"Fast wäre ich Disco-König geworden!"

"Fast wäre ich Disco-König geworden!"
Das erzählte uns Slobodan Batričević, der Trainer der Kampfmannschaft “Wiener Sportklub” im Interivew. Warum er sich doch noch für Fußball entschieden hat, erfährst Du hier.
 Slobodan Batričević

Im Anschluß auf die Pressekonferenz zum Comeback des traditionellen Wiener Stadthallenturniers, Dribblansky, trafen wir in der Hotellobby Slobodan Batričević, der uns seine ganz persönliche Erfolgsgeschichte erzählte.

  Sie leben seit 1985 in Österreich. Wie kam es zum Umzug? 

Das stimmt, ich bin seit 1985 in Österreich und bin als Fußballer zu First Vienna gekommen. Wie ich nach Österreich kam, ist eigentlich eine ziemlich komische Geschichte. Ein Freund aus Belgrad hatte damals einen Bekannten in Wien. Ich dachte damals: Aha, das ist ein Manager. Ich habe erst später erfahren, dass dieser Bekannte eigentlich nur ein Rezeptionist war in einem Hotel am Parkring. Aber es ist dennoch alles gut verlaufen. Er hat für mich ein Probetraining bei Vienna arrangiert und ich bin gleich am nächsten Tag für das Team engagiert worden. Es geht auch ohne Manager, ohne große Ereignisse.

Wie fühlte sich das neue Leben an?

Für mich war das einerseits eine neue Welt. Plötzlich hatte ich doch viel mehr Geld als damals in Belgrad, weil ich in Jugoslawien in einem eher mäßigen Verein, OFK Beograd, gespielt habe. Das war kein reicher Verein und ich war es nicht gewohnt viel Geld zu verdienen. Seit damals habe ich hier doch eine schöne Summe verdient. Zudem war es für mich auch darüber hinaus schön und interessant hier zu sein. Wien ist eine wunderschöne Stadt. Auch Freunde von mir waren hier und ich habe mich dadurch wie zu Hause gefühlt.

Wie sind Sie eigentlich zum Fußball gekommen?

Das war die übliche Geschichte. Ich habe Fußball mit Freunden auf der Straße gespielt. Damals gab es ja auch nicht so viele Autos. Das war Anfang der 60er Jahre. Wir haben selten einen Lederball gehabt. Vielmehr sind Bälle aus Kunststoff, Plastik gewesen. Wir nahmen irgendwas. Heute trainieren Kinder mit  Bällen, die unterschiedlich groß sind und aus verschiedenen Materialen bestehen. Das haben wir als Kinder machen  müssen. Es gab für uns nichts anderes. Für uns Kinder damals war das ganz normal.

Wie verlief die erste Zeit in Österreich?

Die ersten zwei Jahre waren für mich wie ein Traum. Bevor ich nach Österreich gekommen bin, hatte ich schon einige Vorurteile gegenüber Land und Leuten gehabt. Ich dachte, sie seien eher unsympathisch und die deutsche Sprache war in meinen Ohren auch nicht die schönste. Natürlich habe ich im Laufe der Zeit meine Meinung geändert und fühle mich wohl in Wien. Die Sprache ist auch sehr schön, nur hart zum Erlernen (lacht).

Haben Sie bereits Deutsch gesprochen als Sie nach Österreich gekommen sind?

Nein, ich habe nur Englisch in Belgrad gelernt. Deutsch konnte ich nicht, höchstens „Auf Wiedersehen“, „Guten Nacht“ oder „Danke“. Meine Fußballer-Kollegen haben sich auf Deutsch mit mir unterhalten und so habe ich es auch gelernt. Ich hatte ja nicht nur Freunde aus Jugoslawien im Verein oder außerhalb. Ich habe viel Zeit mit den Österreichern verbracht.

Fiel Ihnen die Integration in Österreich leicht? Hat es eine gewisse Zeit gedauert, bis Sie das Gefühl hatten: Jetzt bin ich hier angekommen?

Es war von Anfang an schön. Nach Jugoslawien zurück zu kehren kam mir erst Ende der 80er bzw. Anfang der 90er in den Sinn. Damals ist es Jugoslawien unter Premierminister Ante Markovic gut gegangen. Die Wirtschaft lief viel besser und dann dachte ich, meine Fußballerkarriere ist bald zu Ende, ich sollte anfangen zu investieren. Dann kam der Krieg und das Thema vom Tisch. Zum Glück bin ich hier geblieben. Seitdem dachte ich auch nie mehr an eine Rückkehr.

Hatten Sie auch unangenehme Erfahrungen als Nicht-Österreicher?

Abgesehen von Beschimpfungen am Fußballplatz,  was für mich aber eine ganz normale Sache ist, hatte ich keine schlechten Erfahrungen. Die österreichische Staatsbürgerschaft habe ich 1990, nach 5 Jahren, bekommen. Ich hatte mit der Bürokratie als sogennanter „Jugo“ keine Schwierigkeiten.

Werden Sie manchmal von Heimweh-Gefühlen gepackt?

Manchmal schon, aber in den letzten Jahren verschwand dieses Gefühl immer mehr.

Wo liegen für Sie die Vor- bzw. Nachteile im Bezug auf das Jugoslawien im Vergleich zu Österreich?

Wenn man sieht, was in den letzten 15 Jahren im ehemaligen Jugoslawien passiert ist, kann man sagen: Es gibt nur Vorteile in Österreich zu leben.

