Empire Me – Der Staat bin ich

Empire Me – Der Staat bin ich
“L’etat c’est moi” – diese Maxime Ludwigs XIV. setzen in postabsolutistischen Zeiten immer mehr Menschen in ihrer direkten Umgebung in die Tat um. Mikronationen, Sekten, Kommunen und Kunstprojekte florieren, wenn die Nationalstaaten als ebenso dominant wie hilflos empfunden werden.

Sechs dieser privaten Staatsgründungen porträtiert der österreichische Filmemacher Paul Poet in seinem aktuellen Dokumentarfilm “Empire me”, einer essayistischen Gegenweltreise. Ab Donnerstag (19. Jänner) in den heimischen Kinos.

Über acht Jahre hinweg hat Poet (“Ausländer Raus! Schlingensiefs Container”) Dutzende dieser Kleinststaaten und Parallelgesellschaften besucht, um daraus sechs Geschichten von der Suche nach Unabhängigkeit als repräsentativ zu extrahieren. In sechs Episoden erzählt der 40-Jährige von möglichen Selbstermächtigungen abseits des eigenen Facebook-Auftritts.

Mit bisweilen bewusst in Handkameraästhetik gedrehten Erzählungen aus dem Aussteigeralltag entführt Poet in die meist abgekapselten Neugemeinschaften. Diese umfassen so unterschiedliche Lebenskonzepte wie die esoterische Damanhur-Kommune in Italien oder die “Hutt River Provinz” in Australien, die von einem ebenso selbst ernannten wie selbstironischen Prinzen regiert wird. Im esoterischen Disneyland tragen die Bewohner Blumennamen und machen Musik, in Australien stempelt man Pässe von Backpackern und verleiht Ordensmitgliedschaften.

Ebenfalls monarchisch geht es in der Mikronation “Sealand” zu – einige Aussteiger unter Führung von Major Paddy Roy Bates haben sich bereits 1967 auf einem ausrangierten Flakturm in internationalen Gewässern eingerichtet und träumen mittlerweile von einem internationalen Zentrum für herrenloses Steuerfluchtkapital. Das deutsche ZEGG (Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung) setzt hingegen auf freie Sexualität unter den Mitgliedern, während beim Veteran der alternativen Lebenskonzepte, dem Kopenhagener Christiania, die Konflikte nicht nur zwischen Polizei und Bewohnern, sondern auch untereinander aufbrechen. Mit Schrottbooten schippern hingegen die Swimming Cities übers Mittelmeer – ein alternativer Lebenszustand, für den es keine Vorschriften gibt, wie ein Kontrolleur bescheiden muss.

Poet nähert sich seinen Protagonisten affirmativ, zeigt ihre Sicht der Welt, des Lebens, will mögliche Einstiege in ein neues Sein aufzeigen. Er verpackt seine unkommentierten Schilderungen kontrastierend in schnelle, assoziative Bilder und Schnitte, verbunden mit hochästhetisierten Nahaufnahmen von Karten, zerborstenen Globen und untermalt von der fordernden Musik Alexander Hackes (“Einstürzende Neubauten”). Er selbst wird wiederholt in einer Industrieruine vor einer im ähnlich lädierten Zustand befindlichen Weltkarte sitzend gezeigt, während er im Off über Staat und Individuum, Freiheitssuche und Freiheitsbegriff sinniert. So bleiben die Probleme auch in den selbst gewählten Alternativgesellschaften oftmals dieselben wie in der globalen Gesellschaft: Wer darf Grenzen setzen, wie sind diese zu respektieren, wer bestimmt, welche Norm muss eingehalten werden? Ein engagiertes Filmessay über Anarchie und Hierarchie und über das Streben nach Selbstbestimmung.

(APA)

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