“Fremdes Land”: Neuer Roman von Crime-Autor James Lee Burke

James Lee Burkes neuer Roman heißt auf Deutsch "Fremdes Land"
James Lee Burkes neuer Roman heißt auf Deutsch "Fremdes Land" - © Frank Veronsky/jamesleeburke.com / Heyne Verlag
Ein Roman über das Böse in Menschengestalt: Crime-Autor James Lee Burke wurde seinem Fach etwas untreu und erzählt ein Epos um Hass, Gier, Intrigen und Liebe. “Fremdes Land” ist unser Buch-Tipp der Woche.

“Ich kann Ihnen nicht sagen, was das Böse ist. Das überlasse ich den Theologen. Doch ich kann Ihnen sagen, wie das Böse in Menschengestalt aussieht.” Damit wird Weldon Holland, Erzähler in James Lee Burkes “Fremdes Land”, auch permanent konfrontiert. Der US-Autor ist seinem Krimi-Fach etwas untreu geworden und hat eine Geschichte um Macht, Intrigen, Untreue, Gier, aber auch Liebe verfasst.

Zentrale Romanfigur bei James Lee Burke: Dave Robicheaux

Burke, mittlerweile 79 Jahre alt, ist einer der lesenswertesten gegenwärtigen Crime-Schriftsteller abseits der im Genre üblichen Pfade. Bekannt wurde der Texaner in erster Linie wegen seiner mittlerweile 20 Bände umfassenden Roman-Serie um den unkonventionellen Polizisten Dave Robicheaux, der, ausgestattet mit seinem eigenen Moralkodex, in New Orleans Fälle löst. Burke verfasste aber auch einige Romane, in denen Mitglieder der Familie Holland im Mittelpunkt stehen – etwa das jüngst auf Deutsch erschienene Buch “Fremdes Land”. Das mag Crime-Noir-Elemente enthalten, ist aber mehr Steinbeck’sches Epos als Krimi.

Die Geschichte geht zurück bis 1934, als der junge Weldon Holland eine kurze, den Burschen aber prägende Begegnung mit Bonnie und Clyde hat. Burke führt seinen Helden dann auf die Schlachtfelder Europas, schildert das Grauen der KZ aus Sicht des US-Soldaten, der eine befreite Insassin, eine entfernte Verwandte der Arbeiterbewegung-Ikone Rosa Luxemburg, nach Amerika mitnimmt und heiratet. Mit einem Kriegskameraden macht Holland im Ölgeschäft ein Vermögen und sich mächtige Feinde in patriarchischen, rassistischen Männern, die keine Konkurrenz dulden und über dem Gesetz zu stehen glauben – oder zumindest mit diesem verbündet sind.

“Fremdes Land”: Vom Bösen und der Gewissenlosigkeit

“Wir waren Kinder eines Zeitalters des Übergangs”, sagt Weldon. “Und wir sollten die letzte Generation sein, die noch auf die moralische Glaubwürdigkeit der Republik gewettet hätte.” Doch seine Widersacher kennen keine Skrupel. Zunächst schnüffelt ein schmieriger Privatdetektiv (“sein Atem stank wie ein Fass verdorbenes Obst”) im Leben der Hollands, dann kommt es zu Bedrohungen, Missbrauch, Erpressung und Gewaltexzessen. “Ich weiß nicht, ob sich manche Menschen bewusst für das Böse entscheiden oder ob sie schlicht ohne Gewissen zur Welt kommen”, fragt der Erzähler.

So ganz kann sich Burke von Robicheaux nicht lösen, viele Zeilen in “Fremdes Land” könnten auch von dem Südstaaten-Cop stammen: “Doch der Anbruch der Moderne war gleichbedeutend mit dem Siegeszug der Bürokraten, Feiglinge und Tyrannen”, etwa. Die Geschichte geizt nicht mit biblischen Motiven, manchmal erschütternd, manchmal zu dick aufgetragen. Das Böse lauert überall, lässt sich aber auf keinen Hauptschurken festlegen, es sind die Handlanger und Betroffenen, denen Burke hier Raum gibt. Das ist eine Stärke des Romans.

Originaltitel: “Wayfaring Stranger”

James Lee Burke legt seine Charaktere gefinkelt an, gibt ihnen viele teils überraschende Eigenschaften, lässt sie nicht eindimensional agieren. Man durchschaut manche Motivationen lange nicht. Die eine oder andere Figur wirkt zugleich unausgegoren. Der Autor zeichnet ein überzeugendes Bild von Rassismus, Korruption und Paranoia (hier die Angst vor Linken in der McCarthy-Ära). “Wayfaring Stranger” – so der Originaltitel – hat auf seinen rund 570 Seiten allerdings auch Schwächen: Die grundsätzlich interessante Handlung driftet bisweilen in Längen ab, bemüht Klischees und wirkt manchmal zu konstruiert.

Burke blickt einmal mehr mit großen Worten tief in menschliche Abgründe, die sich nicht immer erklären lassen. Oder wie es einer der Protagonisten in “Fremdes Land” zusammenfasst: “Das Leben ist ein ziemliches Arschloch, was?”

James Lee Burke: “Fremdes Land”, deutsche Übersetzung von Ulrich Thiele, Heyne Verlag, 576 S., broschiert, 18,50 Euro

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(apa/red)

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