Etwa 100 Tschetschenen demonstrierten in Wien gegen Kadyrow

Etwa 100 Tschetschenen demonstrierten in Wien gegen Ramsan Kadyrow
Etwa 100 Tschetschenen demonstrierten in Wien gegen Ramsan Kadyrow - © DAPD
Etwa 100 Tschetschenen haben Samstag, den 23. Jänner am Wiener Heldenplatz gegen Einschüchterungsversuche des tschetschenischen Präsidenten Ramsan Kadyrow und für Eigenstaatlichkeit der russischen Teilrepublik demonstriert.

Nach einer Wiener Kundgebung im Dezember hatte Kadyrow in der Heimat lebenden Angehörigen von Demonstranten gedroht. Aktivisten erzählten nun von konkreten Übergriffen.

Tschetschenen demonstrierten in Wien

“Wir sind heute auf diesen Platz gekommen, um damit zu illustrieren, dass wir niemanden fürchten”, sagte der tschetschenische Exilpolitiker und Demonstrationsorganisator Huseyn Iskhanov mit Verweis auf Kadyrows Drohungen. Diese Demonstration habe jedoch nichts mit der Pro-Kadyrow-Großkundgebung vom Freitag in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny zu tun, betont Iskhanov gegenüber der APA. Die WienerKundgebung sei bereits am 18. Jänner behördlich angemeldet worden.

Auf Plakaten kritisierten Demonstrationsteilnehmer eine “Diktatur in Tschetschenien”, sie forderten ein Ende von extralegalen Hinrichtungen sowie Meinungsfreiheit in der russischen Teilrepublik. Gleichzeitig bezeichneten sie aber auch Russlands Präsidenten Wladimir Putin als Mörder, über den das internationale Strafgericht in Den Haag urteilen solle. Die Exiltschetschenen machen den russischen Präsidenten gleichzeitig auch für alle Übergriffe des Kadyrow-Regimes verantwortlich.

Demonstration trotz Kälte

Trotz Kälte und Schneetreiben folgten am Samstag etwa 100 Tschetschenen dem Aufruf der Organisatoren – allerdings weniger als bei der letzten Kundgebung am 24. Dezember 2015, bei der die in Österreich lebenden Tschetschenen am Heldenplatz gegen brutale öffentliche Erniedrigungen von Kadyrow-Kritikern in Tschetschenien demonstriert hatten und damit den Zorn des Kreml-treuen Republikschefs auf sich gezogen hatten.

“Warum erlauben sie (die Demonstranten in Wien, Anm.) sich in Bezug auf die Führung der Republik und des Volkes zu äußern?”, hatte Kadyrow Ende Dezember erklärt und angekündigt, diese Frage mit Verwandten von Demonstrationsteilnehmern klären zu wollen.

Demo wegen angeblicher Drohungen

Nach Angaben von in Österreich lebenden Tschetschenen ist es mittlerweile dazu auch gekommen. “Zwei Tage, nachdem ich bei der Demonstration in Wienauftrat, fanden sie heraus, woher ich stamme: Teils maskierte Angehörige von Kadyrow-Milizen kamen in mein Dorf, nahmen einen Cousin vorübergehend fest, folterten ihn und verhafteten auch einen weiteren Verwandten”, berichtet gegenüber der APA ein Demonstrant, der nicht namentlich genannt werden wollte. Nunmehr versuchten Kadyrows Leute an einen Elternteil heranzukommen, um ein Video aufzunehmen, in dem sich dieser vom Sohn in Österreich lossagt.

Der Tschetschene berichtete gleichzeitig aber auch von unbestätigten Gerüchten, dass die tschetschenische Führung kürzlich den Auftrag erteilt habe, die aktivenWiener Demonstrationsteilnehmer ermorden zu lassen. “Es gibt Leute, die dafür bereits Geld bekommen haben”, sagte er und erinnerte an den Fall Umar Israilow. Dieser tschetschenische Flüchtling und ehemalige Kadyrow-Leibwächter war im Jänner 2009 auf offener Straße inWien erschossen worden. Ermittler des WienerLandesamts für Verfassungsschutz hatten damals Ramsan Kadyrow verdächtigt, das Verbrechen in Auftrag gegeben zu haben.

Kadyrow reagiert auf Gegner brutal

Kadyrow regiert in Tschetschenien äußerst brutal und lässt seine Gegner auch außerhalb der Teilrepublik verfolgen. Kritiker werfen ihm schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Mehrere Kritiker des Tschetschenenführers wurden ermordet, darunter die investigative Journalistin Anna Politkowskaja. Auch im Fall der Ermordung des russischen Oppositionellen Boris Nemzow werden Täter aus Tschetschenien hinter der Tat vermutet.

Nach dem ersten Tschetschenienkrieg (1994-1996) zwischen Unabhängigkeitskämpfern und russischen Truppen marschierte Moskaus Armee 1999 erneut in die Kaukasusrepublik ein. Die Aufständischen entwickelten sich über die Jahre zu einer bewaffneten islamistischen Bewegung, die mittlerweile den gesamten Nordkaukasus umfasst. Kadyrows Vater und Vorgänger Achmat war 2004 von Rebellen getötet worden; er hatte die Seiten gewechselt und sich auf die Seite der Staatsmacht gestellt.

> Weitere Nachrichten aus Wien

(APA)

Leserreporter
Bild an VOL.AT schicken


0Kommentare

Herzlichen Dank für Ihren Kommentar - dieser wird nach einer Prüfung von uns freigeschaltet. Beachten Sie, dass dies gerade an Wochenenden etwas länger dauern kann. Kommentare von registrierten Usern werden sofort freigeschaltet - hier registrieren!

noch 1000 Zeichen