Frauen Carol Aird und Therese Belivet. “Carol” ist unser Buch-Tipp der Woche.

Die Bücher von Patricia Highsmith (1921-1995) sind schon oft verfilmt worden. Alfred Hitchcock kaufte gleich ihren Erstling für “Zwei Fremde im Zug”. Später folgten “Nur die Sonne war Zeuge” mit Alain Delon, Wim Wenders “Der amerikanische Freund” oder “Der talentierte Mr. Ripley” mit Matt Damon.

Kultbuch “Carol”: Verfilmt mit Cate Blanchett

Nun ist das Kultbuch “Carol” an der Reihe, am 18. Dezember startete die Verfilmung, die vorab bereits auf der Viennale gezeigt wurde, offiziell im Kino. Seitens der Macher des Wiener Film-Festivals wurde “Carol” als “subtile melodramatische Studie über Geschlechterbeziehung und Klassenverhältnisse im Amerika der frühen Fünfzigerjahre” bezeichnet.

Bei den Golden Globes gab es dafür jüngst gleich fünf Nominierungen. Regie führt Todd Haynes. Cate Blanchett (46) spielt die Titelrolle der mondänen, verheirateten Frau, Rooney Mara (30) die junge Verkäuferin namens Therese.

Die Geschichte hinter Patricia Highsmiths Roman

Patricia Highsmith ist noch nicht berühmt, als sie eine schicksalhafte Begegnung hat. Im Winter 1948 jobbt die junge Autorin in der Spielzeugabteilung des New Yorker Kaufhauses Bloomingdale’s. Eine blonde Frau im Nerzmantel kauft dort eine Puppe. Highsmith sieht sie und ist ganz benommen, “wie knapp vor einer Ohnmacht”, erinnert sie sich später. Danach erfindet sie die Liebesgeschichte zu “Carol”.

“Carol” ragt unter den literarischen Thrillern heraus, dem Markenzeichen von Highsmith, die damit stilprägend war, nicht nur für den Diogenes Verlag. Das Frühwerk ist vielleicht ihr persönlichstes Buch. Highsmith veröffentlichte es 1952 unter Pseudonym. Sie wollte nicht als Autorin lesbischer Bücher etikettiert werden.

Eine “unerhörte” lesbische Liebesgeschichte

Als Taschenbuch wurde es ein Bestseller. Unerhört war damals: Die Geschichte des Frauenpaares hat eine Art Happy End. “Bis zu diesem Buch mussten weibliche wie männliche Homosexuelle ihre Neigungen büßen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, sich in einem Swimmingpool ertränkten oder indem sie zu heterosexuellen Beziehungen “überwechselten”, wie man das damals nannte, oder allein, elend und gemieden, in qualvolle Depressionen fielen”, schrieb Highsmith später in einem Nachwort. Sie bekam viel Post, von dankbaren Frauen wie Männern.

Die Zeiten waren prüde und homophob. Es waren die Jahre des Kommunistenjägers Joseph McCarthy, der Homosexuelle als Sicherheitsrisiko sah, wie Highsmith-Biograf Andrew Wilson erklärt. Wilson recherchierte auch die Geschichte der “wahren Carol”, die auf einem Bild an einen Filmstar erinnert. Kennengelernt haben sich die beiden Frauen wohl nie. Die Handlung des Romans, der Krimi- und Roadmovie-Elemente hat, ist ausgedacht. Carols Ehemann setzt darin im Streit um das Sorgerecht für die Tochter einen Detektiv auf das Paar an.

Highsmith outet sich nach fast 40 Jahren als Autorin

Highsmith bekannte sich erst mit der Diogenes-Neuauflage 1990, nach fast vier Jahrzehnten, die Autorin hinter dem Pseudonym “Claire Morgan” zu sein. Der Literaturwissenschaftler Paul Ingendaay fasst zusammen, was für ein Mensch Highsmith war, als der Roman entstand: “eine lesbische junge Frau, hochbegabt, besessen vom Schreiben, belagert von Depressionen und umspült vom Alkohol”.

20 Jahre ist der Tod von Highsmith her. Viele Anekdoten ranken sich um sie: Etwa, dass sie in ihrer Handtasche Hunderte von ihren geliebten Schnecken samt Salatkopf ausführte. Sehr begabt, aber menschenscheu soll Highsmith gewesen sein. Dieses Jahr erschien eine mehr als 1000 Seiten dicke neue Biografie. Sie trägt den Titel “Die talentierte Miss Highsmith” und beginnt mit dem Satz: “Sie war nicht nett”.

Inspirierend: Patricia Highsmith

Ihre mehr als 20 Romane und Kurzgeschichten werden schon lange besonders in Deutschland gefeiert. “Wahrscheinlich hätte ich niemals einen Kriminalroman geschrieben, wenn mir die Highsmith nicht ein Scheunentor aufgestoßen hätte” schrieb Ingrid Noll 1995 im “Spiegel”-Nachruf.

Der Diogenes Verlag, der auch die Filmrechte hat, brachte nun “Carol” mit Cate Blanchett auf dem Cover heraus. Es kommen noch weitere neue Highsmith-Filme: “Der Stümper” (Regie: Andy Goddard) ist laut Diogenes bereits abgedreht. Ben Affleck, David Fincher und Gillian Flynn planen demnach ein Remake des Klassikers “Zwei Fremde im Zug”. Und Krimi-Schurke Tom Ripley soll zum Stoff einer amerikanischen Serie werden.

“Falling in Love” zwischen starken Frauen

Wie hätte die Autorin auf “Carol” reagiert? Der Verlag zitiert ihre langjährige Lektorin Anna von Planta: “Wahrscheinlich nicht gesagt, aber gedacht hätte sich Patricia Highsmith, dass der Roman – wie der Film beweist – jetzt so gelesen wird: als Falling in Love zwischen zwei von der Liebe überrumpelten starken und wunderschönen Frauen – so wie Highsmith war und aussah, als sie sich Anfang der 50er Jahre das Buch nach einer stürmischen Begegnung in fiebrig-euphorischem Zustand niederschrieb.”

Patricia Highsmith: Carol oder Salz und sein Preis. Aus dem Amerikanischen von Melanie Walz. Roman, Diogenes Verlag, 464 Seiten, 13,40 Euro

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(apa/red)

 

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