Gab es etwas, dass Sie in Österreich vermisst haben, bevor der Krieg in Jugoslawien ausgebrochen ist?

Das war einerseits die Sprache, andererseits habe ich meine Freunde und Familie in Belgrad vermisst. Jedenfalls hatte das Ganze nie etwas mit Geld zu tun nach dem Motto: Hier verdiene ich mehr, in Jugoslawien weniger. Wenn jetzt ein gutes Angebot aus Serbien, Kroatien oder Bosnien käme, dann wäre das auf jeden Fall eine Überlegung wert. Früher (Anm. d. Red.: vor dem Krieg) hätte ich sofort zugestimmt, heute würde ich es mir vorher gut überlegen.

Sie sind in Belgrad geboren und aufgewachsen. Fahren Sie gelegentlich nach Belgrad noch?

Ich fahre fast monatlich nach Belgrad. Meine Eltern und gute Freunde wohnen immer noch dort. Meine Freundin wohnt auch in Belgrad, das funktioniert gut seit mittlerweile drei Jahren. Aber natürlich sind die Beziehungen zu manchen Freunden und Verwandten nicht so stark wie einst, im Laufe der Zeit entfernt man sich immer ein bisschen voneinander. Meine Sommer- und Winterurlaube verbringe ich gern in Kroatien oder Montenegro. Ich fühle mich unten nach wie vor sehr wohl.

Haben Sie einen Tipp für jungen Menschen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen und hier in Österreich leben?

Das ist natürlich schwer zu sagen, denn jeder hat seine Geschichte. Aber eines kann ich tun: Ich empfehle jedem sich so schnell wie möglich zu integrieren, aber niemals die eigenen Wurzeln zu vergessen. Das heißt sie sollen manchmal unsere Bücher und Zeitschriften lesen oder sich manchmal Heimatsender ansehen, egal jetzt ob serbisches, kroatisches oder mazedonisches Fernsehen. Ich habe immer versucht beides miteinander zu verbinden, ein guter Jugoslawe, ein Serbe, ein Montenegriner, ich weiß selbst nicht was ich manchmal bin (lacht), zu sein und ein guter Österreicher zugleich. Aber manchmal bricht die Liebe für die Heimat noch durch: Vor einigen Wochen hat mein Herz beim Länderspiel gegen Österreich schon für Serbien geschlagen. Das ist kein Geheimnis. Aber bei allen anderen Spielen bin ich für Österreich.

Es gibt in Wien viele Lokale, die ihr Angebot auf die Zielgruppe der Bosnier, Kroaten oder Serben zugeschnitten haben, etwa was die Küche oder die Musik betrifft. Sind Sie manchmal unterwegs in der Szene?

Ja, gelegentlich. Ich habe viele Freude, die in der Gastronomie tätig sind und hier mache ich auch keinen Unterschied. Ein sehr guter Freund von mir arbeitet in der Pizzeria Sole, er ist ein Albaner. Es gibt ein Lokal im 9. Bezirk wo ich mich sehr wohl fühle, das ist kein Nobellokal. Aber ein guter Freund von mir arbeitet dort, ein Gastwirt aus Serbien. Ich bin auch gern im Restaurant Belgrad in der Schikanedergasse oder bei meinem guten kroatischen Freund im 9. Bezirk im Restaurant „Scala“.

Wie sieht ihr Alltag als Trainer aus?

Im Moment schaut es ziemlich locker aus. Der Wiener Sportklub ist seit Sommer ja eher ein Amateurverein. Vor zwei Jahren waren wir vielmehr profimäßig orientiert. Damals haben wir auch am Vormittag trainiert. Jetzt trainieren wir nur noch am Nachmittag. Dadurch habe ich genug Freizeit. Aber als Trainer muss ich auch planen: kurzfristig, mittelfristig und langfristig. Ich muss schauen, dass das Training nicht immer gleich abläuft und  fad wird, das ist nicht gut für die Mannschaft. Ich muss kreativ bleiben.

Was hätten Sie gemacht wenn Sie nicht Fußballer geworden wären?

Ich wäre der Discokönig! (lacht) In den ersten Jahren in den 80ern habe ich fast jeden Abend in der Disco verbracht. Also war damals die Disco-Musik die Nr.1 für mich. Ich war viel im Big Apple, dann Take Five, Bond, Celentano, hauptsächlich im 1. Bezirk. Mittlerweile frage ich mich, wie kann man jede Nacht in der Disco verbringen. (lacht)

Fact-Box

Name: Slobodan Batričević
Geburtsort: Belgrad, Serbien
Geburtsort: 03. Jänner 1958
Wohnort: Wien
Tätigkeit: Trainer der Kampfmannschaft Wiener Sportklub
Web:
http://www.wienersportklub.at

Lieblingsessen: Grill, italienisch, österreichisch-bürgerlich
Lieblingsmusik: Serbische Volksmusik, Jazz, Klassik, Hip Hop u.a.
Lieblingssportler: Früher Roger Federer, jetzt Novak Djoković und Jelena Janković
Lieblingslokale: u.a. Ristorante Scala, Restaurant Beograd, Trattoria-Pizzeria Sole

Vereinskarriere

Zeitraum Verein
11/2006 – bis jetzt Wiener Sportklub
07/2006 – 11/2006 FC Admira Wacker Mödling
07/1991 – 06/1993 LASK Linz
07/1987 – 06/1991 Kremser SC
07/1985 – 06/1987 First Vienna
07/1976 – 06/1985 OFK Beograd

 

 

 

 

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