Filmkomponist Hans Zimmer kommt nach Wien: “Ich konnte nur Musik machen”

Hans Zimmer gibt ein Konzert in Wien.
Hans Zimmer gibt ein Konzert in Wien. - © AP
Hans Zimmer gehört seit Jahrzehnten zur absoluten Topliga von Hollywoods Filmkomponisten. Am 13. Mai 2016 kommt der gebürtige Deutsche erstmals live nach Wien – davor sprach er im Interview darüber, was es für ihn ausmacht, ein “Filmkomponist” zu sein und was Fans sich von dem Konzert erwarten können.

Der 58-Jährige sprach in London über die blödsinnige Haltung gegenüber Computern, sein furchtbares Lampenfieber und die Parallelen zwischen Komposition und Operation.

Hans Zimmer im Interview

Wann haben Sie sich entschieden, Filmkomponist zu werden?

Ich kann mich nicht genau erinnern, wann mich die Leidenschaft gepackt hat. Ich sage zwar immer, dass es mit sechs Jahren war – aber, um ehrlich zu sein, ist mein Gedächtnis dafür nicht gut genug. Musik war jedenfalls immer um mich herum, auch wenn ich nur zwei Wochen Klavierstunden hatte. Mit zwölf Jahren habe ich dann heimlich “Once Upon a Time in the West” mit Ennio Morricones Musik gesehen und mir gesagt: Das möchte ich auch machen. Es erscheint aber ziemlich unmöglich, wenn du ein Kind aus Frankfurt bist, eines Tages Hollywoodkomponist zu werden. Ich war aber zu nichts anderem zu gebrauchen. Ich konnte nur Musik machen.

Freuen Sie sich, vor einer großen Menschenmenge auf der Bühne stehen zu können?

Ich habe furchtbares Lampenfieber. Der Punkt für mich war nur: Wenn ich es jetzt nicht tue, wann dann?! Man darf die Angst nicht die Überhand gewinnen lassen. Nach außen wirke ich auf der Bühne sehr cool, innerlich ist es jedoch die Hölle. Man muss aber damit leben lernen, oder es lassen. Ich habe Paul McCartney in Los Angeles getroffen, um hier mal ganz angeberisch mit Namen um mich werfen. Der hat mir von seinem furchtbaren Lampenfieber erzählt. Er hat mir dann aber gesagt: Du musst dir klar machen, dass das Publikum auf deiner Seite ist. Vielleicht geht es dabei einfach auch um einen gewissen Respekt gegenüber dem Publikum.

Weshalb haben Sie beschlossen, nach all der Zeit erstmals vor ein Publikum zu treten?

Ich habe 30 Jahre damit verbracht, mich hinter einer Leinwand in einem dunklen Raum zu verstecken. Jetzt ist der Punkt gekommen, an dem man zu sich stehen muss und sagen: Ist da was dahinter, oder ist alles nur ein großer Scheiß? Deshalb gibt es keine Bilder und keinen Dirigenten in der Show. Es gibt nur das Orchester und die Band. Ich kann niemanden zwingen oder überreden, meine Musik zu lieben. Entweder bewegt sie dich, oder nicht. Genau das ist aber auch das Schlimme für mich: Wenn ich das Publikum nicht mehr bewege, werde ich irrelevant. Und dann? Ich bin nicht der Typ, um daheim vor dem Fernseher zu sitzen. Ich habe nicht mal einen Fernseher!

Den Abend nicht als große Lichtshow, sondern als Symphoniekonzert anzulegen, war für Sie kein Thema?

Ich hatte immer Probleme damit, dass einem der Dirigent im Konzert den Rücken zuwendet. Da zahlt man Geld dafür, dass sich jemand von einem abwendet! Und dann sitzen da lauter Musiker, die wie in einer schlechten Ehe aussehen, bei der ein Partner beim Frühstück in seine Unterlagen starrt. Wir haben uns deshalb entschieden, die Barriere zwischen Zuschauer und Orchester gleichsam zu entfernen und die Kommunikation ganz direkt zu gestalten. Und bei der Filmmusik schreibt man in der einen Minute für einen Chor, in der nächsten für eine Rockband und in der dritten für ein Orchester. Das alles ist mein Vokabular. Insofern war klar, dass ich keinen Klavierabend machen werde – da hätten Sie mich wahrscheinlich erschossen!

Stehen Sie mit dem Computer auf der Bühne?

Ja, denn ich glaube, dass der Computer ein völlig gleichberechtigtes Instrument ist. Alle Musik ist Technologie. Denken Sie an eine Stradivari, ein unglaubliches technisches Instrument seiner Zeit. Ich weiß nicht, wann wir mit dem Blödsinn angefangen haben, Computer und Synthesizer nicht als Instrumente zu begreifen. Wenn es einen Ton von sich gibt, will ich es haben! Ich bin kein Purist in der Frage, wie wir eine Botschaft vermitteln. Es muss nur eine Botschaft geben. Wir wollen etwas machen, an das man sich erinnert.

Kennen Sie das Gefühl einer Schreibblockade?

Ich bekomme dann eine Schreibblockade, sobald ich eine Pause mache. Wenn ich auf Urlaub bin, komme ich zurück und denke mir: Ich habe keine Ahnung, wo die Musik herkommt. Das ist wie bei Sportlern, bei denen sich die Muskeln sofort zurückbilden.

Wie gehen Sie mit dem Spannungsfeld Ihrer persönlichen Wünsche und den Vorstellungen des Regisseurs um?

Ich wollte etwa unbedingt mit Chris Nolan bei seiner Batman-Trilogie arbeiten, sah mich aber nicht imstande, Musik für Batman zu schreiben. Ich weiß, wie ich den ‘Dark Knight’ beschreibe, aber nicht Bruce Wayne. Das Dunkle fällt mir leicht. Aber ich hatte keine Ahnung, wie ich die andere Seiten schreiben könnte. Deshalb hat man James Newton Howard für die zweite Hälfte engagiert. Ich habe keine musikalische Ausbildung. Das Einzige, das mir bleibt, ist, mich in die Protagonisten zu verwandeln.

Hat sich Ihre Art zu komponieren in den vergangenen Jahren verändert?

Ich variiere zwar die Stile, um mich nicht zu langweilen. Aber im Endeffekt läuft es immer so ab, dass ich alleine dasitze und mir denke: Ich habe keine Idee, was ich hier mache. Das dauert ewig, und auf einmal taucht da eine Melodie auf, von der aus ich weiterarbeite und die schrecklichen zwei Wochen vorher vergesse. Das ist wie bei einer Operation, bei der man auch hinterher die Schmerzen vergisst. Das ist aber auch zugleich die Falle: Deshalb schreibe ich immer noch Filmmusik. Auch wenn das eigentlich idiotisch ist.

>> Hans Zimmer gastiert am 13. Mai 2016 in der Wiener Stadthalle – mehr Infos hier.

(Martin Fichter-Wöß/APA)

 

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