Filmmuseum-Chef Loebenstein: “Wie Jungfrau in einer Orgie”

Loebenstein hofft auf eine gute Zusammenarbeit
Loebenstein hofft auf eine gute Zusammenarbeit - © APA
Mit 1. Oktober übernimmt Michael Loebenstein die Direktion des Österreichischen Filmmuseums. Für den 43-jährigen Wiener, der die vergangenen sechs Jahre an der Spitze des National Film and Sound Archive of Australia (NFSA) stand, ist es eine Heimkehr. Sieben Jahre lang hatte er am Filmmuseum die Vermittlungs- und Forschungsabteilung aufgebaut, als ihn 2011 der Ruf nach Canberra ereilte.

“Ich war damals mitten in interessanten Forschungsprojekten, war aber an diesem Punkt meines Lebens neugierig darauf, etwas Neues zu probieren. Ich habe also meine Bewerbung abgegeben, hab’s aber für sehr unwahrscheinlich gehalten, dass sie erfolgreich sein könnte”, erinnert sich Loebenstein im APA-Gespräch. Umso größer war dann die Überraschung. Immerhin ist das australische Staatsarchiv für audiovisuelle Dokumente mit 220 Mitarbeitern an vier Standorten rund zehnmal so groß wie das Österreichische Filmmuseum. “Ich hab’ in Australien zu delegieren gelernt. Das Filmmuseum war personell immer so schlank aufgestellt, dass es nie jemanden gab, an den man hätte delegieren können. Die Vermittlungs- und Forschungsabteilung waren ich und ein Praktikant, der dann Teilzeitmitarbeiter wurde”, erzählt der neue Direktor schmunzelnd.

Und noch zwei weitere Handicaps galt es zu überwinden. “Ich war in Australien mit 37 Jahren der jüngste Direktor einer Bundeskultureinrichtung und auch innerhalb meiner Institution einer der jüngsten Mitarbeiter. Und ich war Ausländer. Es gibt zwar in Australien, was die Bestellungen von Leitungen von Kultureinrichtungen betrifft, eine Tradition, sie oft entweder mit Ausländern oder mit Australiern, die einige Jahre im Ausland zugebracht haben, zu besetzen. Das ist in Australien aber nicht unumstritten. Und so gab es bei meiner Bestellung Stimmen, warum man einen Ausländer auf das nationale Kulturerbe aufpassen lässt. Als jetzt mein Nachfolger bestellt wurde, ein Holländer, ging die Debatte wieder los.”

Für Wien musste Loebenstein, der nach vier Jahren außertourlich bis Jahresmitte 2019 verlängert worden war, um vorzeitige Auflösung seines Vertrags ersuchen. Aus Australien bringt er nun nicht nur Leitungserfahrung mit, sondern auch Erfahrung im Umgang mit Politik und Öffentlichkeit sowie mit Bauprojekten (wie der eines Archivneubaus mit achteinhalb Laufkilometer Regalfläche) oder Budgetengpässen – alles Dinge, die er im Filmmuseum gut brauchen wird können.

“In einem öffentlichen Amt wie diesem hat man auch eine Verantwortung, in der Sache und zum Wohle der Allgemeinheit und des Zugangs zu Kunst und Kultur das Wort zu ergreifen. Das werde ich auch tun.” In Australien hatte er vier Budgetkürzungen in Folge sowie das Einfrieren von Investitionsmitteln zu verkraften. “Was ich gemacht habe, um uns aus dieser depressiven Situation herauszuführen, war, Brücken zu anderen Kulturinstitutionen zu schlagen. Wir dürfen uns nicht fragmentieren lassen, wir müssen mit einer Stimme sprechen!” Das führte schließlich dazu, dass etwa alle mit der Bewahrung des Kulturerbes befassten Institutionen gemeinsame Zukunftsstrategien zu Lagerung, Digitalisierung und Veröffentlichung erarbeiteten. “Das wurde auf Beamtenebene ein Leuchtturmprojekt genannt, aus politischen Gründen, die nicht unähnlich denen in Österreich sind, aber auf die lange Bank geschoben.”

“In Österreich würde das bedeuten, dass sich Filmarchiv Austria, Filmmuseum, Heeresgeschichtliches Museum, der ORF, das Staatsarchiv, die Nationalbibliothek und das Technische Museum gemeinsam an einen Tisch setzen und auf höchst kollegialer und professioneller Ebene ihre Einzelanliegen hintanstellen und über gemeinsame Lagerungs-, Katalogisierungs- und Digitalisierungs-Infrastrukturen sprechen.” Überflüssig zu sagen, dass genau das eines der ersten Ziele von Loebenstein als Filmmuseumsdirektor sein wird.

“Nach Wien zurückzukommen ist ja wie eine Jungfrau in eine Orgie hineinzukommen. Ich stehe nun mit großen Augen da und weiß nicht, ob ich mich fürchten oder freuen soll. Es sieht hier natürlich so aus, als ob die Kulturlandschaft heillos zersprengt wäre. Ich glaube aber, dass es jetzt mit einem ganzen Schwung neuer Leitungen eine große Chance gibt, dass wir mit weniger Territorialismus solche Fragen angehen. Und ich sehe auch auf Seite der Republik eine gewisse Lust, auf diesem Sektor die Initiative zu ergreifen.”

