Erste Neujahrsansprache von Bundespräsident Alexander Van der Bellen

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Bundespräsident Van der Bellen bei seiner ersten Neujahrsansprache
Bundespräsident Van der Bellen bei seiner ersten Neujahrsansprache - © APA / Bundesheer / Peter Lechner
Im Beisein von 22 Schülern gab Bundespräsident Alexander Van der Bellen die erste Neujahrsansprache. 2018 stellt ein Jubiläumsjahres sondergleichen dar, die “großen, lichten Augenblicke” werden würdig gefeiert, man dürfe aber auch die “dunkelsten Aspekte unserer Geschichte niemals vergessen”, so Van der Bellen.

Die Republik feiert im neuen Jahr ihren 100. Gründungstag: “1918 haben nur wenige Menschen es für möglich gehalten, dass unsere Republik überlebensfähig sein würde. Geschweige denn, dass sie sich zu dem derart schönen und erfolgreichen Land entwickeln würde, das es heute ist.”

Erste Neujahrsansprache Van der Bellens im Zeichen des Jubiläumsjahres

Es jährt sich aber auch der sogenannte “Anschluss” Österreichs an Nazideutschland zum 80. Mal: “Erinnern wir uns, dass Österreicherinnen und Österreicher während der Nazi-Diktatur Opfer und Täter waren. Diese Erinnerung muss wach bleiben.” Rassismus, Antisemitismus und zerstörerischer Nationalismus dürfen nie mehr wiederkehren, forderte der Bundespräsident daher.

Ein weiteres Jubiläum stellt die Erklärung der Menschenrechte dar, die vor 70 Jahren von der UNO-Generalversammlung beschlossen wurde. Außerdem übernimmt Österreich im zweiten Halbjahr 2018 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union: “Wir können dabei als Brückenbauer an gemeinsamen europäischen Lösungen arbeiten”, erklärte Van der Bellen, der sich froh darüber zeigte, dass sich die “weit überwiegende Mehrheit” der Österreicher für das Vereinte Europa ausspricht.

Junge Menschen sind die Zukunft – als Zeichen die 22 Kinder

Junge Menschen sind die Zukunft und als Zeichen dafür hat Van der Bellen zu seiner Ansprache 22 Kinder zwischen sieben und 15 Jahren in die Hofburg eingeladen. An die Jüngsten gerichtet erklärte der Bundespräsident: “Ich wünsche mir, dass wir Erwachsene alle ein bisschen von Euch lernen.” So wie sie mit Neuem und Veränderung ganz selbstverständlich umgehen, sollten es auch Ältere tun.

“Unser Land hat viele gute Jahre hinter sich und wenn wir alle uns Neugier und Offenheit erhalten können, haben wir auch viele gute Jahre vor uns”, ist der Bundespräsident überzeugt. Es war Van der Bellens erste Neujahrsansprache, nachdem er zwar bereits 2016 gewählt, aber erst im Jänner 2017 angelobt worden war.

Die Rede im Wortlaut hier zum nachlesen:

Guten Abend, meine sehr geehrten Damen und Herren. Wieder ist ein neues Jahr angebrochen, und ich möchte die traditionelle Neujahrsansprache heute ein bisschen weniger traditionell halten. Ich stehe hier im Kreise von Schülerinnen und Schülern im Alter von sieben bis fünfzehn Jahren, sozusagen Botschafterinnen und Botschafter der jungen Generationen. Herzlich willkommen und danke, dass ihr mich hier in unserer Hofburg besuchen kommt.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, vor uns liegt ein Jahr, in dem sich die Jahrestage freudvoller Jubiläen genauso wie die Jahrestage gravierender Einschnitte treffen werden. Die Geschichte unserer Republik ist eben reich an großen, lichten Augenblicken, auf die wir stolz sein können und die wir würdig feiern werden. Das darf uns aber niemals die dunkelsten Aspekte unserer Geschichte vergessen lassen. 2018 bietet uns die Möglichkeit, beides zu tun.

