Flüchtlingsstrom bringt neue Herausforderungen in der Wohnpolitik

In Wien wird nur von einem "großen Hype" gesprochen.
In Wien wird nur von einem "großen Hype" gesprochen. - © APA (Sujet)
Durch den Flüchtlingsstrom steht Österreichs Wohn- und Wohnbaupolitik vor zusätzlichen Herausforderungen. “Wir brauchen einfach mehr neuen Wohnraum”, meinte der Bundesobmann der Arge Eigenheim, Christian Struber, bei einer Tagung in Wien. Asylberechtigte, die ein Aufenthaltsrecht in Österreich bekommen haben, wären dabei die spezielle Zielgruppe.

Zur Unterbringung denkt Struber vor allem an vorhandene, aber leerstehende Wohnungen in strukturschwachen Gemeinden. Allein bei gemeinnützigen Wohnbaugesellschaften seien zumindest rund 1.000 anerkannte Flüchtlinge untergebracht, habe eine rasche Bestandsaufnahme ergeben, wahrscheinlich seien es tatsächlich wesentlich mehr. Für die Flüchtlingsunterbringung sollte bei Wohnobjekten, die abgerissen werden sollen, der Abbruch um ein dreiviertel Jahr oder Jahr verschoben werden.

Wohnflächen für Asylberechtigte benötigt

Neue, fürs Wohnen geeignete Flächen könnten schon erschlossen werden, zeigte sich der Geschäftsführer der Salzburg Wohnbau überzeugt. Struber verwies auf erdgeschoßige Einkaufsmärkte, auf das Schließen von Lücken in Arealen, wo etwa Wohnbereiche, EKZ und Hotels zusammenkommen, aber noch freier Platz ist – und auf Tankstellen-Projekte, bei denen darüber 85 Studentenzimmer geschaffen werden. Ohne diese Phantasie “bringen wir die 30.000 bis 40.000 Wohnungen, die wir ohnedies brauchen, nicht zustande – von den Flüchtlingen gar nicht zu reden”. Die Integration der Zugewanderten müsse aber unbedingt begleitet werden, und zwar durch professionelle soziale Dienstleistungserbringer.

Das Salzburger Rote Kreuz wurde voriges Jahr vom Land Salzburg ersucht, ein Konzept für eine Container-Unterbringung zu erstellen – und hat sich letztlich für Holzfertigteil-Bauten in Holzriegelweise entschieden, berichtete der Rot-Kreuz-Landesrettungskommandant Anton Holzer am Donnerstagabend bei einem Symposium von wohnen.plus, Buwog und dem Bau!Massiv!-Fachverband. Maßgabe sei u.a. ein Preis von unter 1.000 Euro pro m2 sowie eine Wiederverwendbarkeit gewesen. Aufgestellt würden sie auf Privatgrundstücken, mit deren Eigentümern Pachtverträge für zehn Jahre geschlossen worden seien.

Projekte zur Unterbringung von Flüchtlingen

Eine Akzeptanz der Bevölkerung für die vom Roten Kreuz selbst betriebenen Unterbringungs-Anlagen in Seekirchen und in Tamsweg, dreigeschoßig und für je 76 Bewohner, habe es gegeben, weil eine 24-Stunden-Betreuung gewährleistet sei. Solche Einrichtungen seien für die Grundversorgung gedacht, “wir schließen eine Lücke für Asylwerber”. Sobald ein Bescheid da sei, könnten die Untergebrachten noch vier Monate bleiben. Drei weitere Projekte seien geplant und schon eingereicht. Unabdingbar sei die Möglichkeit einer Krisenintervention. “Die brauchen auch viele, weil sie aus Krisengebieten kommen.”

Für günstige und einfache Unterkünfte sprach sich die Architektin Sabine Pollak aus. Ihr sei ein guter temporärer Stahlbaucontainer lieber als schlechte feste bauten, meinte sie. Die Unterkünfte müssten “bewohnbar, identitätsstiftend und kommunikationsfördernd” für die Flüchtlinge sein und sich bei der Konzeption an den Wohnbedürfnissen der Flüchtlinge orientieren. Dabei gehe es wohl nicht um die üblichen 75-m2-Wohnungen mit einem Mini-Kellerabteil – “Wohnungen, wie wir sie jetzt bauen, passen glaube ich weder für uns noch für die Flüchtlinge”, meinte die Vizerektorin für Internationales & Genderfragen an der Kunstuniversität Linz. Überdimensionierte Wohnungen seien nicht praktikabel. Angegangen werden sollten zudem “Normen, die das Bauen verteuern, die Qualität verschlechtern und zum Wohnen nichts beitragen”, forderte sie.

“Großer Hype” in Wien

Aus Sicht von Wohnservice-Wien-Geschäftsführer Peter Neundlinger gibt es in der Bundeshauptstadt gar kein Flüchtlings-Problem, er sprach von einem “großen Hype” und nannte Zahlen: Voriges Jahr seien 45.000 Personen zusätzlich in Wien angekommen, 2,4 Prozent der Bevölkerung. Das seien lediglich 8.000 mehr als im Jahr 2014 gewesen – bezogen auf die Gesamtbevölkerung lediglich ein Plus von 0,44 Prozent.

Bis zum Jahr 2025 wolle Wien 100.000 neue Wohnungen bauen – pro Jahr seien dies 10.000, davon 7.000 geförderte und 3.000 freifinanzierte. Nun habe Wien nachgelegt und verstärke die Neubautätigkeit ab 2017 um 30 Prozent auf 13.000 Einheiten im Jahr, davon 9.000 geförderte. 2014 habe die Stadt rund 689 Mio. Euro an Fördermitteln für den Sektor Wohnen zur Verfügung gestellt, die Hälfte für den Neubau. Größte Herausforderungen seien Baugrund-Mobilisierung, Infrastruktur und Wohnqualität. Nötig sei “Integration für hoffentlich viele Menschen, die hierbleiben wollen”. Neundlinger: “Wenn wir andere Ethnien hierher bekommen, ist es eine Chance – speziell für Gemeinden, die starke Abwanderung haben.”

2015 seien rund 50.000 Flüchtlinge nach Österreich gekommen, “die bleiben werden”, sagte der Vorsitzende des Integrationsbeirates im Außenministerium, Heinz Fassmann. Zu denen kämen aber noch andere Migranten hinzu. Asylanträge seien voriges Jahr etwa 90.000 gestellt worden. 2014 habe die Nettozuwanderung etwa 70.000 Personen betragen, 2013 circa “50.000 plus”. Georg Bursik vom WKÖ-Fachverband Steine-Keramik meinte, wenn jährlich 30.000 bis 50.000 Flüchtlinge in Österreich bleiben, bedeute dies binnen weniger Jahre 150.000 bis 200.000 Menschen zusätzlich, dafür seien 70.000 bis 80.000 Wohnungen nötig. Fassmann sprach von einer immensen Herausforderung für die Wohnwirtschaft: “Wahrscheinlich müsste man die gesamte Wohnbauleistung nur für die Zielgruppe Flüchtlinge machen”, so der Vizerektor für Forschung und Internationales der Uni Wien. Wichtig sei die Ankurbelung des Wohnungsneubaus, aber nicht “speziell” für Flüchtlinge, sonst drohe es “politisch” in die “falsche Ecke” zu gehen.

(apa/red)

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