“Elektra” im Schauspielhaus: Familienaufstellung mit Umlegen

Muttermord zu Silvester: Im Wiener Schauspielhaus beendete man das alte Jahr am Sonntag mit der Uraufführung der Antikenparaphrase “Elektra – Was ist das für 1 Morgen?”, für die Jacob Suske und Ann Cotten den Mythos in eine elektronische Kammeroper kleideten. Die Familienaufstellung einer denkbar dysfunktionalen Familie endet letztlich mit dem Tod – auch dem der progressiven Ordnung.

Schauspielhaus-Dramaturg Jacob Suske legt mit der elektronischen Kammeroper seine erste Regiearbeit in Wien vor und hat sich dabei gleich einen denkbar monumentalen Stoff herausgesucht, stellt er sich doch gemeinsam mit seiner Coautorin Ann Cotten in eine lange Reihe an Bearbeitungen des Elektra-Stoffes über das Atriden-Geschlecht und seinen Fluch. Als Orientierungslinie dient den beiden die Euripides-Deutung des Mythos um den Rachemord der Kinder Elektra und Orest an ihrer Mutter Klytaimnestra und deren Liebhaber Ägisth, die ihrerseits den Vater Agamemnon niedergemetzelt hatten.

Und dennoch schwebt nicht der Fluch des Atriden-Geschlechts und die Blutrache als Dominante über dem Geschehen, meiden die beiden Autoren doch die klare Verortung in Gut und Böse. Jede der vier Figuren wird in ihrer eigenen Berechtigungslogik belassen. Klytaimnestra ist die letztlich liebende Mutter, die verzeihen möchte, und Ägisths Ablehnung dieses Ansinnens speist sich aus der verständlichen Angst, dass die Kinder der Geliebten Risikofaktoren im erblühenden Idealstaat Mykene sind, den er und seine Gefährtin errichtet haben.

Überhaupt nimmt die Beziehung der beiden sonst meist nur am Rande geschilderten Racheopfer breiten Raum ein, stehen doch am Anfang Szenen einer Ehe, wenn Ägisth und Klytaimnestra (im Genderswitch von Vassilissa Reznikoff und Sebastian Schindegger interpretiert) beim Frühstück über den Alltag als Politiker philosophieren. Schließlich sorgen gerade die TöpferInnen für eine Blase am Markt.

Der einst verstoßene Orest wiederum kehrt als liberaler Investor aus den USA zurück, der plant, Biohühnerzuchtanlagen im großen Stil zu errichten, was Schwesterherz Elektra, die mittlerweile ihr bodenständiges Dasein als Bäuerin idealisiert, sauer aufstößt. Und so bringt am Ende nicht Orest seine Mutter und deren Liebhaber um, sondern Elektra im Streit um die richtige Landwirtschaftspolitik ihren Bunder und die gemeinsame Mutter. Die Vertreterin der alten Ordnung ergreift letztlich die Macht, führt die Monarchie wieder ein, während Klytaimnestra/Ägisth einst als aufgeklärte Herrscher die Demokratie beförderten.

Suske und Cotten zeichnen ihre Protagonisten mit hoher Selbstironie und nehmen ihre Figuren dennoch ernst – ein Ansatz, der sich auch in der von Patricia Ghijsens gestalteten Bühne niederschlägt, die an die Urlaubsstimmung einer griechischen Insel gemahnt, wenn diese von Anna Viebrock inszeniert würde. Diese Ambivalenz schlägt sich auch auf der musikalischen Seite nieder, changiert die “elektronische Kammeroper” doch als Nummernrevue zwischen Bombastpop, Muscialklängen, Weill-Zitaten und Rock, auch wenn die Brandenburgischen Konzerte einmal um die Ecke lugen. Als gar nicht stille Beobachterin leitet Mirella Kassowitz als Meisterin der Liveelektronik das Geschehen, in dem ein letztlich desillusionierter Ägisth überbleibt. Familienaufstellungen sind eben kein Zuckerschlecken.

(APA)

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