25. Mai 2009 11:14; Akt.: 25.05.2009 11:14

"Enthüllungsbuch" über Karl Lagerfeld

"Enthüllungsbuch" über Karl Lagerfeld © AP
Wohl kaum jemand in der internationalen Öffent­lich­keit inszeniert sich so gekonnt als Kunstfigur und kontrolliert so sehr sein Image wie der aus Hamburg stammende Modeschöpfer Karl Lagerfeld.

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Nun sieht sich der weltbekannte 75-Jährige, der manchmal behauptet, fünf Jahre jünger zu sein, auch mit der deutschsprachigen Version des sogenannten Enthüllungsbuches “Karl Lagerfeld und ich” konfrontiert (2007 in Frankreich als “Merci Karl!” erschienen). Der Franzose Arnaud Maillard (37) – lange Zeit rechte Hand des Designers – plaudert darin aus dem Nähkästchen. Ein Muss für Lagerfeld-Fans.

Das im Zusammenhang mit Lagerfeld viel benutzte Wort “Modezar” legt schon nahe, wie es wohl im Umfeld von “Kaiser Karl” zugeht. Und so dürfte es für niemanden eine Überraschung sein, dass der Couturier eitel, sehr launisch und despotisch sein kann.

Maillard schildert nun also den Narzissmus seines Ex-Chefs über viele Seiten im Detail. Er erzählt, wie schnell der Cola-Light-Süchtige Menschen fallenlassen kann, wie er herrscht, aber auch wie großzügig und freundlich er sein kann – trotz aller immer wieder zur Schau gestellten Unnahbarkeit.

Der Leser lernt Lagerfeld, der als Industriellen-Sohn (“Glücksklee”) sein ganzes Leben lang wohlhabend war, als eine Art erwachsenes Kind kennen, das sich selbst als Puppe sieht. Im 10. der 13 chronologischen Kapitel erzählt Maillard, der das Buch zusammen mit Karine Papillaud schrieb, eine Begebenheit aus dem Jahr 2001. Sie macht den exklusiven Exhibitionismus des Trockenshampoo-Liebhabers Lagerfeld exemplarisch deutlich.

Der Modeschöpfer habe ihm einen Umschlag gereicht: “Darin liegt ein etwas unscharfes Polaroidbild. Sieht aus wie Albert Einstein. Aber nein, wenn man genauer hinschaut, erkennt man… natürlich, das ist Karl! Ohne Brille, ohne Zopf, ohne Schminke. Seine struppigen grauen Haare stehen in alle Richtungen vom Kopf ab. Er ähnelt eher einem verrückten Wissenschaftler als einer Ikone der Modewelt. Ich pruste vor Lachen. “Das sind wirklich Sie?” – “Aber ja, mein Lieber. Es ist jeden Morgen das Gleiche. Was glaubst du, wie lange man da Hand anlegen muss, bis die Marionette sich sehen lassen kann!”"

Für Maillard ist Lagerfeld, bei dem er spätestens mit dem Buch in Ungnade fiel, nach wie vor ein Idol – ein Genie, das aus fast allem Geld machen kann. Besonders eindrucksvoll stellt er das am Beispiel der HM-Kollektion dar, die Lagerfelds Entourage im Jahr 2004 entwarf. Doch nicht nur da wird das millionenschwere Mode-Business dem Laien anschaulich erklärt. Ein Glossar am Schluss macht den Leser im Laufe der Lektüre zu einem Kenner der Modemetropole Paris und der Fashion-Szene.

Karl Lagerfeld ist eine Legende. Als Talkshow-Gast ist der Schnellsprecher unschlagbar. Sein Anekdoten- und Aphorismen-Schatz scheint unerschöpflich. Der Kolumnist Harald Martenstein (“Zeit Magazin”) beschrieb Lagerfeld vor ein paar Jahren mal als “einen dürren, lederhäutigen Mann mit Pferdeschwanz”, der “wirr” rede, “dies aber auf geistig anregende Weise”. Typisches Verhalten: “Mit dem Gesichtsausdruck eines Leguans” geradeaus starren und dabei verächtlich den “Schildkrötenhals” zucken lassen.

Martensteins Beschreibung und viele andere Berichte lassen den kapriziösen Karl immer weniger als Menschen denn als Karikatur seiner selbst, als Marke, erscheinen. Auch Maillards Buch ist eigentlich mehr Markenwerbung als Abrechnung. Es passt bestens in den Mythos und das Bild, das der Designer sowieso von sich zeichnet. Lagerfeld könnte Maillard, wenn er diese Regung denn kennt, dankbar sein.


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