EM-Turnierdirektor: “Terrorangst? Derzeit medial bisschen überbewertet”

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Turnierdirektor Martin Kallen über die anstehende EURO in Frankreich.
Turnierdirektor Martin Kallen über die anstehende EURO in Frankreich. - © AFP Photo/Mathieu Alexandre
EURO-2016-Turnierdirektor Martin Kallen über den Stand der Vorbereitungen, den Ausnahmezustand in Frankreich und die Angst vor Terroranschlägen bei der EM.

Der von der UEFA eingesetzte EURO-2016-Turnierdirektor Martin Kallen hat große Erfahrungen bei der Organisation von Fußball-Europameisterschaften – schon bei den kontinentalen Endrunden 2004, 2008 und 2012 fungierte der Schweizer in leitender Position. Allerdings wurde keines dieser Events dermaßen von Terrorängsten überschattet wie die anstehende EM in Frankreich.

Dennoch war Kallen im Interview mit der APA bemüht, diesbezügliche Bedenken zu zerstreuen und sprach auch über seine persönlichen EURO-Favoriten.

Frage: Inwieweit ist die EURO 2016 schon auf Schiene?

Martin Kallen: Wir sind mit dem Stand der Vorbereitungen sehr zufrieden, sie laufen auf Hochtouren. Alle Stadien sind fertig und schon benutzt worden, auch hier sind wir sehr gut aufgestellt.

Welche Rolle spielt es in den Vorarbeiten, dass die UEFA im Moment keinen Präsidenten hat?

Wir arbeiten wie immer, wichtige Entscheidungen wurden schon lange getroffen, von daher gibt es keine Änderungen im Vergleich zu vorangegangenen Turnieren. Wenn jetzt Entscheidungen nötig sind, werden sie durch das UEFA-Exekutivkomitee getroffen.

Wie groß sind die Parallelen zwischen dem anstehenden Turnier und den Europameisterschaften 2004, 2008 und 2012, bei denen Sie ebenfalls federführend tätig waren?

Es ist schwierig, Vergleiche zu ziehen. Bei allen vier Events ist es nach dem gleichen Muster abgelaufen, aber überall hat es andere Schwerpunkte gegeben. 2004 in Portugal war es der Stadionbau, 2008 in Österreich und der Schweiz ein bisschen der Stadionbau und auch die Tatsache, dass die EM in zwei Ländern ausgetragen wurde. Das war auch 2012 in Polen und der Ukraine so, da ist es auch noch um die Infrastruktur gegangen und darum, dass in diesen Ländern erstmals eine große Veranstaltung ausgetragen wurde. Für die EM 2016 war der Schwerpunkt am Anfang auf der Wirtschaftskrise und dann ist der zusätzliche Schwerpunkt Sicherheit dazugekommen.

Kallen: “Im Moment ist die Situation ruhig”

Wie stark ist die zusätzliche Belastung für die Turnier-Organisatoren durch die erhöhte Sicherheits-Problematik?

Es bedeutet keinen zusätzlichen Aufwand. Wir haben uns von Anfang an mit dem Veranstalterland auf mögliche Terroranschläge vorbereitet. Die Sicherheitsvorkehrungen sind auf den vorangegangenen Turnieren aufgebaut, mit Sicherheitsringen und genauen Eingangskontrollen.

Was bedeutet der im Moment in Frankreich herrschende Ausnahmezustand für die anreisenden Fans?

Einzige Änderung ist, dass sie bei der Einreise den Reisepass herzeigen müssen. Ansonsten werden sie den Ausnahmezustand nicht groß zu spüren bekommen. Der Ausnahmezustand ist mehr ein Vorteil für die Behörden, weil sie dadurch gewisse Maßnahmen beschleunigen können.

Wie konkret ist nach derzeitigen Erkenntnissen die Terrorgefahr bei der EM?

Es gibt keine Anzeichen, dass die Terror-Warnstufe erhöht werden müsste. Im Moment ist die Situation sehr ruhig. Frankreich ist sehr gut vorbereitet auf dieses Thema, aber natürlich ist diese Sache in den Medien und in den Köpfen der Leute immer an erster Stelle. Es ist wichtig, den Leuten mitzuteilen, dass das Turnier sicher und alles gut vorbereitet ist. Wir nehmen das Thema Sicherheit immer ernst. Es ist wichtig, dass alle, die zu den Spielen gehen, sich sicher fühlen und eine gute Zeit haben.

Halten Sie die diesbezüglichen Bedenken für überzogen?

Das Thema ist derzeit medial ein bisschen überbewertet.

Wie realistisch ist das Szenario, dass zumindest einige Spiele ohne Fans ausgetragen werden müssen?

Das ist bei uns derzeit kein Thema. Ich sehe im Moment keine Gefahr, dass Spiele abgesagt oder verschoben werden müssten. Die diesbezügliche Letztentscheidung trifft die französische Regierung in Zusammenarbeit mit der UEFA und dem französischen Verband.

Und wie groß ist die Gefahr von Ausschreitungen zwischen rivalisierenden Fan-Gruppen?

Sehr klein. Die Europameisterschaft ist ein Fest, die Leute kommen, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Das war schon in der Vergangenheit so und ich sehe nicht, warum es 2016 anders sein sollte.

Bei den vergangenen beiden Europameisterschaften schaffte es keines der vier Gastgeber-Teams in die K.o.-Phase. Wie wichtig wäre diesmal ein weites Vordringen der französischen Auswahl?

Ich hoffe, dass Frankreich möglichst lange dabei ist. Das Team des Veranstalters ist ein wichtiger Bestandteil für den Erfolg eines Turniers.

Wem räumen Sie die besten Chancen auf den EM-Titel ein?

Mein persönlicher Favorit ist Frankreich, ich werde aber meinem Heimatland Schweiz und natürlich auch den Österreichern die Daumen drücken. Ich habe noch immer einen sehr guten Kontakt nach Österreich, außerdem haben die Österreicher eine gute Mannschaft und einen Schweizer Teamchef.

(APA, Red.)

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