Dass das Filmmuseum anders als andere nationale Filmarchive in Europa oder den USA keine Bundesinstitution sondern ein privater Verein ist, sichere zwar die Unabhängigkeit, sei aber nur aus der Geschichte zu erklären, so Loebenstein.

“Ich möchte den bereits losgetretenen Diskussionsprozess nicht abwürgen, sondern ganz offen die Frage stellen: Was bedarf es in Österreich für Strukturen, und das können ja auch mehrere sein, um sicherzustellen, dass wir das Filmerbe adäquat für die Zukunft sichern. Lagerung, analoge Umkopierung, Digitalisierung – all’ das passiert im Moment weder systematisch noch transparent.”

Loebenstein hält das geplante Film Preservation Center in Laxenburg grundsätzlich für eine ausgezeichnete Initiative, ein erstes Treffen habe ihm aber bewusst gemacht, “wie sehr institutionelle Einzelinteressen und Vorbehalte und jahrelange schlechte Erfahrungen zwischen den Institutionen diese Diskussion unsachlich gemacht haben. Das war eine Ernüchterung, die ich aber sowohl gegenüber der Republik als auch gegenüber dem Filmarchiv thematisiert habe. Gerade aufgrund der offenbar jahrzehntelangen Schwierigkeiten zwischen den beiden Häusern wäre ein von der Republik gesetzter Akt des Neuanfangs zu begrüßen.”

Zu einem Neuanfang bei den seit Jahren angespannten Beziehungen zwischen Filmmuseum und Filmarchiv Austria sei er jedenfalls bereit, betont Loebenstein: “Ich habe auch Ernst Kieninger (Leiter des Filmarchivs, Anm.) gegenüber klar zum Ausdruck gebracht, dass ich nicht interessiert bin an einer Fortsetzung persönlicher Animositäten. Ich wünsche mir einen aufrichtigen, das heißt aber auch kritischen, transparenten Umgang miteinander, weil das sind wir der Öffentlichkeit schuldig.” Immerhin funktioniere die Zusammenarbeit bei dem gemeinsam betriebenen Nitrofilm-Archiv in Laxenburg klaglos.

Überhaupt kann sich der neue Filmmuseum-Chef mit vielen Institutionen eine engere Zusammenarbeit oder Partnerschaft vorstellen. Dabei geht es weniger um die Behebung der Platznot in den Depots (“De facto sind die Lager so gut wie voll und wir spielen Tetris da drin. Wir müssen in den nächsten Jahren eine neue Lagerlösung finden.”) als um Platz für wissenschaftliche Arbeit und Vermittlungstätigkeit: “Derzeit haben wir dafür eigentlich nur unseren Kinosaal und sechs Sitzplätze in der Bibliothek, die gleichzeitig ein Durchgangszimmer ist. Wir haben die größte Fachbibliothek des Landes und eine riesige Videothek – aber keine Sichtungsplätze.”

Ein von mehreren Institutionen gemeinsam betriebenes Besucher- und Studienzentrum könnte auch weiter gefasst sein: “Es kann ja auch andere Museumsinstitutionen geben, die ein Interesse an einem gemeinsamen Büro und Vermittlungsstandort haben. Ich bin für alles offen. Ich bin im Moment auf Vermittlung der Stadt Wien in einer allerersten Sondierungsphase. Also habe ich das Glück, dass ich als leidenschaftlicher Kulturwissenschafter und Stadthistoriker mir einfach Orte in Wien anschauen kann, die gerade erst entstehen.” Das “unsichtbare Kino” in der Albertina bleibt jedoch wie für seine Vorgänger auch für ihn ein unverzichtbarer Standort – obwohl er mit der Entwicklung des Umfelds zu “Busbahnhof” und “Selfie-Stiege” nicht glücklich ist. Vielleicht werde es aber im Foyer kleinere bauliche Veränderungen geben.

Bei der Programmierung des Filmmuseums plane er “keinen radikalen Einschnitt”, verspricht Loebenstein. “Das ist ein Zug, der rollt, und den anhalten ginge nur mit Entgleisung. Es geht vielmehr um eine wirkliche Kontinuität und eine Adaption, Erweiterung und Transformation des Museums.” Mit dem Auslaufen von Alexanders Horwaths Programmschiene “Utopie Film” soll in einem ersten Schritt Peter Kubelkas Zyklus “Was ist Film?” nach 16 Jahren wieder in der ursprünglich intendierten Form (jeden Dienstag zwei Vorstellungen) gezeigt werden. “Ich plane auch ein eigenes Format, mit dem ich mich auf eine noch offene Reise durch bestimmte Gedanken des Kinos begeben will. Das wird, wenn man so will, unser neuer Museumsflügel.”

(APA)

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