So feiert unsere Republik ihren 100. Gründungstag. 1918 haben nur wenige Menschen es für möglich gehalten, dass unsere Republik überlebensfähig sein würde. Geschweige denn, dass sie sich zu dem derart schönen und erfolgreichen Land entwickeln würde, das es heute ist.

Heuer jährt sich aber auch der sogenannte “Anschluss” Österreichs an Nazideutschland zum 80. Mal. Erinnern wir uns, dass Österreicherinnen und Österreicher während der Nazi-Diktatur Opfer und Täter waren. Diese Erinnerung muss wach bleiben. Und zwar nicht nur in unseren Köpfen, sondern auch in unseren Herzen. Rassismus, Antisemitismus und zerstörerischer Nationalismus dürfen nie mehr wiederkehren.

“Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren”. So lautet der erste Satz der “Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte”. Auch daran erinnern wir uns heuer. Denn vor 70 Jahren wurde die Erklärung der Menschenrechte von der UNO-Generalversammlung beschlossen.

Und außerdem wird Österreich im zweiten Halbjahr 2018 den Vorsitz im Rat der Europäischen Union übernehmen. Wir können dabei als Brückenbauer an gemeinsamen europäischen Lösungen arbeiten. Ich bin in diesem Zusammenhang froh, dass sich die weit überwiegende Mehrheit der Menschen in Österreich für das Vereinte Europa ausspricht.

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger, neben diesen absehbaren Ereignissen wird das neue Jahr – so wie jedes Jahr – auch vieles bringen, mit dem wir jetzt noch nicht rechnen. Schöne und vielleicht auch weniger schöne Überraschungen.

Je länger Ihr lebt, liebe Schülerinnen und Schüler, desto mehr Veränderungen und Überraschungen wird es für Euch geben.

Ich wünsche mir, dass wir Erwachsene alle ein bisschen von Euch lernen. Von Euch hier in der Hofburg und von Euch, liebe junge Menschen, zu Hause. Von Euch, die Ihr am Beginn Eures Weges steht, die Ihr in Kindergärten geht oder vielleicht heuer das erste Mal die Schule besucht, die Ihr eine neue Sprache oder schon einen Beruf erlernt, von Euch, die Ihr noch an der Uni inskribiert seid.

So wie Ihr mit Neuem und Veränderung ganz selbstverständlich umgeht, so sollten wir Älteren das auch tun. Wir brauchen Eure Neugier. Eure Freude, spielerisch Neues zu entdecken. Eure Bereitschaft, Dinge, die Ihr noch nicht kennt, freudvoll anzunehmen und Euch anzueignen. Auch Eure Selbstverständlichkeit, Dinge neu zu denken. Die Zuversicht. Den Spaß. Die Fähigkeit, neue Freundschaften zu schließen und ohne Vorurteile aufeinander zuzugehen. – Bewahrt Euch das bitte.

Denn schon bald werdet Ihr diejenigen sein, die die Welt gestalten und neu bauen. Ihr werdet Dinge lernen und beherrschen, von denen ich noch nicht einmal träumen kann. Und, naja, vielleicht greift Ihr manchmal auch auf die Erfahrung von uns Älteren zurück und macht sie Euch zu Nutze.

Die Aufgabe von uns, Euren Müttern und Vätern, Omas und Opas, Euren Lehrerinnen und Lehrern, Tanten und Onkeln, – also von uns allen – ist es, Eure Talente zu erkennen, zu respektieren und zu fördern. Und Euch zu ermutigen, die Welt und das Leben für Euch zu entdecken. Mit Freude und Zuversicht. Und allem was dazugehört.

Liebe Österreicherinnen und Österreicher! Unser Land hat viele gute Jahre hinter sich. Und wenn wir alle uns Neugier und Offenheit erhalten können, haben wir auch viele gute Jahre vor uns.

Ich möchte allen Menschen, die in Österreich leben, Glück, Gesundheit und Erfolg wünschen. Und wir alle wünschen Ihnen von ganzem Herzen ein gutes Neues Jahr!

(APA/Red.)

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